Revier-Autobahn drei Monate gesperrtDie Baustelle der Zukunft

Droht dem Ruhrgebiet der Superstau? Das Land NRW sperrt einen Teil der Autobahn A40 drei Monate lang. Bei täglich bis zu 120.000 Pendlern sorgt das für Frust, aber das Projekt könnte die Baustellen-Praxis nachhaltig verändern. Empfiehlt sich das Experiment, soll Schluss sein mit den jahrelangen Großbaustellen.
Einige spazieren, andere radeln, wieder andere sitzen zum Picknicken auf ihrer Bierzeltgarnitur unter Sonnenschirmen und beißen herzhaft in die Stullen: Diesen 18. Juli, an dem mehr als drei Millionen Menschen aus dem Ruhrgebiet auf ihrer A40 unterwegs sind, wird hier keiner so schnell vergessen. An diesem Samstag, dem Tag des Stilllebens auf dem gesperrten Ruhrschnellweg A40, ist alles anders. Keine Autos, nur Passanten: Eine Region feiert sich selbst auf einer Autobahn. Es ist der Höhepunkt des Kulturhauptstadtjahrs 2010. Der Tag erinnert an den autofreien Sonntag während der Ölkrise 1973. Noch mehr verrät er über die Menschen, die hier leben, in Städten wie Oer-Erkenschwick, Wanne-Eickel und Castrop-Rauxel. Der Ruhrgebietler hat keine Berührungsängste zu Beton, er verwandelt selbst die hässlichste Fläche in eine Partyzone.
Aber diesmal ist es nicht nur ein Tag, es sind knapp drei Monate. So lange ist die A40 ab dem 7. Juli bei Essen auf einigen Kilometern in beide Richtungen voll gesperrt. In dieser Zeit zieht das Land auf einen Schlag gleich mehrere Bauvorhaben durch. Für 18 Millionen Euro erneuert der Landesbetrieb die Fahrbahndecke, saniert zwei Brücken und reißt eine dritte zunächst vollständig ab, bevor sie neu wieder aufgebaut wird. Außerdem soll ein in die Jahre gekommener Tunnel wieder instand gesetzt werden. Bauarbeiten, wie sie auf Deutschlands Straßen zum Alltag gehören. Und doch ist diesmal alles anders.
Es gibt eine gängige Praxis bei Baustellen auf Autobahnen. Die jeweilige Straße wird in der Regel nur teilweise gesperrt, der Verkehr wird aufrechterhalten. Weil sich die Arbeiten dadurch umso länger hinziehen, verwandeln sich Autobahnen oft in jahrelange Großbaustellen. Doch davon haben die Verkehrsplaner in NRW inzwischen genug. Deshalb gehen sie neue Wege. Sie sperren die A40 auf zwei kurzen Teilstrecken bei Essen komplett. Drei Monate darf hier kein Auto fahren.
"Die sind doch ein bisschen verrückt"
Kurze Voll- statt quälend langer Teilsperrung – damit könnte das Ruhrgebiet zum Vorreiter einer neuen Baustellenkultur werden. Denn Verkehrsexperten beobachten das Projekt mit großem Interesse. "Es ist wegweisend und könnte sich bundesweit durchsetzen", sagt der Verkehrsforscher Michael Schreckenberg. Die jahrelangen Dauerbaustellen mit einspuriger Verkehrsführung auf der A1 zwischen Hamburg und Bremen seien nur einige negative Beispiele. "Das ist sehr viel zermürbender für die Autofahrer. Dann lieber kurz und schmerzlos mit einer Vollsperrung", sagt er. Die A40 könnte daher vor allem für Autobahnen in Ballungsräumen, wo die Menschen gut auf Alternativstrecken ausweichen können, in Zukunft Beispielcharakter haben. Das Ministerium rechnet damit, dass die Vollsperrung kostengünstiger ist. Konkrete Zahlen, wie viel Geld das neue Konzept einspart, gibt es aber noch nicht. Die gewonnenen Erfahrungen sollen jedoch dokumentiert werden, um sie bei zukünftigen Planungen von Baumaßnahmen zu berücksichtigen.
Die Bauingenieurin Annegret Schaber organisiert das bundesweit einmalige Projekt in NRW. "Viele haben gesagt, die sind doch ein bisschen verrückt", erinnert sie sich an die zweijährige Vorbereitung der Riesen-Baustelle, an die Gespräche mit Bund, Land und Bezirksregierung. Die 54-Jährige weiß um die Dimensionen des tollkühnen Experiments, die großflächig ausgeschilderten Umleitungen, die 260 Schilder und Hinweistafeln und Sonderbusse. Alles ist vorbereitet und doch "weiß niemand so genau, was am 7. Juli passieren wird". Genervte Anwohner, stundenlanger Stillstand, eine dramatisch steigende Feinstaub-Belastung in Essen – alles sind mögliche Folgen. Es ist eben das erste Mal in Deutschland, dass ein Autobahnabschnitt für einen so langen Zeitraum komplett gesperrt wird.
10 Prozent steigen um auf Rad oder Bahn
Die A40 ist nur eine von acht Schnellstraßen, die durch das Ruhrgebiet führen. Und doch ist die Straße, die aus dem niederländischen Venlo kommend durch die Region zwischen Rhein und Uhr führt, die wichtigste von allen. Sie verbindet nicht nur Duisburg, Essen, Bochum, Dortmund und Gelsenkirchen – die fünf größten Städte des Ballungsraums -, sondern erzählt auch seine Geschichte. Früher fuhren die Menschen noch mit dem Fahrrad auf der Bundesstraße, die von Frankreich direkt nach Warschau führte. In den letzten Jahrzehnten wimmelte es hier vor Ideen, Politiker wollten die Ost-West-Verbindung auf eine Brücke oder unter die Erde verlegen, doch schließlich wurde sie Anfang der 90er nur zu einer normalem Autobahn aufgewertet. Bis zu 120.000 Autos sind hier heute täglich unterwegs. Die nur 94 Kilometer lange Autobahn gehört damit nach der A100 (Berlin) und A3 (Köln) zu den meistbefahrenen in Deutschland. Stau sind die Pendler hier in den vergangenen Jahren gewohnt – auch wegen der vielen Baustellen.
Das soll nun anders sein: Bis Ende September haben die Bauarbeiter die Revier-Autobahn für sich. Bis dahin arbeiten sie täglich in zwei Schichten, 6 bis 22 Uhr, sieben Tage die Woche. Der Zeitplan ist eng. Werden die Terminvorgaben nicht eingehalten, müssen die Baufirmen Strafen von bis zu 10.000 Euro am Tag zahlen. Dazu gesellt sich der Faktor Zufall: das Wetter. Dauerregen im September, sagt Planerin Schaber, "das wäre ein Horror-Szenario".
Verkehrsexperte Schreckenberg rechnet für die Autofahrer vorerst mit weniger schmerzhaften Konsequenzen. "Wenn Menschen mit einer derart massiven Öffentlichkeitsarbeit auf so etwas hingewiesen werden, stellen sie sich darauf ein." Laut Umfragen wollen zehn Prozent der Menschen während der Bauarbeiten auf der A40 auf Fahrrad oder Bus und Bahn umsteigen. Wegen der Sommerferien werde der Verkehr weiter reduziert. Bis zum 22. August befürchtet Schreckenberg daher kaum Beeinträchtigungen durch die Vollsperrung. "Schlimm wird es, wenn dann die Schule wieder beginnt. Mit dem Ende der Urlaubszeit nimmt der Verkehr wieder deutlich zu."
Das Nadelöhr der Superbaustelle ist vor allem Essen. Bis zu 70.000 Fahrzeuge sollen täglich im Bereich der gesperrten Abschnitte unterwegs sein. Staus lassen sich auf den Umleitungsstrecken und im Stadtzentrum dann wohl kaum vermeiden. Der Essener Einzelhandel bereitet sich deshalb seit Monaten auf den Ausnahmezustand vor. Verbilligte Nahverkehrstickets, Rabatte für Kunden – damit wollen die Händler auf den Super-Gau reagieren. Autofahren in und um Essen - das sollte bis Ende September wohl überlegt sein.