Politik
Szene mit Symbolwert: Lindner, Röttgen und der Polit-Freak Ponader im Mai 2012 zu Gast bei Günther Jauch.
Szene mit Symbolwert: Lindner, Röttgen und der Polit-Freak Ponader im Mai 2012 zu Gast bei Günther Jauch.(Foto: picture alliance / dpa)

Enfant Terrible Ponader hat genug: Der Freak mit den Jesuslatschen

Von Christian Rothenberg

Kaum ist er da, geht's bergab. Für viele ist Johannes Ponader das Gesicht der Piraten-Krise. Doch nach Monaten der öffentlichen Selbstzerfleischung im Parteivorstand erklärt er seinen Rückzug. Ponader geht, aber verschwinden mit ihm auch die Probleme der Piraten?

So getragen wie hier, nach seiner Wahl beim Parteitag im April 2012, wurde Ponader zuletzt kaum noch.
So getragen wie hier, nach seiner Wahl beim Parteitag im April 2012, wurde Ponader zuletzt kaum noch.(Foto: picture alliance / dpa)

Im Mai 2012 lernt die Republik Johannes Ponader kennen. Lässig lümmelt er sich im Sessel bei Günther Jauch, barfuß in Sandalen mit Klettverschluss. Das Handy legt er während der ganzen Sendung nicht aus der Hand. Schließlich muss er über Twitter ja mit den restlichen Piraten-Mitgliedern verbunden sein. Die übrigen Gäste in der Talkshow, die Anzug- und Lackschuhträger Christian Lindner und Norbert Röttgen, beobachten den Polit-Neuling mit Stirnrunzeln und offener Abneigung. Es ist ein bisschen wie 30 Jahren zuvor bei den Grünen. Die mediale Einführung scheint zu gelingen: Am Tag danach diskutiert Deutschland über den 1er-Abiturienten mit den Jesuslatschen.

Zehn Monate später ist Ponader wohl vorerst gescheitert. Der umstrittene Geschäftsführer will sein Amt zum Piraten-Parteitag im Mai in Neumarkt in der Oberpfalz aufgeben. Ponader begründet seinen Schritt unter anderem mit persönlichen und privaten Gründen. Er vertrete die Ansicht, dass Mitglieder des Bundesvorstands ihr Amt nicht länger als ein Jahr ausüben sollten.

Das gewichtigere Argument ist aber wohl ein anderes. Der Rückgang "unserer Zustimmungswerte", schreibt Ponader in seinem Blog, müssten jeden Piraten nachdenklich machen. "Ich sehe die Hauptverantwortung für diesen Vertrauensverlust beim Vorstand und unserer oft fragwürdigen Außenwirkung der letzten Monate." Mit seinem Rückzug will Ponader die Konflikte im Piratenvorstand entspannen. "Im Kreuzfeuer ständiger Konflikte zu arbeiten ist anstrengend."

Sammeln für Ponader

Meist uneinig: Parteichef Schlömer und der umtriebige Geschäftsführer.
Meist uneinig: Parteichef Schlömer und der umtriebige Geschäftsführer.(Foto: picture alliance / dpa)

Der nerdige Freak mit den Jesuslatschen: Anfangs wirkt Ponader noch wie ein Symbolbild seiner Partei. Tatsächlich dürfte nach seiner Ankündigung vor allem im Piratenvorstand die Erleichterung groß sein. Überraschend kommt sein Schritt nicht. Schon im Februar hatte er seinen Rückzug angedeutet. Seit Monaten ist er isoliert in der eigenen Partei. Für viele Piraten steht Ponader stellvertretend für den Absturz der Partei. Denn kurz nachdem der Mann aus München im April 2012 die Nachfolge der charismatischen Marina Weisband antrat, endete auch der fulminante Aufstieg der Freibeuter. Sahen Demoskopen die Partei im Frühjahr noch bei zweistelligen Zustimmungswerten, liegt sie derzeit zwischen zwei und drei Prozent. Ist die Partei reif für den Politikbetrieb? Immer mehr Deutsche zweifeln inzwischen daran. Das Projekt Bundestag droht krachend zu scheitern, bevor es richtig begonnen hat.

Die Piraten sind die eigensinnigen Auftritte ihres Geschäftsführers längst leid. Im Sommer 2012 erklärt der Theaterpädagoge und Künstler seinen Rücktritt aus dem Hartz-IV-System, anschließend sammelt er Spenden für sich und seinen Lebensunterhalt. Ponader räumt später zwar Fehler ein, sorgt aber wieder für neuen Ärger. Mehrfach stellt er sich gegen die Absprachen des Vorstands. Als Parteichef Bernd Schlömer ankündigt, stärker auf Spitzenleute setzen zu wollen, fällt er ihm öffentlich in den Rücken.

"Habe schlechte Nachrichten für euch"

Ponader stemmt sich auch gegen das Vorhaben, den kommenden Parteitag ganz der Programmarbeit zu widmen und Vorstandswahlen erst ein halbes Jahr später stattfinden zu lassen. Der restliche Vorstand will in der inhaltlichen Arbeit vorankommen, um mit einem ausgefeilteren Wahlprogramm in den Bundestag ziehen zu können. Doch obwohl die Piraten bei vielen inhaltlichen Fragen noch immer keine Haltungen entwickelt haben, besteht der Geschäftsführer auf erneute Vorstandswahlen.

Fürsprecher hat dieser inzwischen kaum noch. Stattdessen beschweren sich immer mehr Piraten über Ponaders Arbeit und forderten seinen Rücktritt. Nach Vorstandsmitglied Matthias Schrade nennt auch Landes-Chef Lars Pallasch (Baden-Württemberg) die Probleme mit Ponader als Grund für den eigenen Rücktritt. Auch die übrigen Mitglieder der Piraten sind die Turbulenzen um ihren Geschäftsführers offenbar leid. Bei einer Online-Abstimmung bewerten zuletzt fast die Hälfte der Befragten seine Arbeit mit der Note Sechs.

Eine Aufforderung zum Rücktritt erkennt Ponader in dem Ergebnis zunächst nicht. Auf Twitter verlinkt er die Zahlen und schreibt: "Habe schlechte Nachrichten für euch. Muss noch ein Jahr weitermachen – bin durchgefallen. :)" Nach ein paar Tagen folgt bei Ponader offenbar die Einsicht: Gegen eine ganze Partei kommt er nicht länger an. Und seine "Ehrenrunde" zur Rehabilitierung muss, wenn sie denn möglich ist, nicht unbedingt in der ersten Reihe stattfinden. Dafür ist die Zeit zu knapp. Dafür hat die Partei zu viele andere Probleme, ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl.

Quelle: n-tv.de

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