Politik
Sowjetische Panzer am 17. Juni 1953 in der Leipziger Straße in Ostberlin.
Sowjetische Panzer am 17. Juni 1953 in der Leipziger Straße in Ostberlin.(Foto: AP)

17. Juni 1953: Der große Aufstand

Von Hubertus Volmer

In 700 Städten und Gemeinden der DDR gehen am 17. Juni 1953 rund eine Million Menschen auf die Straße. Einer von ihnen ist der 16-jährige Lehrling Klaus Gronau. Ihn treibt die Neugier zur Oberbaumbrücke, wo er mit Steinen auf die Volkspolizei wirft.

Für Klaus Gronau beginnt der 17. Juni 1953 bereits am Tag zuvor. Er ist auf dem Weg von der Berufsschule nach Hause, Gronau ist 16 Jahre alt, sein Heimweg führt über die Frankfurter Allee, die damals noch Stalinallee heißt. Dort sieht er dreißig bis vierzig Bauarbeiter zusammenstehen. Sie streiten, gestikulieren. "Einer hatte einen Vorschlaghammer in der Hand", erinnert sich Gronau. "Mit dem haute er zwei PKWs entzwei - und das zu einer Zeit, wo Autos noch eine absolute Seltenheit waren!"

Die Arbeiter gehören zu den Bautrupps, die aus der Berliner Stalinallee die Prachtmeile des Sozialismus machen sollen. Die Wohnung der Gronaus liegt in unmittelbarer Nähe, in der Boxhagener Straße 110. Hier kommt der Junge 1937 zur Welt, hier ist sein Zuhause. In den Trümmern im Block zwischen Stalinallee und Boxhagener Straße legt er nach dem Krieg mit Freunden einen Fußballplatz an. "Bis 1952 spielten wir dort, bis die Bauarbeiter anrückten."

Klaus Gronau heute.
Klaus Gronau heute.(Foto: Mählert / Bundesstiftung Aufarbeitung)

Der Mann mit dem Vorschlaghammer weckt seine Neugier. Klaus Gronau stellt sich zu den Bauarbeitern. Sie schimpfen über die zehnprozentige Normerhöhung, die sechs Tage zuvor bei einer Belegschaftsversammlung "freiwillig" beschlossen worden war. Schon in den vergangenen Tagen hatten Normerhöhungen auf Baustellen im Ostberliner Bezirk Friedrichshain für Ärger gesorgt.

Als die Bauarbeiter losmarschieren, schließt Gronau sich ihnen an. Schon bald werden sie von Volkspolizisten umringt und auf LKWs verfrachtet. Gronau hat Glück: Einer der Wortführer unter den Arbeitern erklärt den Vopos, dass es in der DDR ein Demonstrationsrecht gebe. Das verunsichert den leitenden Offizier. Er ruft seine Dienststelle an, am Ende können die Männer und der Junge wieder gehen. "Das gab einen ohrenbetäubenden Jubel", erinnert sich Gronau.

"Ich wollte einfach dabei sein"

Die Präsenz der Polizei hat die Menschenmenge noch anwachsen lassen. "Wir marschierten dann weiter, mittlerweile vielleicht 1000 Leute." Sie ziehen zur Warschauer Brücke, wo sich ihnen Arbeiter einer Glühlampenfabrik anschließen, dann zur Oberbaumbrücke, die von Friedrichshain nach Kreuzberg, vom Osten in den Westen führt. "Die Vopos, die da in ihren Kontrollhäuschen saßen, sind gleich weggerannt, als sie uns kommen sahen." Ein paar Bauarbeiter nehmen zwei der Baracken und werfen sie in die Spree. Gronau reißt sozialistische Plakate von Häuserwänden. Eine politische Motivation hat er nicht. "Es war Abenteuerlust. Ich wollte einfach dabei sein."

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Der Demonstrationszug marschiert weiter, vorbei am Bahnhof Ostkreuz zurück zur Stalinallee, dann in Richtung Innenstadt bis zum Haus der Ministerien in der Leipziger Straße. Auf dem Weg dorthin hört Gronau die ersten politischen Rufe: "Wir brauchen keine Volksarmee, wir brauchen Butter!" - "Es hat keinen Zweck, der Spitzbart, der muss weg."

Der Spitzbart, das ist Walter Ulbricht, der Chef des Zentralkomitees der SED und damit der Machthaber in der DDR. Die Arbeiter, die in Ulbricht den Schuldigen für ihre Probleme sahen, trafen ins Schwarze: Er trug die Verantwortung für zwei Beschlüsse, die den Weg zum Volksaufstand geebnet hatten.

Denn eigentlich hatte der 17. Juni schon im Sommer 1952 begonnen. Um die tiefe ökonomische Krise der DDR zu überwinden und den "Aufbau des Sozialismus" zu beschleunigen, beschloss die SED damals die Einführung sogenannter technisch begründeter Arbeitsnormen. In der Regel waren diese Normen unerfüllbar, unter den Arbeitern sorgten sie denn auch für erhebliche Unzufriedenheit. Die Reaktion waren erst einzelne Streiks, Ende 1952 dann eine regelrechte Streikwelle.

Der "Neue Kurs" löst den Aufstand aus

Die SED reagierte mit Appellen und Druck. Betriebsessen beispielsweise wurden, schreibt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch über den 17. Juni 1953, entsprechend der erzielten Leistung verabreicht, sodass viele Arbeiter ohne warmes Mittagessen auskommen mussten. Am 14. Mai 1953 legte das Zentralkomitee der SED fest, dass die Arbeitsnormen zum 1. Juni noch einmal um durchschnittlich zehn Prozent erhöht werden sollten.

Am 16. Juni am Strausberger Platz. Hier war auch Klaus Gronau unterwegs.
Am 16. Juni am Strausberger Platz. Hier war auch Klaus Gronau unterwegs.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Unterdessen hatte die Sowjetunion, zunächst ohne Wissen der SED, einen radikalen Kurswechsel für die DDR beschlossen. Stalin war am 5. März gestorben. Bereits für den 2. bis 4. Juni beorderte die neue sowjetische Führung eine hochrangige SED-Delegation nach Moskau, um ihr den "neuen Kurs" zu diktieren. Bereits wenige Tage später wurde die Anweisung des großen Bruders umgesetzt: In der Parteizeitung "Neues Deutschland" veröffentlichte die SED-Spitze am 11. Juni ein Kommuniqué, in dem sie Fehler einräumte und die Kurskorrektur verkündete: Die Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft sollte aufhören, Einschränkungen bei der Versorgung mit Lebensmittelkarten wurden zurückgenommen, der aggressive Kampf gegen die Kirchen für beendet erklärt.

Anders als geplant sorgte der "Neue Kurs" jedoch nicht für eine Beruhigung. Im Gegenteil. Arbeiter ärgerten sich, weil im Kommuniqué nichts über die Arbeitsnormen stand. Mittelschicht und Bauern durften sich zwar über das versprochene Ende der Repressionen freuen. Schwerer jedoch wog, dass erstmals die Unfähigkeit der SED offen angesprochen worden war. Die Folge war eine Atmosphäre wilder Gerüchte und wiederum zunehmender Streiks.

Generalstreik!

Die Hintergründe kennt Klaus Gronau nicht, als er mit vermutlich 10.000 Demonstranten in der Leipziger Straße vor dem Haus der Ministerien steht. In der Nazizeit hatte das Gebäude Görings Reichsluftfahrtministerium beherbergt, jetzt sitzt dort die Regierung der DDR. Die Menge ist so groß, dass Gronau gar nicht mitbekommt, wie der Minister für Hüttenwesen und Bergbau, Fritz Selbmann, vor dem Gebäude auf einen Tisch steigt und die Rücknahme der Normen verkündet. Doch Gronau hört den Aufruf: Morgen früh, 7 Uhr, Strausberger Platz. Generalstreik!

Den ganzen Tag über gehen die Demonstrationen weiter. Vor dem Friedrichstadtpalast, in dem die SED tagt, findet eine regelrechte Straßenschlacht statt. Für Gronau ist der Tag jedoch beendet, er geht nach Hause, seine Eltern warten schon auf ihn. Im RIAS, dem Sender der Amerikaner aus dem Westteil der Stadt, hatten sie gehört, was los ist in Berlin. Die Eltern bitten den Sohn, am nächsten Morgen zu Hause zu bleiben. Doch sie können den Jungen nicht zurückhalten. Pünktlich um 7 Uhr steht er auf dem Strausberger Platz. Zehntausende ziehen Richtung Stadtmitte. Es ist nicht die einzige Demonstration: Aus der Stadt Hennigsdorf im Norden von haben sich am frühen Morgen die Stahlwerker zu Fuß auf den Weg gemacht, aus Köpenick im Süden bewegt sich ein weiterer Demonstrationszug auf die Innenstadt zu, wo überall dezentrale Protestkundgebungen stattfinden.

Dieses Bild wurde legendär. Tatsächlich stellten sich Demonstranten wohl nur selten gegen sowjetische Panzer - zu groß war die Übermacht.
Dieses Bild wurde legendär. Tatsächlich stellten sich Demonstranten wohl nur selten gegen sowjetische Panzer - zu groß war die Übermacht.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Klaus Gronau geht bis zum Lustgarten mit. "Neben mir lief ein großer Mann, vermutlich ein Bauarbeiter. Er trug einen Regenmantel, beim Laufen aß er aus einer Blechbüchse ein Brot." Stunden später wird er ihn wiedersehen - tot. Auch Gegendemonstranten sieht Gronau. Sie rufen "Brüder, haltet ein!", doch sie werden zur Seite gestoßen, "zwei oder drei auch mit dem Gesicht in Pfützen gestukt". Dann hört Gronau, dass an der Oberbaumbrücke Schüsse gefallen sein sollen. "Ich hatte immer eine besondere Beziehung zur Oberbaumbrücke. Das war unser Weg nach Westberlin, zum Einkaufen, ins Kino. Als Jugendliche hatten wir dort immer die Vopos geärgert: Wir sprangen von der Brücke in die Spree, die ja noch zum Ostsektor gehörte. Wenn die Vopos dann mit ihren Booten ankamen, schwammen wir zum Westufer und drehten ihnen eine lange Nase."

Als er von den Schüssen hört, läuft Klaus Gronau los. Er sieht zwei Verletzte, eine Frau und einen Mann. Am Vortag hatte er hier noch Plakate abgerissen, jetzt reiht er sich unter die jungen Leute ein, die von der Sektorengrenze aus mit Steinen auf die Vopos werfen. Die Vopos schießen, doch sie zielen über die Köpfe der Angreifer hinweg - vergeblich hatte Ulbricht die Sowjets am Nachmittag des 16. Juni gebeten, der Volkspolizei den Schießbefehl erteilen zu dürfen.

"Der Aufstand ist erledigt"

An der Oberbaumbrücke erhalten die Vopos bald Unterstützung durch sowjetische Soldaten. Auch sie schießen in die Luft. "Aber die Sache wurde brenzliger, ich bekam Angst", erzählt Gronau. Als die Volkspolizisten durch ein Megafon verkünden, dass die Grenzen geschlossen werden, geht er zurück in den Ostsektor. Er will nicht ausgesperrt werden.

Zurück in Friedrichshain trifft er einen ehemaligen Mitschüler, der auf dem Moped unterwegs ist und an diesem Tag noch nichts erlebt hat. Klaus Gronau zeigt in Richtung Spree: "Da können wir nicht mehr runter, die machen die Grenzen zu und schießen! Ich war aber schon am Lustgarten, da ist auch was los." Sie fahren hin, doch auf der Karl-Liebknecht-Straße ist Schluss - auf der Höhe der Marienkirche rollen Panzer. Auch hier wird geschossen. Gronau sieht den Bauarbeiter im Regenmantel wieder, der ihm am Morgen aufgefallen war. Er ist tot, überfahren, möglicherweise von einem Panzer. "Seine Stullenbüchse lag ein paar Meter weiter, die war platt wie eine Briefmarke. Da bekam ich große Angst."

"Die Sache war aussichtslos, ich bin nach Hause gerannt", sagt er. Den Rest des Tages verbringt Gronau hinter der Gardine und lugt aus dem Fenster. Vereinzelt laufen sowjetische Soldaten mit Maschinenpistolen durch die Boxhagener Straße. "Sie schossen in die Luft und lachten dabei, vielleicht hatten sie Wodka getrunken, ich weiß es nicht. Die Sache war ernst, sehr ernst. Und man spürte: Der Aufstand ist erledigt."

Eine Million Menschen in 700 Städten auf der Straße

Aus Sicht der SED war die Bilanz dennoch verheerend. Mehrere Häuser in Flammen, das Haus der Ministerien von einigen hundert Demonstranten gestürmt, ebenso die SED-Kreisleitung in der Friedrichstraße, das Kaufhaus am Alexanderplatz verwüstet. Begonnen hatte der Aufstand als Revolte gegen erhöhte Arbeitsnormen. Dennoch war der 17. Juni weit mehr. In der gesamten DDR gingen Demonstranten auf die Straßen, um freie Wahlen, die Freilassung der politischen Häftlinge, den Rücktritt der Regierung und auch die Wiedervereinigung zu fordern. Das Ausmaß war spektakulär: Nicht nur in Ostberlin, in allen größeren Städten wurde demonstriert, insgesamt an mehr als 700 Ortschaften. Historiker schätzen, dass eine Million Menschen beteiligt waren.

Der Aufstand kam so überraschend, dass die Bundesregierung in Bonn zunächst davon ausging, dass es sich um eine aus dem Ruder gelaufene Inszenierung der SED handelte. Eine Chance hatten die Demonstranten des 17. Juni nie. Sie waren zu unorganisiert, sie hatten keine eindeutigen strategischen Ziele, keine zentrale Führung und sie standen einem Gegner gegenüber, der in keinster Weise verhandlungsbereit war. Zwar flohen Ulbricht und seine Genossen aus dem Stadtzentrum in die Obhut der Sowjets und wagten sich erst am 19. Juni an ihre Schreibtische zurück. Aber gegen die Übermacht der Roten Armee konnten die Demonstranten nichts ausrichten.

"Bricht morgen der 17. Juni aus?"

Es wäre unangemessen, schreibt Kowalczuk, der sowjetischen Armee nachsagen zu wollen, sie habe den Aufstand "mit rücksichtsloser Brutalität" niedergeschlagen. Blutbäder habe es nicht gegeben. Tote gab es dennoch, in Berlin allein am 17. Juni mindestens zehn, in der gesamten DDR wohl vierzig bis fünfzig. Rund zehn Volkspolizisten kamen ebenfalls ums Leben. Fünf Menschen wurden von der sowjetischen Armee standrechtlich erschossen, zwei von der DDR-Justiz zum Tode verurteilt und hingerichtet. In den Tagen und Wochen nach dem Aufstand wurden rund 15.000 Menschen verhaftet. Die meisten von ihnen waren Ende 1953 wieder frei. Verurteilt wurden rund 1500.

Die SED lernte aus dem Volksaufstand, dass sie die ökonomischen Zumutungen für die Menschen so gering wie möglich halten musste. Als Bedrohung blieb der Tag im kollektiven Gedächtnis des DDR-Regimes. "Ist es so, dass morgen der 17. Juni ausbricht?", fragte Stasi-Chef Erich Mielke im August 1989. Genauso war es. In gewisser Weise war der 17. Juni der Anfang vom Ende. Es war der erste europäische Volksaufstand gegen die kommunistische Diktatur. Es folgten noch einige: der Aufstand im polnischen Posen 1956, der Ungarnaufstand im selben Jahr, der Prager Frühling 1968, der Dezemberaufstand in Polen 1970, schließlich die Solidarność-Bewegung in Polen, die das Ende des Kommunismus einläutete.

Vier Jahre nach dem 17. Juni 1953 floh Klaus Gronau nach Westberlin. Sein Vater, ein Postbeamter, setzte sich spontan ab, um seiner Verhaftung zu entgehen, zwei Tage später folgten Frau und Sohn. Zwei Bücher von Mark Twain, mehr hatte Klaus Gronau nicht dabei, als er mit seiner Mutter über die Oberbaumbrücke ging. "Meine Schicksalsbrücke" nennt er sie. Nach dem Mauerbau dauerte es ein paar Jahre, bis er mit der Hochbahn vom Schlesischen Tor zur Warschauer Brücke fuhr. "Da musste ich vor Freude weinen", erzählt er mit feuchten Augen. "Das war schon was."

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Quelle: n-tv.de

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