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Die Polizeipräsenz auf dem Taksim-Platz war erneut sehr stark.
Die Polizeipräsenz auf dem Taksim-Platz war erneut sehr stark.(Foto: REUTERS)

Türkischer Polizist wieder frei: Demonstranten fordern Gerechtigkeit

Bei einer Demonstration in Ankara feuert ein Polizist einen tödlichen Schuss ab. Er trifft einen Demonstranten in den Kopf. Weil er aber aus Notwehr gehandelt haben soll, kommt er bis zur Verhandlung frei. Dagegen haben nun zahlreichen Menschen protestiert.

Tausende Menschen haben gegen die Freilassung eines türkischen Polizisten demonstriert, der bei heftigen Protesten in Ankara einen Demonstranten erschossen haben soll. In Istanbul zogen die Menschen am Abend zum Taksim-Platz, wo die Polizei weiter starke Präsenz zeigte, wie Augenzeugen berichteten.

Gut eine Stunde lang skandierten die Demonstranten Parolen wie "Für Gerechtigkeit" und "gegen Faschismus". Dutzende Polizisten hinderten sie daran, auf die Mitte des symbolträchtigen Platzes vorzudringen, der als Herz der landesweiten Proteste gegen die islamisch-konservative Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan gilt. Demonstrationen gab es auch in mehreren anderen Städten.

Der wegen eines tödlichen Schusses beschuldigte türkische Beamte war am Vortag aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Das in der Hauptstadt zuständige Gericht habe entschieden, dass der Polizist nach dem Stand der Ermittlungen in Notwehr gefeuert habe, berichteten türkische Medien. Er wurde deswegen bis zur Verhandlung auf freien Fuß gesetzt.

"Ich hatte Angst, dass sie mich lynchen"

Am 1. Juni war der junger Demonstrant Ethem Sarisülük bei Protesten in Ankara von einer Kugel aus der Schusswaffe des Polizisten am Kopf getroffen worden. Knappe zwei Wochen später starb er an den Folgen der Verletzung. Er lag mehrere Tage in einem Krankenhaus und wurde dann für hirntot erklärt.

Sarisülüks tödliche Verletzungen sind auf einem Video dokumentiert. Die Videoaufnahme zeigt, wie ein Polizist in Ankara auf einen am Boden liegenden Demonstranten eintritt und dann in ein Handgemenge mit Steine werfenden Demonstranten zu geraten droht. Er feuert aus seiner Waffe und rennt dann mit aufgesetztem Helm und dem Gürtel hängenden Gummiknüppel weg.

Die Demonstranten hätten ihn attackiert, zitierte die Zeitung "Hürriyet" den Polizisten. "Sie nahmen meinen Helm und meinen Knüppel. Sie griffen mich an und traten mich. Ich hatte Angst, dass sie mich lynchen. Um mich zu schützen, feuerte ich in die Luft", habe er erklärt.

Obama telefoniert mit Erdogan

In der Türkei hatte es heftige Kritik daran gegeben, dass die Polizeiführung die Identität des mutmaßlichen Schützen zunächst nicht preisgeben wollte. Er wurde dann doch in Gewahrsam genommen. Die Protestbewegung fordert eine Bestrafung von Verantwortlichen für Polizeigewalt.

Bei den Protesten gegen Erdogans Regierung, die Ende Mai begonnen hatten, wurden mehrere Menschen getötet und tausende weitere verletzt. Das brutale Vorgehen der türkischen Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten hatte die Kritik weiter angefacht und auch international für Kritik gesorgt.

US-Präsident Barack Obama telefonierte unterdessen mit dem türkischen Regierungschef Recep Tayyip Erdogan. Dabei kamen auch die Demonstrationen in der Türkei zur Sprache, wie das Weiße Haus mitteilte. Erdogan habe Obama in dem Gespräch die Lage in seinem Land geschildert. Beide Politiker hätten die "Bedeutung der Gewaltlosigkeit, des Rechts auf freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit und einer freien Presse" erörtert, hieß es weiter.

Quelle: n-tv.de

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