Politik
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Sonntag, 27. August 2017

Interview mit Kristina Schröder: "Den Kohl-Starschnitt gab es nie"

"Islam" steht auf mehreren Aktenordnern im Abgeordnetenbüro von Kristina Schröder. Es ist eines der Themen, mit denen sie sich intensiv beschäftigt hat – und zugleich das Thema, bei dem sie doch noch einen Konsens mit Alice Schwarzer fand. Als Familienministerin wurde sie auch von Schwarzer als unbedarfte junge Frau dargestellt, für viele Kritiker steckt Schröder, die gerade 40 geworden ist, bis heute in einer konservativen Schublade.

Der Ehe für alle hat sie allerdings zugestimmt. "Ich bin liberal-konservativ", sagt sie selbst. Dem nächsten Bundestag wird Kristina Schröder nicht angehören. Ihr Tipp für junge Politiker: "Sucht euch ein Thema, das politisch vielleicht noch nicht so sehr im Fokus steht, das aber Potenzial hat."

n-tv.de: Während Sie Familienministerin waren, war Ihr Mann Parlamentarischer Staatssekretär im Innenministerium. Er stand damit weitaus weniger stark in der Öffentlichkeit als Sie. Haben Sie ihn manchmal ein bisschen beneidet?

Kristina Schröder: Als Ministerin steht man in der Tat schon ziemlich im Feuer, und das galt für mich sicherlich ganz besonders. Andererseits hatte ich mir das auch ausgesucht. Ich wollte die weltanschaulichen Debatten führen und mache das bis heute mit Leidenschaft. Das ist ja auch der Grund, warum ich überhaupt in die Politik gegangen bin: weil ich Freude an diesen Auseinandersetzungen habe.

Als Familienministerin hatten Sie, zugespitzt ausgedrückt, das Image eines unbedarften Doofchens. Würden Sie aus heutiger Sicht sagen, dass Sie das hätten verhindern können?

Schröders Ehemann Ole ist Parlamentarischer Staatssekretär im Innenministerium
Schröders Ehemann Ole ist Parlamentarischer Staatssekretär im Innenministerium(Foto: picture alliance / dpa)

Der Wind, der mir entgegenschlug, hatte damit zu tun, dass ich in der Familienpolitik und vor allem auch in der Frauenpolitik andere Positionen vertreten habe als die meisten anderen Familien- und Frauenpolitikerinnen, auch in meiner eigenen Partei. Ich habe einen anderen Kurs eingeschlagen, ich habe die Wahlfreiheit in den Mittelpunkt gestellt und nicht versucht, Familien oder Frauen zu erklären, wie sie ihr Leben führen sollen. Damit habe ich bestimmte Dogmen und Überzeugungen des Feminismus angegriffen, indem ich zum Beispiel gesagt habe, dass es auch eine emanzipierte Entscheidung sein kann, eine Zeit lang zu Hause bei den Kindern zu bleiben. Das hat natürlich viele provoziert, auch in den Medien, und entsprechend hart waren die Angriffe gegen meine Person.

Sie haben kürzlich im Bundestag für die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare gestimmt, was manche überrascht hat.

Ich habe schon immer einen liberalen Kurs vertreten. Mir geht es immer um die Freiheit der Menschen. Nehmen wir ein Beispiel aus der Familienpolitik: Mich regt es auf, wenn von staatlicher Seite darüber geurteilt wird, dass manche Paare ein angeblich veraltetes Rollenmodell leben. Das ist eine unglaubliche Anmaßung.

Würden Sie der Ansicht zustimmen, dass es die Ehe für alle ohne Volker Beck nicht gegeben hätte?

Ja. Die Schwulenbewegung hat da wirklich viel erreicht. Es gibt Forderungen der Schwulenbewegung, die ich nicht teile. Aber der Ehe für alle habe ich aus voller Überzeugung zugestimmt.

Welche Forderungen teilen Sie nicht?

Wenn es um das Adoptionsrecht geht, klingt es oft so, als sei es für Kinder irrelevant, ob sie bei Mann und Frau oder bei Mann und Mann oder Frau und Frau aufwachsen. Wenn man aus der Gender-Theorie kommt, dann kann man so argumentieren – dann ist das Geschlecht etwas, das nichts mit Biologie zu tun hat. Diese Annahme teile ich nicht. Ich glaube, dass die Biologie eine Rolle spielt. Ich glaube, dass die Verschiedengeschlechtlichkeit der Eltern für das Kind das Optimum ist.

Sie wollen doch nicht Adoptionen für homosexuelle Paare verbieten, nachdem Sie gerade der Ehe für alle zugestimmt haben?

Nein, natürlich nicht. Aber man könnte das Adoptionsrecht so regeln, dass Verschiedengeschlechtlichkeit der Eltern eine Rolle spielt – als ein Punkt unter vielen, der durchaus auch von anderen Argumenten überlagert werden kann. Beispiel: Bei zwei Bewerberpaaren, einem hetero- und einem homosexuellen, sind alle Parameter gleich, lediglich das homosexuelle Paar hat in den ersten Jahren mehr Zeit für das Kind. Dann könnte es den Zuschlag bekommen, weil das im konkreten Fall wichtiger sein kann als die Verschiedengeschlechtlichkeit.

Vor fünf Jahren haben Sie sich mit Alice Schwarzer einen Streit über den Feminismus geliefert. Haben Sie sich danach eigentlich noch mal getroffen und das ausgeräumt?

Ich hatte schon damals und habe nach wie vor Hochachtung vor Alice Schwarzer. Innerhalb des Feminismus in Deutschland ist sie eine der klügsten Stimmen. Sie ist in der Lage, Fehlentwicklungen im eigenen Milieu zu sehen. Alice Schwarzer hat sich beispielsweise immer kritisch mit dem Islam auseinandergesetzt. Sie hatte nie die Naivität vieler Feministinnen, die sich nicht trauten, Klartext über das Frauenbild im Islam zu reden. Und wenn ich sehe, wie sie jetzt bestimmte Fehlentwicklungen an den Gender-Lehrstühlen anprangert, muss ich sagen: Hut ab. Es stimmt, damals habe ich mich heftig mit ihr auseinandersetzt. Aber eine Frauenministerin muss auch sagen, wie sie zu den Dingen steht.

Kristina Schröder

Kristina Schröder wurde 1977 in Wiesbaden geboren. Sie trat 1994 im Alter von 17 in die CDU ein. Acht Jahre später, im Herbst 2002, zog Schröder für die Partei erstmals in den Bundestag ein. Ende 2009 wurde sie Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in der schwarz-gelben Bundesregierung von Kanzlerin Angela Merkel. Nach der Bundestagswahl 2013 erklärte Schröder, künftig wieder nur noch Bundestagsabgeordnete sein zu wollen, um mehr Zeit für ihre Tochter zu haben.

Es gibt das konservative Argument, die Politik wolle mit der Vereinbarung von Familie und Beruf nur dafür sorgen, dass Mütter verstärkt dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Ist da was dran?

Seit einigen Jahren schwingt in der Familienpolitik wirklich stark das Leitbild der Vollerwerbstätigkeit beider Elternteile mit, auch in meiner eigenen Partei. Das merken Sie dann, wenn beklagt wird, dass Frauen in die "Teilzeitfalle" getappt seien. Oder wenn das Ehegattensplitting angegriffen wird, dass es möglich macht, dass einer der Partner etwas weniger arbeitet. Bei alldem schwingt die Forderung mit, beide Elternteile sollten möglichst schnell nach der Geburt wieder zu hundert Prozent einsteigen. Ich sage: Das kann man so machen, ich habe selbst acht Wochen nach der Geburt wieder Vollzeit gearbeitet. Aber ich finde, man muss es nicht so machen. Die Eltern sollten selbst entscheiden, wie sie es machen wollen – weil die Wertvorstellungen in den Familien unterschiedlich sind, und weil übrigens auch die Kinder unterschiedlich sind. Es gibt Kinder, die mit anderthalb in der Krippe glücklich sind, und es gibt Kinder, die mit zwei noch total überfordert sind. Das können die Eltern am besten beurteilen. Es ist nicht die Aufgabe der Politik, den Familien vorzuschreiben, wie sie leben sollen, sondern es ist die Aufgabe der Politik, Familien zu ermöglichen, so zu leben, wie sie es wollen. Dazu brauchen Sie gute Betreuungsplätze, aber auch Unterstützung für Eltern, die die ersten Jahre zuhause bleiben wollen.

Wer hat eigentlich das Gerücht in Umlauf gebracht, dass bei Ihnen im Kinderzimmer ein Poster von Helmut Kohl hing?

Wahrscheinlich habe ich selbst dazu beigetragen. Ich habe mal erzählt, dass ich ein Kohl-Poster an der Wand hatte, habe aber nicht deutlich genug dazu gesagt, dass es dieses "Keep Kohl"-Plakat von 1998 war, auf dem ein Elefant im Wolfgangsee zu sehen ist. Das hing in meiner Studentenwohnung in der Küche. Daraus wurde dann in den Medien der Helmut-Kohl-Starschnitt über meinem Kinderbett. Den gab es nie.

Würden Sie sich als konservativen Menschen bezeichnen?

Ich bin konservativ-liberal. In beiden Richtungen finde ich mich wieder, und beide Richtungen sollten auch in der CDU stark betont werden.

Wie fanden beziehungsweise finden Sie die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel?

Ich kann verstehen, dass sie so gehandelt hat. Ich glaube allerdings, dass wir aufpassen müssen, dass die Integration gelingt. Und dass wir vor allem alle jene, die kein Recht haben, hierzubleiben, auch wirklich zurückschieben. Da müssen wir unsere Performance deutlich verbessern. Bei denen, die bleiben können, dürfen wir nicht die Fehler wiederholen, die wir in den sechziger und siebziger Jahren gemacht haben. Und wir dürfen nicht naiv sein, wenn es um den radikalen Islam geht. Es gibt den Islam in allen Ausprägungen. Es gibt ihn in einer säkularen, völlig verfassungstreuen Variante in Deutschland – da bin ich froh, dass diese Menschen hier sind. Es gibt ihn aber auch in einer radikalen Variante, die mit den Grundsätzen unserer Verfassung nicht vereinbar ist. Das ist auch kein "Missbrauch" des Islams, sondern eine Interpretation des Islams, die hier in Deutschland keinen Platz haben darf. Da waren wir in der Vergangenheit meines Erachtens ein bisschen naiv.

Wer sind für Sie die größten Hoffnungsträger in der Union?

Gerade im konservativ-liberalen Spektrum der CDU gibt es einige, von denen ich sehr viel halte. Jens Spahn etwa, Julia Klöckner, Günter Krings und David McAllister. Das ist eine Generation, etwa in meinem Alter, von der ich sage: Ja, das ist meine Union.

Kanzlerin Angela Merkel und ihre damalige Familienministerin Kristina Schröder im Juli 2013
Kanzlerin Angela Merkel und ihre damalige Familienministerin Kristina Schröder im Juli 2013(Foto: picture alliance / dpa)

Glauben Sie, dass die CDU nach Angela Merkel wieder konservativer werden sollte?

Ach, das weiß ich nicht. Jetzt bin ich erst mal froh, dass sie wieder kandidiert.

Sie haben die bislang letzte schwarz-gelbe Koalition im Bund als Ministerin erlebt, mit den Beschimpfungen von "Gurkentruppe" und "Wildsäuen". Wie schlimm war es damals wirklich?

Menschlich waren wir uns eigentlich nahe. Wir kommen aus ähnlichen Milieus, haben eine ähnliche Vorstellung, wie stark der Staat eingreifen sollte. Eigentlich hat das gut gepasst. In der Praxis knirschte es dann trotzdem. Das hatte wohl auch damit zu tun, dass manche in der FDP nicht mehr so sehr ans Regieren gewöhnt waren, dass aber auch wir als CDU uns zu wenig Gedanken darüber gemacht haben, bei welchen Herzensanliegen der FDP wir hätten nachgeben können. Ich bin Anhängerin einer schwarz-gelben Koalition und hoffe sehr, dass wir bei der nächsten Bundestagswahl wieder eine gemeinsame Mehrheit haben, die sich dann auch in einer schwarz-gelben Koalition realisiert.

Ans Regieren gewöhnt ist die FDP jetzt aber auch nicht gerade, nicht mal mehr ans Opponieren.

Trotzdem. Das muss halt dieses Mal besser laufen.

Sie sind gerade 40 geworden und machen jetzt Schluss mit der Berufspolitik – relativ früh.

Ich hab auch früh angefangen.

Was werden Sie am wenigsten vermissen?

Die Pendelei zwischen Wahlkreis und Berlin. In unserem Fall war das heftig – der Wahlkreis meines Mannes liegt in Schleswig-Holstein, meiner in Hessen. Wir hatten drei Wohnsitze. Das verlangt der Familie viel ab, auch meinen Eltern und meinen Schwiegereltern, die alle stark mit eingespannt sind in die Betreuung der Kinder. Wir haben oft zusammengesessen und die Terminkalender auf Monate hinaus abgestimmt. Das werde ich bestimmt nicht vermissen.

Ihr Mann kandidiert ebenfalls nicht mehr für den Bundestag. Man könnte auf die Idee kommen, dass es beim Ehepaar Schröder eine gewisse Unzufriedenheit mit der Politik gibt.

Nein. Für uns beide gilt das Gleiche: Wir sind seit fünfzehn Jahren im Deutschen Bundestag. Wir haben beide früh angefangen. Und wir sind beide der Meinung, dass es jetzt der richtige Zeitpunkt ist, beruflich etwas anderes anzufangen.

In welche Richtung soll es bei Ihnen gehen?

Schon seit Juni arbeite ich für Deekeling Arndt Advisors …

… eine Lobby-Agentur in Berlin.

Ein Unternehmen für strategische Kommunikationsberatung. Weitere Pläne werde ich zu gegebener Zeit verkünden.

Welche Kollegen aus dem Parlament werden Sie am meisten vermissen?

Wen ich am meisten vermisse ist jemand, der im November verstorben ist: Peter Hintze. Einer der großartigsten Parlamentarier und Menschen, die ich hier kennengelernt habe. Er war eine der prägenden Gestalten der Bundesrepublik, auch wenn er immer in der zweiten Reihe gewirkt hat. Ich kenne nur wenige, die so einen Einfluss hatten. Ihn vermisse ich jetzt schon. Von meinen jetzigen Kollegen? Da gibt es einige. Es wird ja immer behauptet, die Steigerung von Feind sei Parteifreund. Das ist Quatsch.

Sind Sie froh, dass Sie die AfD im Bundestag nicht mehr erleben werden?

Ich würde mir die parlamentarische Auseinandersetzung mit denen absolut zutrauen. Aber was ich an der AfD gefährlich finde, sind nicht ihre inhaltlichen Positionen – die darf man im demokratischen Spektrum vertreten. Gefährlich finde ich die Demokratieverachtung, die von AfD-Politikern verbreitet wird, die Verachtung für das Parlament und den Parlamentarismus. Ich bin gar nicht sicher, ob die das alle wirklich so sehen, aber sie nutzen das, um Stimmen zu gewinnen. Das legt die Axt an die Grundfesten unserer Demokratie.

Welchen Rat würden Sie neu gewählten Abgeordneten geben?

Sucht euch ein Thema, das politisch vielleicht noch nicht so sehr im Fokus steht, das aber Potenzial hat. Arbeitet euch da rein, werdet Fachpolitiker, dann seid ihr auch für die Medien interessant. Darüber kann man sich dann weiterentwickeln.

Mit Kristina Schröder sprach Hubertus Volmer

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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