Politik
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Dienstag, 25. Oktober 2016

Trump macht Muslimen Angst: Der Imam rät dringend zur Wahl

Von Hubertus Volmer, Cleveland

Es gibt Muslime, die glauben, dass der Islam die Teilnahme an Wahlen nicht gestattet. Diese Frage dürfe bei der Wahl zwischen Hillary Clinton und Donald Trump jedoch keine Rolle spielen, sagt ein Imam in Ohio.

Viel Zeit hat der Imam nicht, gleich beginnt der Arabisch-Kurs für Frauen. "Schwestern, entschuldigt, ich bin gleich bei euch", sagt Abdu Semih Tadese. Dass Journalisten zur Uqbah-Moschee im Osten von Cleveland kommen, ist für den 47-Jährigen schon Routine. Muslime sind schließlich eines der zentralen Themen im Präsidentschaftswahlkampf in den USA. Zumindest für den republikanischen Kandidaten.

Abdu Semih Tadese ist Imam an der Uqbah-Moschee in Cleveland.
Abdu Semih Tadese ist Imam an der Uqbah-Moschee in Cleveland.(Foto: hvo)

Donald Trump hat mehrfach deutlich gemacht, dass er Muslime als Gefahr ansieht. In der zweiten Fernsehdebatte wurde er gefragt, war er tun wolle, um die grassierende Islamophobie zu bekämpfen, und wie er Muslimen dabei helfen wolle, damit umzugehen. Trump entgegnete zwar, dass Islamophobie eine Schande sei. Doch dann sprach er ausführlich über islamistischen Terrorismus.

Ihm selbst machten Trumps Politik und die Rhetorik keine Angst, sagt der Imam. Das könne daran liegen, dass er aus Nigeria komme, fügt er schmunzelnd hinzu. Es gebe durchaus viele Muslime in Cleveland, die Angst hätten – nicht vor Trump, sondern generell. Denn der Wahlkampf habe ja nichts verändert, so Abdu. "Es gab schon immer Menschen in Amerika, die Muslime nicht leiden können." Das sei nichts Neues. "Neu ist, dass ein Präsidentschaftskandidat deutlich macht: Wenn ich gewählt werde, dann bekommt ihr Probleme."

"Dieses Mal ist Wählen islamische Pflicht"

Sorgen macht Abdu sich also schon. Er versucht deshalb, alle Mitglieder seiner Gemeinde davon zu überzeugen, zur Wahl zu gehen. "Und nicht nur das: Wir geben ihnen auch sehr deutlich zu verstehen, dass es gerade dieses Mal nicht um die Frage geht, ob der Islam es erlaubt, an einer Wahl teilzunehmen." Dieses Mal sei es unerlässlich, an der Wahl teilzunehmen, "denn wir müssen verhindern, dass die falsche Person im Weißen Haus sitzt". Wer das ist, liegt auf der Hand. Ausdrücklich sagen will Abdu es jedoch nicht. "Wir schreiben unseren Gemeindemitgliedern nicht vor, wem sie ihre Stimme geben sollen. Wir sagen ihnen aber, dass es ihre islamische Pflicht ist, zur Wahl zu gehen."

Die theologische Frage, ob Wählen für Muslime erlaubt ist, hat Abdu zumindest für den aktuellen Wahlkampf geklärt. "Der Islam erlaubt uns nicht, Gefahren nicht aufzuhalten, die wir klar vor uns sehen." Abdu hat vor allem die Aussperrung von Muslimen geärgert, die Trump im vergangenen Dezember gefordert hat. Der Milliardär hatte damals ein Einreiseverbot für Muslime verlangt, "bis unsere Vertreter herausfinden, was eigentlich los ist". Was genau Trump damit sagen wollte, blieb offen. Klar war, was er meinte: Muslime sind gefährlich.

Trotzdem gibt es einzelne Muslime, die Trump unterstützen. Zum Beispiel der ehemalige UN-Botschafter der USA, Zalmay Khalilzad. "Als ich das gesehen habe, habe ich mir schon ein wenig den Kopf gekratzt", sagt Abdu. Er verstand das als Hinweis, dass es Trump mit dem Einreisestopp so ernst nicht sein kann. Besser werde die Sache dadurch aber nicht. "Trump benutzt diese Forderung, um seine Anhänger aufzupeitschen."

Dass Trump keinen einzigen Flüchtling aus Syrien ins Land lassen will, hält Abdu, dessen Gemeindemitglieder zum größten Teil Einwanderer sind, für "sehr unglücklich". Woher seien denn Trumps Vorfahren gekommen? "Wenn Amerika nie Flüchtlinge aufgenommen hätte, dann gäbe es die USA heute nicht." Abdu selbst ist in Nigeria zur Welt gekommen und vor 21 Jahren in die USA gegangen. Er ist längst US-Bürger, aber noch immer fliegt er jedes Jahr in seine alte Heimat. Einen Konflikt sieht er darin nicht. "Ich habe viele jüdische Freunde und Kollegen, Amerikaner, die zusätzlich die israelische Staatsbürgerschaft haben. Wenn sie sterben, wollen sie in Israel beerdigt werden. Das macht sie doch nicht weniger amerikanisch!"

Für Muslime sollte dasselbe gelten, findet Abdu. "Übrigens auch mit Blick auf die Kleidung." Der Imam meint natürlich den Hidschab, den auch die Frauen tragen, die hier im Gemeindezentrum noch immer auf ihren Arabisch-Kurs warten. Die Amischen etwa, die Angehörigen der aus Deutschland eingewanderten Glaubensrichtung, würden sich ebenfalls auf ganz eigene Art und Weise kleiden. "Das macht sie doch nicht weniger amerikanisch", wiederholt er.

Auf die Frage, ob er sich als Amerikaner fühle, sagt Abdu: "Absolut! Absolut! Ich fühle mich amerikanisch – ich liebe Amerika!"

Quelle: n-tv.de

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