Politik
Die Polizei wirbt mit einem Graffito für den Frieden: "Für ein Guaviare in Frieden und ohne Drogen".
Die Polizei wirbt mit einem Graffito für den Frieden: "Für ein Guaviare in Frieden und ohne Drogen".(Foto: Roland Peters)
Donnerstag, 25. August 2016

Kokain, Kolumbien und Farc-Guerilla: Der Frieden ist da, der Krieg tobt weiter

Von Roland Peters, San José del Guaviare

Die Friedensverträge zwischen kolumbianischer Regierung und Farc sind unterzeichnet, die Guerilla legt nach 50 Jahren die Waffen nieder. Die Gewalt wird trotzdem nicht enden. Die "Hauptstadt des Kokains" und die zugehörige Provinz sind Hochrisiko-Gebiet.

In Kuba haben die Guerilla und die Regierung des Präsidenten Juan Manuel Santos den erfolgreichen Abschluss ihrer Friedensverhandlungen verkündet. Seit September 2012 hatten Santos und die Führung der Guerilla darum gerungen, wie der bewaffnete Konflikt der beiden Seiten zu einem Ende finden kann - und was danach passieren soll. Seit mindestens 50 Jahren befand sich Kolumbien im Bürgerkrieg, länger als jedes anderes Land der Welt. "Der Krieg ist beendet", erklärte Santos' Unterhändler Humberto de la Calle. Farc-Vertreter Iván Márquez sagte: "Wir erklären den bewaffneten Kampf für beendet und rufen den Kampf der Ideen aus."

Kolumbien im März. Der Waffenstillstand ist noch nicht vereinbart, der Friedensvertrag nicht unterzeichnet. Guckt man auf eine Konfliktkarte des Landes, ist Guaviare rot eingefärbt. Die Provinz im Südosten ist eine "zona roja"; Kriegsgebiet, Farc-Gebiet. Wenn Gabriel Alvarado sich mit seinem Bodyguard in einem der Cafés am Parque de la Constitución in San José zeigt, kann er sich kaum eine Minute unterhalten. Da sind die Passanten, die ihm die Hand schütteln, einen Kuss auf die linke und rechte Wange geben; andere, die ihn auf seinem Handy erreichen wollen, manche sprechen ihn direkt an. Es geht um die Familie, das tropische Wetter, den Kaffee. Und um Politik.

Ein Schiff der kolumbianischen Marine im Hafen von San José
Ein Schiff der kolumbianischen Marine im Hafen von San José(Foto: Roland Peters)

Gabriel kennt sich aus in San José. Anfang der 90er-Jahre war er Bürgermeister von Guaviares Provinzhauptstadt. Im öffentlichen Bild dominieren staubige Straßen, Flachbauten und hochgerüstete Sicherheitskräfte. An fast jeder Kreuzung stehen Bewaffnete in dunkelgrüner Tarnfarbe, ein gepanzertes Einsatzfahrzeug der Policia Nacionál kriecht durch die Innenstadt. Fremde werden misstrauisch beäugt und befragt. Neben der Polizei ist in San José auch die Marineinfanterie am Flusshafen präsent. Die Anti-Drogeneinheit "Antinarcóticos" ist in einer Kaserne stationiert, wie eine Festung mit mehreren Verteidigungsringen gesichert. Direkt daneben liegt der zivile Flughafen. Es gibt nicht viele Landwege in Guaviare.

Ist die Zufahrtsstraße nach San José am Rande des Amazonas' ausnahmsweise sicher, steht es in der Zeitung oder wird in Gabriels Radiosender verkündet. Wegbegleiter sagen, Gabriel habe in seiner Amtszeit Geschäfte mit der Farc gemacht - machen müssen. Bis heute kontrolliert die Guerilla fast ganz Guaviare. Die Regierung in Bogotá hat Gabriel einen Personenschützer samt SUV gestellt. "Er ist eben Journalist", sagt sein bewaffneter Bodyguard schulterzuckend, als er in den gepanzerten Wagen steigt. Hier, in aller Öffentlichkeit, will Gabriel trotz oder wegen seines Status' nicht über den Krieg reden.

180 Tage für die Entwaffnung

Der unterzeichnete Friedensvertrag verändert den Bürgerkrieg grundlegend; einen Konflikt zwischen Regierung, neben der Farc auch den linken Rebellen der ELN sowie Paramilitärs und mächtigen Verbrechernetzwerken. So groß der Zweifel am Frieden zeitweise war, so problematisch könnte er werden: In 14 Provinzen des Landes ist die Farc aktiv, rund 6 Millionen Menschen leben in ihrem Einflussbereich. Die Guerilla wird ab den Unterschriften ihres Chefs Rodrigo "Timochenko" Londoño Echeverri und des Präsidenten Santos, die im Rahmen einer Zeremonie im September erfolgen sollen, innerhalb von 180 Tagen ihre Waffen niederlegen und sich in dafür vorgesehene Zonen zurückziehen. NGOs befürchten ein enormes Machtvakuum, in das kriminelle Banden, sogenannte Bacrim, hineinstoßen könnten. Manche davon sind kleine Vereinigungen, die ihre Alltagskriminalität koordinieren, andere riesige Netzwerke.

Kolumbien ist der größte Kokainproduzent der Welt, bis zu 646 Tonnen waren es der UN zufolge im vergangenen Jahr. Weite Teile Guaviares werden zum Anbau der Coca-Pflanze genutzt. In Kokain-Küchen wird die Ernte verarbeitet und dann nach Westen Richtung Pazifik und Norden in die Karibik transportiert. Die Guerilla lebte bislang von Anbau und Schmuggel, sie erhob Zölle und erhielt Schutzgelder von den Bauern. In der Provinz liegt auch Miraflores, die "Hauptstadt des Kokains", über keine befestigte Straße zugänglich und im kolumbianischen Amazonas gelegen. Bis vor fünf Jahren zahlten die Menschen dort für Alltagswaren nicht mit Geldmünzen und -scheinen, sondern mit der Droge. Der aktuelle Gouverneur Guaviares, Nebio Echeverry, soll sein Vermögen mit Landvertreibung, Drogenproduktion und Hilfe von Paramilitärs gemacht haben.

Gabriel Alvarado sieht für seine Stadt eine gute Zukunft.
Gabriel Alvarado sieht für seine Stadt eine gute Zukunft.(Foto: Roland Peters)

Selbstbewusst sitzt Gabriel auf der Couch seines großen Hauses; beige Leinenhose, Wohlstandsbauch, weißes, oben aufgeknöpftes Hemd, Goldrandbrille. "Die Guerilla hat erst aufgehört mit den Entführungen, dann mit der Gewalt. Also lasst uns jetzt Politik machen", sagt er leicht nuschelnd über das Friedensabkommen. Ihren Höhepunkt habe die Gewalt in den 80er-Jahren erreicht, erzählt er. "Wir hatten eine Zeit, in der zehn bis zwölf Personen täglich getötet wurden." Andere wurden entführt und gegen Lösegeld wieder freigelassen. Das Kokain brachte den Tod, aber auch Wohlstand in die Provinz. In den vier Regionen Guaviares gibt es keine Industrie und kaum Landwirtschaft. Geld haben die Menschen trotzdem.

Ein Imbiss kostet in San José so viel wie in Deutschland, kleinere Münzen werden gar nicht mehr verwendet. Der kolumbianische Mindestlohn liegt bei knapp über 200 Euro monatlich, das offizielle Durchschnittseinkommen in Guaviare nicht weit darüber. Viele verdienen mit an der Droge, die aus dem Dschungel transportiert wird. Der Bauer bekommt etwas, die Farc, die Boten und alle, die damit auch indirekt zu tun haben. Mit Kleinschmuggel verdienen sich die Leute regelmäßig etwas dazu, um ihre Kasse aufzubessern.

Wirtschaftliche Interessen

In Guaviare stellte sich Anfang Juli die Farc-Gruppe "Frente Primero Armando Rios" öffentlich gegen den Frieden: "Wir haben entschieden, uns nicht zu entwaffnen. Wir werden den Kampf fortführen", teilte sie mit. Der Anführer der "Ersten Front" war zuvor Mitglied der Farc-Friedensdelegation in Havanna. Die verhandelnden Guerilla-Kommandeure mit ihrem Chef Timochenko reagierten rigoros: Sie forderten den Austritt der Abtrünnigen und warfen ihnen wirtschaftliche Interessen vor - und jeder weiß, damit ist das Drogengeschäft gemeint.

Gabriel glaubt an den Frieden in San José und Guaviare. "Viele Leute denken, dass die Guerilla und ihre Kommandanten den Frieden hier nicht einhalten werden. Aber die Denkweise der Guerilla hat sich geändert." Dies werde sich spätestens zeigen, wenn die Unterschriften trocken sind. Das sind sie nun. Die Farc hat im Abkommen zugesagt, sich aus jeglicher Tätigkeit im Zusammenhang mit dem Drogenschmuggel zurückzuziehen.

Auch ohne die Guerilla ist für ein Ende der Gewalt der Wandel der Wirtschaft entscheidend. Weg vom Coca-Anbau, was den Anti-Drogen-Experten der UN in Bogotá zufolge nur möglich ist, wenn es bessere Straßen, Marktzugang für Produzenten und damit Jobs für entwaffnete Guerillera-Kämpfer geben wird. Aber woher soll dann das Geld kommen, was derzeit noch das Kokain bringt? Die große Hoffnung in Guaviare und San José ist der Tourismus. Doch die kriminellen Bacrim rekrutieren gezielt Jugendliche, die das Drogengeschäft sichern könnten. In anderen Landesteilen kontrollieren die Banden den Kokainschmuggel bereits im großen Stil.

Die Stiftung "Paz y Reconciliación" hat sich seit 2013 damit befasst, was passiert, wenn der Frieden geschlossen ist. Anhand mehrerer Kriterien will sie voraussagen können, welche Regionen Kolumbiens nach den Unterschriften besonders anfällig für Gewalt sind. Auf der Landkarte der Stiftung sind "mittelmäßig gefährdete" Farc-Gebiete gelb markiert, "sehr gefährdete" orange. Guaviare ist komplett rot.

Quelle: n-tv.de

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