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Das Welternährungsprogramm (WFP) versorgt jeden Monat rund vier Millionen Menschen in Syrien.
Das Welternährungsprogramm (WFP) versorgt jeden Monat rund vier Millionen Menschen in Syrien.(Foto: REUTERS)
Mittwoch, 27. April 2016

Kampf gegen den Hunger in Syrien: Deutschland zahlt, die Türkei blockiert

Von Issio Ehrich

Das Welternährungsprogramm kann notleidende Menschen in Syrien von Mai an voll versorgen. Ein Triumph - auch dank deutscher Hilfe. Trotz zusätzlicher Milliarden steht die UN-Organisation aber vor immer neuen Herausforderungen.

Jakob Kern macht schnell die Relationen deutlich: Für die meisten Menschen in Europa kommen 1700 Kilokalorien am Tag einer Diät gleich, sagt er. Geht es um die Menschen im Bürgerkriegsland Syrien, sind 1700 Kilokalorien am Tag ein Triumph.

Der Zugang zu belagerten Orten in Syrien steht und fällt mit dem Fortschritt der Friedensverhandlungen.
Der Zugang zu belagerten Orten in Syrien steht und fällt mit dem Fortschritt der Friedensverhandlungen.(Foto: REUTERS)

Kern ist Syrien-Landesdirektor des Welternährungsprogramms (WFP) der Vereinten Nationen und zieht bei einem Besuch in Berlin eine Zwischenbilanz des Jahres. Kern weiß, dass die hilfsbedürftigen Menschen in Syrien seit Jahren nicht mehr auf diesen Wert gekommen sind. Das WFP musste die Essensrationen zuletzt immer wieder kürzen. Doch diese Zeit ist nun vorbei. "Ab Mai schaffen wir es, 100 Prozent der Versorgung sicherzustellen", sagt Kern.

Es ist ein kleiner Hoffnungsschimmer. Doch wie so oft, wenn es sich um Syrien dreht, gibt es kaum eine Erfolgsmeldung, die nicht von Rückschlägen an anderer Stelle begleitet wird.

Deutschland zahlt kräftig ein

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Das WFP finanziert sich komplett aus Spenden der Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen. Doch vor allem die Europäer zeigten sich sparsam, die Folgen davon bekamen sie in Form von Flüchtlingen, die ins Land drängten, zu spüren. Daraufhin steuerten sie auf einer Geberkonferenz in London im Februar um. Besonders die deutsche Bundesregierung. Allein für das laufende Jahr stellte sie dem WFP 570 Millionen Euro für Syrien und die Nachbarstaaten bereit. Kern schwärmt von der größten Zusage in der Geschichte der Organisation. Davon profitiert sie nun.

Die Finanzierung der rund vier Millionen Syrer, die das WFP unterstützt, steht bis Oktober. Denn Deutschland hat seinen Anteil bereits Anfang März überwiesen. Doch, und das ist der Rückschlag, die meisten anderen Staaten haben zwar viel versprochen, aber noch nicht viel bezahlt. Kern ist sich nicht sicher, wie die Lage im Winter sein wird. Und er macht sich Sorgen, weil sich die Versorgung so nur schwer planen lässt.

Ankara blockiert

Voran ging es für das WFP auch beim Zugang zu belagerten und schwer zu erreichenden Städten. Zum einen hat sich die Sicherheitslage seit der Waffenruhe zwischen Regierung und den oppositionellen Gruppen im Land deutlich verbessert. Zum anderen lässt das Regime von Baschar al-Assad nun viel häufiger Hilfsgüter durch – das Ergebnis der Friedensverhandlungen.

Doch Kern sagt: "Es gibt immer mehr Anzeichen dafür, dass die Waffenruhe bricht." Und das WFP konnte in den letzten Wochen zwar 15 der 18 zuvor unerreichbaren Ortschaften in Syrien und damit rund 700.000 zusätzliche Menschen im Land mit Hilfslieferungen erreichen. Doch zugleich wird es immer schwerer, Güter über die türkische Grenze zu bringen. Ankara hat den Grenzübergang Nusaybin im Dezember nach eigenen Angaben aus Sicherheitsgründen geschlossen. Auf der syrischen Seite der Grenze liegt die Hochburg der syrischen Kurden Qamischli und das Gouvernement Hassaka. Die türkische Regierung nimmt die syrischen Kurden wegen ihrer Nähe zur verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK als Bedrohung wahr.

Laut Kern sind durch die Blockade Hunderttausende Bedürftige von der Versorgung abgeschnitten. "Die Lage ist nicht so schlimm, wie in den belagerten Städten", sagt er. Es gebe dort Lebensmittel. Aber diese seien viel zu teuer. WFP-Angaben zufolge stiegen die Preise seit dem Beginn der Blockade um mehr als 40 Prozent. Immer mehr Menschen sind demnach gezwungen, sich von nur noch einer Mahlzeit am Tag zu ernähren und zu betteln.

"Der Grenzübergang war unser einziger Zugang", sagt Kern. Und man suche bisher noch vergeblich nach einer Alternative.

Quelle: n-tv.de

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