Politik
Revolutionäre Soldaten in Petrograd.
Revolutionäre Soldaten in Petrograd.(Foto: picture alliance / Uncredited/Ru)
Dienstag, 07. November 2017

Oktoberrevolution in Russland: Der bolschewistische Staatsstreich

Von Wolfram Neidhard

Wladimir Putin will den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution am liebsten ignorieren. Er ist der Meinung, dass Revolutionsführer Lenin das russische Volk gespalten habe. Dabei war das Ereignis für das 20. Jahrhundert von historischem Rang.

Die Oktoberrevolution in Russland des Jahres 1917 war in den Staaten des "real existierenden Sozialismus" ein wichtiger Termin, der bis zum politischen Umbruch 1989/1990 alljährlich gefeiert wurde. Mit viel Pathos wurden Reden gehalten. Die Führer des von der Sowjetunion beherrschten Ostblocks ließen sich feiern, sie beschworen die weltgeschichtliche Bedeutung dieser Revolution als Sieg über das kapitalistische System. Die Rolle von Revolutionsführer Wladimir Iljitsch Lenin wurde ausgiebig gewürdigt. Auf dem Roten Platz in Moskau gab es dazu eine pompöse Militärparade vor den führenden Funktionären der KPdSU. In der DDR nahm das "Große Sozialistische Oktoberrevolution" genannte Ereignis im Geschichtsunterricht einen so breiten Raum ein, dass für Erörterungen anderer wichtiger historischer Prozesse nur noch wenig oder mitunter sogar keine Zeit blieb.

Umgang mit der Oktoberrevolution: Michail Gorbatschow und Wladimir Putin tun sich schwer.
Umgang mit der Oktoberrevolution: Michail Gorbatschow und Wladimir Putin tun sich schwer.(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

100 Jahre später tut sich Russland schwer mit der Bewertung der Revolution, bei der die relativ kleine Gruppe der radikal linken Bolschewiki unter Lenin am 7. November 1917 den Umsturz durchführte. Er nannte sich Oktoberrevolution, weil zu dieser Zeit in Russland der julianische Kalender galt, bei dem das Ereignis auf den 25. Oktober datiert war.

Russlands Präsident Wladimir Putin, der sich vom Kommunisten zum Nationalkonservativen gewandelt hat, hat ein distanziertes Verhältnis zu Lenin. Er wirft dem Revolutionsführer vor, Russland in einen Bürgerkrieg gestürzt zu haben, an dem auch ausländische Mächte beteiligt waren. Es sei Lenins Politik gewesen, die das russische Volk gespalten und weite Teile des Landes verwüstet habe, so der Staatschef. Aus völlig eigennützigen Gründen - denn er fürchtet derzeit nichts mehr als Unruhen gegen sein Machtsystem - ruft Putin die Russen zur Besonnenheit auf. "Selbst die schärfste Polemik sollte auf Fakten und Dokumenten, auf einer respektvollen Beziehung zur Vergangenheit beruhen", schreibt er den Teilnehmern von Gedenkveranstaltungen ins Stammbuch: "Die turbulenten und dramatischen Ereignisse des Jahres 1917 sind ein untrennbarer, schwieriger Teil unserer Geschichte." Auf der negativen Seite stehe die "Zerstörung von Staatlichkeit" und von "Millionen menschlicher Schicksale", positiv sei ein "gewaltiger Impuls" gewesen, von dem vor allem der Westen profitiert habe.

Die Oktoberrevolution habe stattgefunden, weil "die Seele Russlands krank" war, sagte Michail Gorbatschow, unter dem die kommunistische Weltmacht UdSSR zerbrochen und untergegangen war. Für ihn kam der Umsturz "aus der Tiefe des Landes". Als KPdSU-Generalsekretär hatte Gorbatschow sich gegen die im Zusammenhang mit der Oktoberrevolution verwendeten Begriffe "Umsturz" und "Putsch" gewehrt. Während er das Terrorregime von Josef Stalin an den Pranger stellte, verteidigte Gorbatschow noch eine geraume Zeit die Verdienste Lenins, obwohl bereits unter ihm Millionen Menschen getötet wurden. Erst später sollte er Lenin abschwören und sich als Sozialdemokrat bekennen.

Doppelherrschaft in Petrograd

Keine Zusammenarbeit mit der Provisorischen Regierung: Wladimir Iljitsch Lenin.
Keine Zusammenarbeit mit der Provisorischen Regierung: Wladimir Iljitsch Lenin.(Foto: picture alliance / TASS/dpa)

"Eine revolutionäre Situation gibt es dann, wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen", sagte Lenin. Diese Situation war 1917 in Russland zweifelsohne vorhanden. Zar Nikolaus II. war bereits durch die Februarrevolution gestürzt worden. Er, der dunkle Gestalten wie den Wanderprediger Grigori Rasputin am Hof mitmischen ließ, war mit der Situation seines Riesenreichs völlig überfordert gewesen. Doch auch die Provisorische Regierung bekam die Situation nicht unter Kontrolle. Radikale Kräfte setzten auf die Arbeiter- und Soldatenräte (Sowjets), die als alternative Machtorgane vor allem in Petrograd (ehemals Sankt Petersburg) und anderen großen Städten installiert worden waren. Es gab die Doppelherrschaft - ein politisches Patt, das im Herbst gewaltsam aufgelöst wurde. Lenin, der im April mit deutscher Hilfe aus der Schweiz nach Russland zurückgekehrt war, erklärte, er wolle die auf die Sowjets gestützte Macht übernehmen. In seinen "Aprilthesen" verweigerte er jegliche Zusammenarbeit mit der Provisorischen Regierung. Stattdessen verlangte Lenin eine Enteignung des Großgrundbesitzes, eine sozialistische Kontrolle über die Industrie und eine Verstaatlichung des Bankensystems.

Die Provisorische Regierung hatte keine Chance. Im Inneren stand sie den Sowjets gegenüber. Im Äußeren übten die mit Russland verbündeten Entente-Mächte Großbritannien und Frankreich großen Druck auf sie aus, nicht aus dem Ersten Weltkrieg auszusteigen. Die Regierung unter dem Sozialrevolutionär Alexander Kerenski war nicht bereit, große russische Gebietsverluste zu Gunsten des kaiserlichen Deutschlands in Kauf zu nehmen und startete eine große Offensive gegen die Mittelmächte, die aber im Juli zusammenbrach. Die Situation spitzte sich weiter zu, zumal General Lawr Kornilow sich auf Betreiben Kerenskis bereiterklärt hatte, Ende August/Anfang September gewaltsam gegen die Sowjets vorzugehen. Allerdings verfolgte der General wohl auch ein eigenes Ziel - die Absetzung der Kerenski-Regierung und die Errichtung einer Militärdiktatur. Der Kornilow-Putsch scheiterte, die Bolschewiki erfuhren einen Machtzuwachs, sie beherrschten die wichtigsten Petrograder Sowjets. Der Weg zum Umsturz war frei.

Ein Sturm, der keiner war

So sah die Propaganda den Sturm auf das Winterpalais.
So sah die Propaganda den Sturm auf das Winterpalais.(Foto: picture alliance / UPI/dpa)

In der Nacht zum 25. Oktober (7. November) begann der Aufstand, dem die Provisorische Regierung nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Die Kerenski-Regierung wurde durch ein bolschewistisches Regime ersetzt. Es war nicht der propagierte große Sturm auf das Winterpalais. Das große Tor mit dem Eisengitter, das die roten Matrosen in Sergej Eisensteins Film "Oktober" von 1927 stürmen, führte nicht zum Inneren des Palastes, sondern zu den Pferdeställen und Kutschen. Die Machtübernahme der Bolschewiki erfolgte sehr unauffällig. Die Wachen übten keinen Widerstand aus und übergaben ihre Waffen.

Russische Historiker der Gegenwart sprechen von keiner Revolution, sondern lediglich von einem Staatsstreich, organisiert von der radikalen Gruppe um Lenin und Leo Trotzki. Auch der vom Panzerkreuzer "Aurora" abgegebene Platzpatronenschuss soll sich aus Versehen gelöst haben. Die meisten Petrograder Bürger erfuhren über die Geschehnisse erst durch die Zeitung. Das Leben in Petrograd verlief nach der Umsturznacht relativ unspektakulär.

Panzerkreuzer "Aurora"
Panzerkreuzer "Aurora"(Foto: dpa)

Die Bolschewiki standen vor sehr schwierigen Entscheidungen. Die größte Klasse Russlands, die Bauernschaft, musste mit ins Boot geholt werden. Zudem stellten vorrückende deutsche Truppen eine ernsthafte Gefahr für die neuen Machthaber dar. Bereits am 26. Oktober (8. November) erließ der Zweite Allrussische Sowjetkongress die Dekrete über den Frieden und den Grund und Boden. Im November fanden noch die Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung statt, bei der die Bolschewiki lediglich 175 von 703 Sitzen errang. Die Versammlung wurde gleich in der ersten Sitzung im Januar 1918 aufgelöst. Rote Garden verbarrikadierten das Gebäude. "Es ist nicht nötig die konstituierende Versammlung zu zerstreuen: Lasst sie einfach solange schwatzen wie sie wollen und es beenden und morgen lassen wir keinen einzigen mehr rein", sagte Lenin.

Lenin gelang ein, wenn auch schmerzhafter, Friedensschluss mit Deutschland. Allerdings verlor Russland durch den im März 1918 geschlossenen Vertrag von Brest-Litowsk ein Drittel seiner Bevölkerung, ein Drittel seiner Agrarfläche und 50 Prozent seiner Industriebetriebe. Der Historiker Jörg Friedrich charakterisierte Lenin so: "Er war - das ist Hauptbestandteil seiner Größe - von den ganzen Marxisten und Sozialisten des Kontinents so gut wie der einzige, der völlig unpatriotisch war." Tatsächlich waren Grenzen für Lenin entbehrlich, glaubte er doch an die Weltrevolution. Nur blieb diese aus, obwohl der Funke zeitweise nach Deutschland und in andere Länder übersprang.

Straflager, Massenmorde, Zwangskollektivierung

Politische "Säuberungen" unter Josef Stalin.
Politische "Säuberungen" unter Josef Stalin.(Foto: picture alliance / dpa/dpa)

Den Bolschewiki gelang es zunächst nicht, das Land zu befrieden. Kein Wunder, denn sie wollten keine bürgerliche Demokratie, sondern die Diktatur des Proletariats. Millionen Menschen kamen durch einen jahrelangen Bürgerkrieg gegen die sogenannten Weißen, die von ausländischen Truppen unterstützt wurden, ums Leben. Viele Bauern starben in Folge des Kriegskommunismus' einen grausamen Hungertod, weil ihre Produkte gewaltsam eingezogen wurden. Ganze Dörfer wurden zerstört. Nach Ansicht des Historikers Karl Schlögel "war damit die soziale Basis des alten Russlands beseitigt". Das Regime der Sowjetunion - sie wurde erst Ende 1922 gegründet - blieb laut Schlögel bis zum Ende des Staates nur eines mit schwacher Legitimation.

Denn zur Geschichte zur UdSSR gehörten Straflager und Massenmorde. Dazu die Enteignung der Bauern während der 1929 einsetzenden Zwangskollektivierung unter Stalin, die wieder Millionen Todesopfer forderte. Dazu kam eine mit aller Macht durchgesetzte Industrialisierung. Dem folgten die politischen "Säuberungen" der 1930er-Jahre. Schlögel dazu: "Leute machten Karriere auf den Gräbern der Vorgänger, die aus dem Weg geräumt waren."

Nicht zu vergessen sind die zwei Millionen Menschen, die kurz nach dem Oktoberumsturz 1917 Russland den Rücken kehrten und ins westliche Ausland emigrierten. Darunter waren viele Intellektuelle, die sich nicht den bolschewistischen Machthabern anpassen wollten, die keine neuen Sowjetbürger werden wollten.

Der Schriftsteller Maxim Gorki hat seine eigene Meinung von Lenin: "Man muss verstehen, dass Lenin kein allmächtiger Zauberer, sondern ein kaltblütiger Gaukler ist." Zu den Ereignissen vom Herbst 1917 sagt er: "Eine Revolution ist nur dann vernünftig und großartig, wenn sie der natürliche und machtvolle Ausbruch aller schöpferischen Kräfte eines Volkes ist. Wenn sie jedoch nur jene Gefühle und Gedanken befreit, die sich im Volk während seiner Versklavung und Unterdrückung angestaut haben, wenn es sich nur um einen Ausbruch von Erbitterung und Hass handelt, dann haben wir keine Revolution, sondern einen Aufruhr, der unser Leben nicht verändern kann und nur die Grausamkeit und das Übel vergrößert ..."

Wohl auch deshalb ist die Sowjetunion nur 69 Jahre alt geworden.

Quelle: n-tv.de

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