Politik

Tschechen und Slowaken: Die Brüder haben sich wieder lieb

Vor genau 20 Jahren trennten sich Tschechen und Slowaken auf friedlichem Weg - fast zeitgleich mit dem blutigen Zerfall Jugoslawiens. Heute sind die früheren Brudervölker jeweils stolz auf ihre Eigenständigkeit - und mögen sich zugleich lieber denn je.

"Auf Wiedersehen" heißt slowakisch "Dovidenia", aber tschechisch "Na shledanou". Diesen Unterschied zwischen den sonst sehr ähnlichen Sprachen der einst in der gemeinsamen Tschechoslowakei vereinten Geschwisternationen kennt jeder, der um Mitternacht das öffentlich-rechtliche Fernsehen der Slowakei verfolgt. Da werden nämlich jeden Tag zum Sendeschluss wie in den Zeiten des gemeinsamen Staates die tschechischen Nachrichten aus dem Prager Hauptabendprogramm wiederholt.

Junge Leute feiern am 31. Dezember 1992 in Prag die Gründung der Tschechischen Republik.
Junge Leute feiern am 31. Dezember 1992 in Prag die Gründung der Tschechischen Republik.(Foto: dpa)

TV-Zuseher vor allem in der Slowakei, aber auch in Tschechien, erleben tagtäglich eine Wiedervereinigung der beiden vor 20 Jahren staatlich getrennten Nationen auf dem Unterhaltungssektor. Wenn Deutschland seinen "Superstar" sucht, dann suchen ihn Tschechien und die Slowakei schon seit mehreren Jahren gemeinsam als "Tschecho-Slowakischen" Superstar - allerdings mit Bindestrich als Hinweis, dass es den gemeinsamen Staat nicht mehr gibt. Das gleiche gilt für eine ganze Reihe internationaler Unterhaltungsshows, die die beiden Länder und ihre TV-Anstalten längst gemeinsam abwickeln, als hätte es die staatliche Trennung nie gegeben.

Eine gemeinsame Fußball-Liga ist seit Jahren angedacht, bisher aber am Widerstand der UEFA gescheitert. Auch eine lange Zeit realistischer scheinende gemeinsame Eishockey-Liga bleibt weiterhin nur eine Idee. International wenig bemerkt haben die beiden Länder allerdings gemeinsame Truppen für internationale Militärmissionen von Uno und Nato zusammengestellt und wollen diese nach Angaben des slowakischen Regierungsamtes auch weiter ausbauen.

Das Annäherungsbedürfnis ist in der mit 5,4 Millionen Einwohnern knapp halb so großen Slowakei stärker ausgeprägt. Dort ist Tschechisch aufgrund eines neuen Sprachgesetzes der slowakischen Sprache gleichgestellt und braucht auch in offiziellen Dokumenten nicht übersetzt zu werden.

Umgekehrt hat die slowakische Sprache im größeren Tschechien immens an Bedeutung verloren. Zwanzig Jahre nach der Teilung des gemeinsamen Staates leben nur rund 150.000 Slowaken zwischen Riesengebirge und Böhmerwald. Für sie ist Lubica Svarovska so etwas wie die Stimme der Heimat. Im Rundfunkgebäude in der Prager Vinohradska-Allee leitet die Slowakin ein eigenes Programm für die Minderheit.

Gefeiert wird an Silvester 1992 auch in Bratislava.
Gefeiert wird an Silvester 1992 auch in Bratislava.(Foto: dpa)

Die Ratgeber-Sendungen der kleinen Redaktion helfen den verbliebenen Slowaken bei Alltagsproblemen. Doch das Programm schalten auch Tschechen ein, die im Alltag mit der oft als "lieblich" bezeichneten Sprache ihrer Nachbarn nur noch selten in Berührung kommen. Selbst Spielfilme werden heute synchronisiert.

Viele Wörter sind ähnlich, aber einige grundverschieden. So heißen Schuhe auf Tschechisch "boty" und auf Slowakisch "topanky". Dass Slowakisch für viele Tschechen mittlerweile eine Fremdsprache ist, spürte Svarovska, als sie mit ihrer Familie aufs Land zog. "Als die Nachbarn unsere Kinder das erste Mal gehört haben, haben sie gedacht, dass wir aus Kroatien kommen."

Während ihre slowakischen Verwandten an Neujahr 1993 die Unabhängigkeit bejubelt hatten, war Svarovska zum Heulen zumute. "Die Teilung der Tschechoslowakei hat mich tief verletzt, und ich war verärgert über die Politiker, die das Volk nicht befragt hatten." Zu einem Referendum konnten sich die damaligen Entscheidungsträger nicht durchringen, meint der Historiker Oldrich Tuma. "Keiner wollte ein Referendum, weil niemand öffentlich für die Teilung agitieren wollte", sagt der Leiter des Prager Instituts für Zeitgeschichte.

Mit der einvernehmlichen Teilung hätte die damalige Führungsriege aus Vaclav Klaus und Vladimir Meciar dennoch eine rationale Lösung für einen seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt gefunden, sagt Tuma. "Der Staat wurde letztlich auf kultivierte Weise geteilt - im Gegensatz zu Jugoslawien ohne Gewalt und Konfrontation."

Quelle: n-tv.de

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