Politik
Pflichtbewusst bis ins hohe Alter: Hans-Jochen Vogel.
Pflichtbewusst bis ins hohe Alter: Hans-Jochen Vogel.(Foto: imago/epd)

Hans-Jochen Vogel wird 90: Der Pedant mit der Klarsichthülle

Altkanzler Helmut Schmidt nannte ihn ein "großes Vorbild nicht nur für sozialdemokratische Generationen": Hans-Jochen Vogel. Er war Münchner Oberbürgermeister, Regierender Bürgermeister in West-Berlin, Bundesminister, SPD-Partei- und Fraktionschef.

Einer der letzten Texte von Helmut Schmidt, vielleicht sogar der letzte, galt ihm. "Unsere Freundschaft besteht bis heute", schrieb der Altkanzler kurz vor seinem Tod im vergangenen November über seinen langjährigen Weggefährten Hans-Jochen Vogel. Es war, es ist das Geleitwort zu Vogels neuem Buch "Es gilt das gesprochene Wort": eine Sammlung wichtiger Reden Vogels aus den vergangenen Jahrzehnten, zusammengestellt anlässlich des 90. Geburtstags des SPD-Politikers.

Hans-Jochen Vogel mit seinem Bruder Bernhard
Hans-Jochen Vogel mit seinem Bruder Bernhard(Foto: imago stock&people)

"Es berührt mich, dass der letzte Text, den er zur Verfügung gestellt hat, ausgerechnet für mein Buch war - und auch das, was er geschrieben hat", sagt Vogel dankbar. Doch auch wenn er vor einiger Zeit seine Parkinson-Erkrankung öffentlich gemacht hat, auch wenn er seit Jahren in einer Seniorenresidenz in München lebt, auch wenn er sich beim Gehen auf einen Stock stützt - wenn Vogel das Wort ergreift, sind ihm die 90 Jahre kaum anzumerken.

Einige Tage vor seinem Geburtstag sitzt er in München auf der Bühne des Künstlerhauses am Lenbachplatz: Es geht um Vogels Buch, sein politisches Leben, es geht aber auch um hochaktuelle Fragen wie die Flüchtlingskrise oder die Gefahren, die von Pegida & Co. ausgehen. Und sofort wird deutlich: Vogel fühlt und leidet noch immer mit - mit der Politik, mit seiner Partei, auch mit seinen Nachfolgern. Das Ergebnis für Sigmar Gabriel auf dem letzten Parteitag habe er bis heute nicht verstanden. Ein schlechtes Ergebnis für den Parteichef, nur weil er zuvor die Juso-Vorsitzende abgekanzelt habe? "Ja, dann hätte ich noch nicht einmal 60 Prozent haben dürfen", sagt Vogel. Und dann ermahnt er seine Partei, angesichts der schwierigen Lage und schlechter Umfragewerte nicht den Kopf in den Sand zu stecken: "Eines muss ich meiner Partei zu bedenken geben: Sie muss auch nach außen gelegentlich von ihren Erfolgen reden", sagt Vogel noch in ruhigem Ton. Dann aber ruft er in den Saal: "Was die Sozialdemokratie für Freiheit und Demokratie und Gerechtigkeit in 150 Jahren geleistet hat! Wir sollten nie in Vergessenheit geraten lassen, dass die Sozialdemokraten 1933 die Ehre der Demokratie hochgehalten haben." Vogel mahnt seine SPD: "Wir sind nicht eine Tageserfindung, sondern wir sind ein gestaltendes Element der deutschen Geschichte."

Jüngster OB einer Großstadt

Traditionell Pflicht für den Münchener OB: Der Anstich des ersten Fasses auf dem Oktoberfest 1965.
Traditionell Pflicht für den Münchener OB: Der Anstich des ersten Fasses auf dem Oktoberfest 1965.(Foto: imago/ZUMA/Keystone)

Vogel selbst hat diese deutsche Geschichte ein Stück weit mitgestaltet: Mit 34 Jahren wurde der in Göttingen geborene Professoren-Sohn Oberbürgermeister in München - und damit jüngster OB einer deutschen Großstadt. Sein jüngerer Bruder Bernhard (heute 84) ging ebenfalls in die Politik - allerdings in die CDU. Er wurde Ministerpräsident gleich zweier Bundesländer, Rheinland-Pfalz und später Thüringen. Beide erzählten oft lachend, dass sie immer davon überzeugt waren, dass der jeweils andere in der falschen Partei ist.

Die Karriere von Hans-Jochen Vogel war gezeichnet von vielen Glanzpunkten, aber Niederlagen: Bundesbau- und Bundesjustizminister, für knapp vier Monate Regierender Bürgermeister in Berlin, SPD-Partei- und Fraktionschef - und Kanzlerkandidat. Doch da unterlag er Helmut Kohl. "Kanzler wurde er nicht, aber dafür ist Hans-Jochen Vogel zu einem großen Vorbild nicht nur für sozialdemokratische Generationen geworden", schrieb Helmut Schmidt. Und Gabriel lobt in einem Glückwunschschreiben zu Vogels 90. Geburtstag: "Du warst zur Stelle, wann immer Dich die Partei gebraucht hat."

Schmidts große Stütze

Viele Klischees hafteten Vogel über die Jahre an: Muster-Sozialdemokrat, Parteisoldat, akkurater Einser-Jurist, akribischer Oberlehrer, Pedant mit der Klarsichthülle. Das Oberlehrerhafte habe er auch nie ganz abgelegt, sagt ein Münchner SPD-Mann schmunzelnd, der Vogel seit Jahren kennt. Ein Fortschritt sei ja wenigstens, dass Vogel inzwischen selbst damit kokettiere.

Vor der härtesten Bewährungsprobe stand Vogel - gemeinsam mit Kanzler Schmidt und anderen - während der Zeit des RAF-Terrorismus. "Die schwierigste Entscheidung, an der ich beteiligt war, war die Entscheidung nach der Entführung von Hanns Martin Schleyer und nach der Entführung der "Landshut", sagt Vogel, der damals Justizminister war - es war die Entscheidung, der Forderung der RAF-Terroristen nicht nachzugeben. Schleyer starb. "Das ist etwas, was einen auch heute noch beschäftigt", sagt Vogel rückblickend. Dagegen sei er "dem Herrgott heute noch dankbar", dass bei der Erstürmung der entführten Lufthansa-Maschine "Landshut" keine einzige Geisel gestorben sei. Diese Monate waren es, die Vogel und Schmidt zusammenschweißten. "Für mich war er eine große Stütze in den Jahren des RAF-Terrorismus", schrieb Schmidt. Aus Weggefährten wurden Freunde. Beim Hamburger Staatsakt nach dem Tod des Altkanzlers war Vogel trotz seines hohen Alters dabei.

Bei der Vorstellung von Vogels Buch vor wenigen Tagen in München wird auch aus der letzten Rede zitiert, die er am 30. Juni 1994 im Bundestag gehalten hat. Darin rief Vogel eindrucksvoll zum Kampf gegen politischen Extremismus auf, egal ob von links oder von rechts. Und die Mahnungen wirken für viele Zuhörer erschreckend aktuell. Vogel klagte damals, rechtsextremistische Gewalttaten stellten "die Fundamente unseres friedlichen Zusammenlebens infrage". Der davon ausgehenden Gefahr müsse man "mit allem Nachdruck" widerstehen. An der Stelle notierten die Protokollanten im Bundestag: "Beifall im ganzen Hause".

Quelle: n-tv.de

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