Mittwoch, 20. November 2002
Massaker von Srebrenica: Den Haag wusste Bescheid
Von den Morden in der UN-Schutzzone Srebrenica hat 1995 nach Einschätzung eines ehemaligen niederländischen Ministers das gesamte Kabinett in Den Haag gewusst. Der damalige Entwicklungshilfeminister Jan Pronk sagte am Mittwoch vor einem Parlamentsausschuss, die Wahrscheinlichkeit eines Blutbads sei am 11. Juli 1995 bei einem Treffen niederländischer Kabinettsmitglieder diskutiert worden.
Rund 7.500 Muslime wurden getötet, nachdem die Serben am gleichen Tag Srebrenica überrannt hatten. "Meine Einschätzung war, dass jeder im Kabinett wusste, dass (General Ratko) Mladic jeden Jungen über 15 Jahren als potenziellen Soldaten betrachten und töten lassen würde", erklärte Pronk.
Seine Aussage war das bisher klarste Eingeständnis eines Politikers aus der Zeit. Die niederländische Regierung hatte nach dem Massaker von Srebrenica erklärt, die Soldaten vor Ort hätten keine andere Wahl gehabt, als Mladics Forderungen nachzukommen und ihm die Muslime zu überstellen. Die Truppen hätten nicht gewusst, dass die Muslime damit in Gefahr waren.
Die Mitte-Links-Regierung von Ministerpräsident Wim Kok war im April zurückgetreten, nachdem ein staatliches Institut einen Bericht veröffentlicht hatte, wonach die niederländische Regierung und die UN mitverantwortlich für das Massaker waren. Die niederländische Armee war während des Bosnienkriegs für den Schutz der muslimischen Enklave Srebrenica zuständig, die im Juli 1995 in die Hand der bosnisch-serbischen Truppen fiel. Kok war auch damals Regierungschef.
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