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Lindner lässt sich in Stuttgart feiern.
Lindner lässt sich in Stuttgart feiern.(Foto: imago/Arnulf Hettrich)

Wie die FDP sich antreibt: Der "German Mut" des Christian Lindner

Von Gudula Hörr

Die FDP hat es zurzeit schwer, und um Aufmerksamkeit zu erzielen, postet ein FDP-Spitzenkandidat auch schon einmal ein Foto von sich in Badehose. Doch beim Dreikönigstreffen haben die Liberalen wieder eine Bühne und geben sich vor allem: furchtlos.

Es ist ein spezielles Public Viewing, zu dem die FDP lädt. In einem kleinen Ladenraum ihrer Parteizentrale in Berlin-Mitte versammeln sich knapp zwei Dutzend Liberale, die es nicht zum Dreikönigstreffen nach Stuttgart geschafft haben, vor einem Flachbildschirm in einer Ecke. Wahlplakate der letzten siegreichen FDP-Kandidatinnen aus Hamburg und Bremen hängen an der Wand, dazwischen ein Plakat mit dem Slogan "Wir können auch Männer". Zu sehen sind der Spitzenkandidat der FDP in Baden-Württemberg, Hans-Ulrich Rülke, sowie die FDP-Landesvorsitzenden von Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt, Volker Wissing und Frank Sitta. In neuneinhalb Wochen wird bei ihnen gewählt, und sie alle hoffen auf einen Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde und eine Signalwirkung für die darbende Bundes-FDP.

Wenig später flackern diese drei Männer dann auch live über den Bildschirm, als sie beim Stuttgarter Dreikönigstreffen in die Kamera winken - und dabei ein wenig wie die Vorgruppe für Parteichef Christian Linder wirken. Rülke, der zuletzt vor allem mit einem Instagram-Bild von sich in Badehose Aufmerksamkeit erfuhr, darf länger reden. Er nutzt die Gelegenheit, um gegen SPD und Grüne, zu wettern und über die "waldbiologischen Jahre" des "geliebten Landesvaters" Winfried Kretschmann zu spotten.

Besonders aber offenbar versucht Rülke, sich und den übrigen Liberalen Mut zuzusprechen. Vor einem Jahr hätten viele der FDP noch keine Erfolge zugetraut, erklärt er gleich zu Anfang seiner Rede. "Aber wir werden beweisen: Die neue FDP, sie ist wieder da", sagt er auf der Bühne unter einem magentafarbenen Band mit dem Spruch "Das Jahr der großen Chance".

Noch ist das allerdings mehr Wunsch als Wirklichkeit: Gewiss konnten die Liberalen im vergangenen Jahr in Hamburg und Bremen mit ihren Spitzenfrauen Katja Suding und Lencke Steiner endlich wieder Wahlerfolge feiern - doch noch immer sind die Liberalen an keiner Landesregierung beteiligt, im Bund sind sie nach dem desaströsen Wahlergebnis von 2013 nur mehr eine außerparlamentarische Opposition. Auch die derzeitigen Umfragen liefern noch keinen Grund zum Jubeln. Demoskopen zufolge kommen die Liberalen in ihrem einstigen Kernland Baden-Württemberg gerade auf fünf Prozent, in Rheinland-Pfalz und bundesweit sind die Zahlen nicht besser.

Die großen Aufgaben des Lebens

Doch allein diese Aussichten scheinen auch Parteichef Lindner zu beflügeln. Er spricht in Stuttgart von den großen Aufgaben, die das Leben stelle. Das einzige, was man fürchten müsse, sei die Angst selbst. Fast klingt es dann so, als spreche er nicht nur von Deutschland, sondern auch von der FDP, als er hinzufügt:  "Der German Angst setzen wir German Mut entgegen."

In der folgenden Stunde sucht Lindner dann zu erklären, warum Deutschland die FDP braucht. Vor allem, so scheint es in seiner Darstellung, ist sie die einzige echte Opposition, die Partei Europas, der Bürgerrechte und des Mittelstands. Die Große Koalition habe in den letzten zweieinhalb Jahren "ein dauerhaftes Erntedankfest zelebriert" und übersehe dabei, die Weichen für die Zukunft zu stellen. Scharf kritisiert er in diesem Zusammenhang die geplante Weiterführung des Solidaritätszuschlags und die Erbschaftssteuer von Schäuble: "Das geht voll in die Substanz unserer Familienunternehmen." Und letztlich betreffe es auch Hunderttausende Beschäftigte in den Unternehmen.

Besonders hart geht er mit Kanzlerin Angela Merkel ins Gericht, die durch die vielen Alleingänge "unseren Kontinent ins Chaos gestürzt" habe. Zwar unterstütze er ihr "Wir Schaffen das". Doch ersetze dieser Satz kein Regierungshandeln und gebe keine Antwort auf das Wie. Gerade in der Flüchtlingskrise habe Deutschland ein "staatliches Organisationsversagen" erlebt, wie er es nicht für möglich gehalten habe. Deutschland brauche jetzt statt einer "im Wortsinne grenzenlosen Aufnahmebereitschaft oder Abschottung" ein rationales und europäisch eingebettetes Einwanderungsgesetz. Ein gemeinsames Auftreten Europas sei nun mehr denn je gefragt. "Wir werden Europa niemals aufgeben."

Zugleich fordert Lindner den Polizeipräsidenten von Köln zum Rücktritt auf. Die Vorgänge in der Silvesternacht kritisiert er als skandalös, dass die Polizei nach der Silvesternacht noch "keine besonderen Vorkommnisse" festgestellt habe, sei ein Ausdruck des "Kontrollverlusts". Er habe den Eindruck, dass es in Deutschland bereits "rechtsfreie Räume" und "No-Go-Areas" gebe. "Wir wissen: Es gibt Ausländerkriminalität", und dabei dürfe es nicht zu einer Verdruckstheit im Umgang mit der Wahrheit kommen.

Dabei setzt sich Linder allerdings scharf von der AfD ab, die er besonders heftig angeht. "Eine Partei, die die Krise geradezu herbeisehnt, die völkisches Denken vertritt und Fremdenhass schürt, eine solche Partei darf in Deutschland nie wieder Bedeutung erlangen", verkündet er unter lang anhaltendem Applaus. Der stärkste Kontrast zur AfD sei die FDP. Bei den Wahlen am 13. März müssten "Freiheit und Weltoffenheit stärker sein als Hass und Abschottung".

Als Lindner seine Rede beendet hat und sich mit Rülke, Wissing und Sitta feiern lässt, findet das Public Viewing in Berlin ein abruptes Ende. Die Selfies sind gemacht, der Kaffe ausgetrunken und noch ehe das Klatschen verklungen ist, raffen die meisten Zuschauer ihre Sachen zusammen. Sie müssen zurück, an die Arbeit. Schließlich liegt in diesem Wahljahr noch viel vor ihnen.

Quelle: n-tv.de

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