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Das griechische Geundheitssystem bricht zusammen, Menschenleben sind in Gefahr. Krankenhäuser haben kein Geld mehr, um medizinisches Material zu kaufen.
Das griechische Geundheitssystem bricht zusammen, Menschenleben sind in Gefahr. Krankenhäuser haben kein Geld mehr, um medizinisches Material zu kaufen.(Foto: picture alliance / dpa)

Krank im Krisenstaat: Der griechische Patient leidet

Von Ina Brzoska

Es fehlt an Gips, an Pillen, an Stents für Herzoperationen. Dem griechischen Gesundheitssystem droht der Kollaps. Pharmariesen weigern sich, bestimmte Krankenhäuser zu beliefern, Ärzte weisen Patienten ab, wenn sie nicht in Vorkasse gehen. Angela Merkel will nun zwei EU-Hilfsprojekte forcieren – in Höhe von 30 Millionen Euro.

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Arbeitslose infizieren sich mutwillig mit Aids, weil staatliche Zuwendungen dann steigen. Schwangere gebären zu Hause, weil sie von der Klinik abgewiesen werden. Krebspatienten müssen auf überlebenswichtige Arzneien verzichten, weil Pharmafirmen ihre Lieferungen verweigern. Dem Land, aus dem Wörter wie Apotheke und Pharmazie stammen, droht der Kollaps im Gesundheitssektor, weil der Staat seine Rechnungen nicht mehr begleicht.

"Aufgrund der Wirtschaftskrise hat die Regierung harte Einschnitte vorgenommen, das Gesundheitssystem Griechenlands wurde dadurch zerstört", fasst es Apostolos Veizis von Ärzte ohne Grenzen zusammen. Rund 30 Prozent der Hellenen hätten kaum noch Zugang zur medizinischen Versorgung, in den letzten vier Jahren sei die Selbstmordrate um 40 Prozent gestiegen. Jetzt, da der Winter naht, bangen jene, die sich keine Heizung mehr leisten können, zu erfrieren – vor allem in den Berg- und Skiregionen, wo das Thermometer schon in diesen Tagen unter null Grad Celsius sackt.

Auch wenn der Besuch von Kanzlerin Merkel in Griechenland als Durchbruch gewertet und so verstanden wurde, dass die 31,5 Milliarden-Tranche bald an den griechischen Staat fließt: EU-Diplomaten beurteilen dies als Zweckoptimismus. Das krisengeschüttelte Land, das machte auch die Merkel deutlich, muss erst beweisen, dass es weitere Sparleistungen erbringt und den Schuldenabbau weiter vorantreibt. Angesichts der dramatischen Verschlechterung im Gesundheitswesen brachte Merkel aber doch ein Notpflaster mit: Sie versprach, zwei unter deutscher Betreuung stehende EU-Projekte voranzutreiben, 30 Millionen Euro sollen dafür bereit gestellt werden. Die Organisation des derzeit kollabierenden Gesundheitssektors müsse vor allem besser strukturiert werden, hieß es.

Ein Groschen macht keine Milliarden

Gesundheit, Kosten, Zahlungen

StaatlicheFürsorge: Das griechische Gesundheitssystem wird durchSozialbeiträge von Arbeitgebern und Arbeitnehmern finanziert. Arbeitgeber zahlen5,1 Prozent, Arbeitnehmer 2,55 Prozent des Bruttoverdienstes. Die Leistungen desstaatlichen Gesundheitsdienstes sind für die Versicherten sowie deren Familienangehörigekostenlos. Auch bei zahnärztlichen Behandlungen sowie allgemeinen und speziellenAnalysen in Laboren müssen die Griechen nichts zahlen. Bei verschreibungspflichtigenMedikamenten allerdings müssen 25 Prozent des Arzneimittelpreises zugezahlt werden.

Zins:Die griechische Regierung zwang Pharmakonzernen 2010 und 2011 zinslose Anleihenfür Rechnungen an Kliniken aus den Jahren 2007 bis 2009 auf. Die Firmen hatten keineWahl, sie mussten ihre Papiere statt Bargeld annehmen. Effektiv stundeten sie alsodie Rechnungen ohne Zins.

Zahl:Zudem waren die Anleihen schon 2011 am Markt viel weniger Wert als ihr Zahlwertauf dem Papier. Denn Investoren befürchteten längst, dass Athen zahlungsunfähigwerden könnte und kauften die Papiere nur mit Abschlag.

Zwang: Schließlich kam Anfang 2012 der "freiwillige" Schuldenschnitthinzu. Den konnten Gläubiger ebenso wenig verweigern, wie zuvor die Zwangsanleihender Kliniken.

Es ist ein Notgroschen in einem System, dem Milliarden fehlen. Die schwere Finanzkrise hat auch Griechenlands größte Krankenkasse EOPYY in die Knie gezwungen. 230 Millionen Euro schuldet EOPYY allein Ärzten und Apothekern. Ein 1,5 Milliarden-Loch sollen im EOPYY-Haushalt fehlen. Diese Zahlen machte der griechische Verband der Vertragsärzte öffentlich, um Druck auszuüben.

Seit einigen Wochen gibt es viele Behandlungen nur noch gegen Vorkasse – obwohl die Griechen über Jahrzehnte in das Versicherungssystem eingezahlt haben. Hunderttausende Versicherte müssen ihre Medikamente erst bar bezahlen und sich anschließend mit der Quittung an die Krankenkasse wenden – vor allem Alte und Schwache können sich das nicht leisten. Zudem warten viele Versicherte vergeblich auf die Erstattung von der Kasse. Das Problem: Unter dem Dach von EOPYY sind zahlreiche kleinere und marode Versicherungsträger vereint. Der Verband der Kassenärzte beklagt, dass die Gründung des größten Trägers zur Erbringung von Gesundheitsleistungen ohne Planungen und mit völlig unzureichender Finanzierung erfolgte.

Klopapier und Wundalkohol fehlen

"Wir brauchen das Geld, sonst können wir die Medikamente nicht beim Großhändler kaufen", sagt ein niedergelassener Arzt, der eine Praxis im Nordosten Athens führt. Ebenso argumentieren Krankenhäuser, wenn sie Patienten abweisen. Operationen können zeitweise gar nicht durchgeführt werden, weil Lieferanten sich weigern, Material zu liefern. Die in Athen erscheinende Tageszeitung TaNea berichtet von der größten Klinik in der Hafenstadt Thessaloniki: Dort konnten Chirurgen keine kardiologischen Behandlungen vornehmen. Gefäßstützen, sogenannte Stents, die für Eingriffe am Herzen notwendig sind, waren nicht mehr verfügbar. Im Krankenhaus der mittelgriechischen Stadt Larisa gab es zeitweise kein Toilettenpapier mehr. In Heraklion auf Kreta konnten vor einigen Wochen Wunden nicht mehr gereinigt werden, da Pharma-Alkohol fehlte.

Bei der EOPYY, die auf Altlasten und Rezession verweist, hofft man auf EU-Gelder. "Sobald die nächste Tranche überwiesen ist, werden die Altlasten getilgt", sagte Präsident Gerasimos Voudouris in einem Fernsehinterview.

Darauf hoffen auch deutsche Pharmafirmen. Sie haben mit der Griechenlandkrise bereits viele Millionen eingebüßt und beobachten die Ereignisse im Land derzeit sehr genau. Firmen wie Biotest, Fresenius, Sanofi und Merck erhielten im Frühjahr griechische Anleihen, weil Krankenhäuser bestellte Arzneien nicht bezahlen konnten. Der Kurs der Anleihen lag weit unter dem Nominalwert, weil die Zahlungsfähigkeit in Zweifel stand und steht. Hersteller trugen also den Schuldenschnitt quasi mit. Ihre Abschreibungen zeigen, dass sie bereits einen deutlichen Anteil an den Lasten der Krise getragen haben und anders als andere Pharmariesen versprechen deutsche Hersteller, Lieferungen nicht zurückzuhalten.

Senioren werden Schufte genannt

Für viele besteht jetzt trotzdem Handlungsbedarf. Laut einem Bericht der "Financial Times Deutschland" verkaufte Merck, der drittgrößte deutsche Arzneianbieter, die letzten Zwangsanleihen im letzten Quartal. In Summe verlor Merck fast zwei Drittel der offenen Rechnungsbeträge. Konkurrent Biotest schrieb über die Hälfte ab und hat sich damit praktisch völlig aus Griechenland zurückgezogen. Auch Bayer und Fresenius verbuchen Einbußen, nennen aber keine Zahlen und halten sich bedeckt, was den weiteren Handel mit Griechenland angeht.

Ärzte ohne Grenzen plant nun ein Hilfsprojekt für Griechen in Athen. Seit 1990 ist die Hilfsorganisation in dem Land, kümmert sich um Migranten und Flüchtlinge. Doch nun sind es die Griechen selbst, die dringend eine Notversorgung brauchen. Besonders die Alten und Schwachen leiden unter der Krise. Vor einigen Wochen drangen Senioren in das Ministerium ein, um ihrem Ärger Luft zu machen und Minister Anderas Lykourentzos ihre Forderungen persönlich vorzutragen. Der ließ die Alten rauswerfen, hatte wenig Verständnis für die Aktion. Schufte nannte er sie.

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Quelle: n-tv.de

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