Politik
Wolfs Haltung zur Kanzlerin ist schwierig, weil sein politischer Gegner, der grüne Winfried Kretschmann, voll auf ihren Kurs eingeschwenkt ist.
Wolfs Haltung zur Kanzlerin ist schwierig, weil sein politischer Gegner, der grüne Winfried Kretschmann, voll auf ihren Kurs eingeschwenkt ist.(Foto: dpa)

Im Ländle geht's auch ohne CDU: Der Alptraum-Wahlkampf des Guido Wolf

Von Christian Rothenberg, Heidenheim

Für CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf läuft es mehr als mies: Er hat Ärger mit der Kanzlerin, kämpft vergeblich gegen einen übermächtigen Konkurrenten. Und kurz vor der Wahl verliert er seinen Vater.

Guido Wolf wuschelt sich durch das Haar. Steht die Frisur, fragt sein Blick. Eine Mitarbeiterin wuschelt ihm nochmal über den Kopf. Alles startklar. Wolf verlässt den Bus, seine orange gekleideten Mitarbeiter stehen draußen Spalier. Der kleine Mann mit dem freundlichen Lächeln und der riesigen schwarzen Brille schaut etwas fragend. Nur ein Kameramann und der örtliche Landtagskandidat warten vor dem Bus. Eine gute halbe Stunde später endet Wolfs Rede im Waiblinger Gemeindezentrum. "Ich sehe Ihnen doch an, dass Sie begeistert sind. Tragen Sie diese Begeisterung als Leuchtturm hinaus", ruft Wolf den meist nur durchschnittlich enthusiastischen Zuhörern zu.

Am 13. März ist Landtagswahl in Baden-Württemberg. Eigentlich will die CDU das fünfjährige grün-rote Intermezzo wieder beenden. Doch inzwischen glaubt kaum noch jemand, dass das gelingen kann. Wahlkampf kann grausam sein, wenn auf der Zielgeraden die Motivation futsch ist - und wenn die letzten Wochen so verlaufen wie bei CDU-Spitzenkandidat Wolf.

Wenige Tage vor dem Wahltag sitzt der 54-Jährige in seinem Wahlkampfbus und schaut aus dem Fenster. Der Bus fährt vorbei an Kretschmann-Plakaten mit dem Slogan "Regieren ist eine Stilfrage". Vor Wolf auf dem Tisch liegt eine Mappe, die ihn auf den nächsten Termin vorbereiten soll. Doch Wolf ist mit dem Kopf woanders. Sein Vater ist am Wochenende gestorben. An einigen Tagen hat er sämtliche Termine abgesagt. "Man spürt, dass es im Leben Wichtigeres gibt als die Politik", sagt er. Wolf will jetzt nicht den Eindruck erwecken, das Thema zu instrumentalisieren. Aber verschweigen will er es auch nicht.

Die Hoffnung ist dahin

Lorch im Ostalbkreis: Franz Winter, Geschäftsführer der Firma Kistler, begrüßt Wolf. "Ich bin überzeugt, dass wir das noch schaffen", sagt er. Die Runde lacht gequält. Wolf sagt: "Natürlich will ich Ihnen einen Einblick in mein Innenleben geben. So kurz nach dem Tod des Vaters überlegt man, was man sich zumuten kann." In ihrem letzten Gespräch habe sein Vater ihm gesagt, er könne beruhigt sein, er habe schon Briefwahl gemacht. Man müsse nun kräftig werben, um am Wahlabend für eine Überraschung zu sorgen. Wolf kann kaum verbergen, dass er davon nur noch mäßig überzeugt ist. Als der Geschäftsführer fragt, ob der Ministerpräsident im September bei der Einweihung einer neuen Halle ein Grußwort halten werde, druckst er herum: "Wir warten mal den Sonntag ab, dann gehen wir in die Terminierung." Eine Power-Point-Präsentation zeigt daraufhin die Entwicklung des Unternehmens. Zu sehen sind auch Bilder von Betriebsbesuchen der früheren Ministerpräsidenten Günter Oettinger und Lothar Späth. Erinnerungen an die guten alten Zeiten, als niemand damit rechnete, dass mal eine andere Partei als die CDU im Ländle regieren würde.

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Die fast sechs Jahrzehnte andauernde schwarze Ära endete 2011. Die CDU blieb zwar stärkste Partei, musste jedoch in die Opposition. Der Grüne Winfried Kretschmann wurde Ministerpräsident. Ende 2014 wählte die Landes-CDU Guido Wolf zum Spitzenkandidaten. Die Aussichten des früheren Richters, Landrats und Landtagspräsidenten waren ziemlich gut. Bis Oktober 2015 lag die CDU in Umfragen bei 40 Prozent. Doch dann kam der Absturz. Kurz vor der Wahl sehen die Demoskopen die Partei bei weniger als 30 Prozent - und damit sogar hinter den Grünen. Ein Desaster.

Die Zahlen setzen Wolf zu. In jeder Veranstaltung kritisiert er die Dichte an Umfragen. Er stellt deren Glaubwürdigkeit infrage, unterstellt den Demoskopen, Politik machen zu wollen. Sie würden die AfD hoffähig machen, die Umfragen erweckten den Eindruck, dass es Sinn habe, sie zu wählen. Der Frust ist groß, auch bei Mitarbeitern und Helfern Wolfs. Die Stimmung im Wahlkampfbus ist gedrückt, es wird wenig gesprochen. Auf den Bühnen verlangt Wolf, sich nicht entmutigen zu lassen, aber hier drin ist die Hoffnung schon verloren gegangen. Auch wenn Wolf das ausschließt, vielleicht muss die CDU am Ende eine grün-schwarze Koalition eingehen - ohne ihn.

Dass Wolf so schlecht da steht, hat viele Gründe. Nach fünf Jahren Grün-Rot gibt es keine Wechselstimmung. Von "Wolferwartungsland", wie der Kandidat noch vor kurzem frohlockte, kann keine Rede sein. Ministerpräsident Kretschmann ist noch beliebter als seine schwarzen Vorgänger. Sogar die Mehrheit der CDU-Anhänger würde sich bei einer Direktwahl für ihn entscheiden. Das liegt auch daran, dass die Welt seit 2011 entgegen einiger Prognosen nicht untergegangen ist. Auch der Unternehmer Franz Winter räumt ein, dass sich für ihn nichts zum Schlechten verändert habe. Wolf sagt bei seinen Auftritten: "Natürlich ist Rot-Grün längst kein Schreckgespenst mehr."

Wolf klingt verzweifelt - und ist selbst Schuld daran

Nächster Termin: das Vereinsheim des FC Heidenheim. Als Wolf den Saal betritt, singt eine Frau Louis Armstrongs "What a wonderful world". Wolf betritt die Bühne. Er erzählt von seinem Vater, der vor seinem Tod noch Briefwahl gemacht hat und erhält dafür viel Applaus. Später schimpft er kräftig über Kretschmann: "Er ist ein Grüner, der schwarz redet ohne rot zu werden." Die Zuschauer applaudieren, aber am längsten und heftigsten applaudieren seine eigenen Leute. Wolf rät derweil: "Die Kanzlerin hat selbst gesagt, wer sie unterstützen will, muss CDU wählen." Es klingt verzweifelt.

Dabei hat Wolf durchaus eine Mitschuld daran, dass er das so betonen muss. Dass zwischen ihm und Merkel eine Lücke entstanden ist, die Kretschmann zu füllen versucht. Der Grüne lobt die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin seit Wochen. Wolf dagegen ging im Wahlkampf auf Distanz zur Kanzlerin. Gemeinsam mit der rheinland-pfälzischen Spitzenkandidatin Julia Klöckner forderte er ein Ende der offenen Grenzen und die Einführung von Tageskontingenten. Die Kanzlerin lehnte ab. Eine Niederlage in Baden-Württemberg würde jedoch auch ihr schaden. Beim Landesparteitag empfahl Merkel vor einigen Tagen: "Nur der, der von sich selbst überzeugt ist, kann andere überzeugen."

Wolf fährt das Thema Flüchtlinge im Wahlkampf nur noch auffallend klein. Auf einem Termin warnt ihn ein Unternehmer, die Grenzen dicht zu machen, schade der Industrie. Als Exportland profitiere Deutschland am meisten vom vereinten Europa. Wolf nickt. Bei seinen Auftritten betont er seine Unterstützung für Merkels europäische Lösung, dennoch seien "Zwischenschritte" nötig, um die Akzeptanz der Menschen zu erhalten. Wolf warnt vor "sozialen Verwerfungen", kurz später sagt er: "Es ist keine leichte Zeit, machen wir uns nichts vor. Es ist schwieriger, als wir uns das vorgestellt haben." Es ist nicht ganz klar, ob er die Lage in Deutschland meint oder seine eigene.

Wolfs Rede in Heidenheim endet wieder mit einem Motivationsversuch. "Wenn Sie begeistert sind, tragen Sie es hinaus. Ich sehe Ihnen an, dass es so sein wird." Viele Heidenheimer klatschen nur halbherzig, einige gar nicht. Wolf verneigt sich. Der Beifall sei ehrlich gewesen, "für uns war das die äußerste Form der Begeisterung", sagt die örtliche CDU-Kreisvorsitzende zum Abschied. Der Saal leert sich rasch. Das große Wolf-Plakat auf der Bühne wird eingerollt. Zwei Herren stehen noch auf ein Pils an der Theke. Und was gibt das nun am Wahlabend? "Hoffen wir mal auf das Glück", sagt der eine. Und wenn nicht? "Dann geht das Leben weiter", sagt er und zuckt mit den Schultern.

Quelle: n-tv.de

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