Politik
Spinelli hat für Berlusconi schon einiges auf sich genommen.
Spinelli hat für Berlusconi schon einiges auf sich genommen.(Foto: REUTERS)

Mega-Inszenierung oder Fluch der Mafia?: Die Entführung des Giuseppe Spinelli

Von Udo Gümpel, Rom

Es ist eine Tat wie aus dem Skript eines verworrenen Tatorts. Eine sechsköpfige Bande enführt den Buchhalter von Italiens Ex-Regierungschef Berlusconi, um angeblich direkt mit Berlusconi ins Geschäft zu kommen. Dabei soll es um brisante Dokumente, Zahlungen in Millionenhöhe und zweifelhafte Entscheidungen der Justiz gehen.

Die Vergangenheit holt Berlusconi immer wieder ein.
Die Vergangenheit holt Berlusconi immer wieder ein.(Foto: REUTERS)

Ganz Italien rätselt über die seltsame Entführung von Berlusconis persönlichem Buchhalter Giuseppe Spinelli. Was steckt dahinter? War es eine echte Entführung oder eine grandiose Finte? Schon der Entführte hat es in sich: Es ist Spinelli, der Mann, der den Bunga-Bunga-Damen des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi den monatlichen Scheck auszahlen muss. Von den Damen, die bis heute (!) auf der Berlusconi-Payroll stehen, wird er vertrauensvoll Spinaus genannt.

Nachdem Spinelli am 15. Oktober die Damen wie jeden Monat mit Barem beglückt und nebenbei auch noch die üblichen Rechnungen der Villen Berlusconi beglichen hatte, wurde er im Hauseingang von einer Bande abgefangen. Es begann diese mehr als seltsame Entführung, von der die Polizei aber erst 31 Stunden später von Berlusconis Anwälten informiert werden sollte. Da war schon alles vorbei: Spinelli war wieder in Freiheit und mutmaßlich ist wohl auch eine Summe in Millionen-Euro-Höhe geflossen.

Die Details scheinen wie aus dem Skript eines Tatorts, den der Sender wegen zu großer Wirklichkeitsferne abgelehnt hat. Das beginnt schon beim Motiv der Entführung. So habe eine sechsköpfige Bande Spinelli am 15. Oktober für eine Nacht entführt, um direkt an Berlusconi heranzukommen. Das gab der Buchhalter bei der Staatsanwaltschaft in Mailand zu Protokoll. Der Bandenchef, ein Vorbestrafter aus Bari, wollte angeblich mit Berlusconi ins Geschäft kommen. Spinelli bekam einen Revolver an die Schläfe gedrückt und musste dann Berlusconi direkt anrufen. Dabei bot der Bandenchef Berlusconi angeblich hochbrisante Dokumente an, die Berlusconi die runde Summe von 560 Millionen Euro einbringen würden. Für diesen Gefallen müsste ihm Berlusconi nur 35 Millionen Euro auszahlen, sofort, cash.

Ruby war nur eine der vielen Frauen auf Berlusconis Bunga-Bunga-Partys.
Ruby war nur eine der vielen Frauen auf Berlusconis Bunga-Bunga-Partys.(Foto: picture alliance / dpa)

Spinelli ist nun niemand, der sich bisher leicht aus der Fassung bringen ließ. Die Bunga-Bunga-Girls haben ihn in den letzten Jahren in - abgehörten - Telefonaten nur so belagert, forderten Geld, immer wieder, schimpften, drohten: Spinelli aber blieb immer die Ruhe selbst. Brav zahlte er, aber nie zu viel. Alles in allem, nach Schätzungen der Berlusconi-Zeitung "Il Giornale", gab Spinelli für die Privataktivitäten Berlusconi fast 250 Millionen Euro aus. An der Hand des 71-Jährigen jedoch blieb nichts davon kleben: "Ich selber aber bekomme nur 13.000 Euro monatlich als Gehalt."

Entführer-Bande gefasst

Nach einem Monat Ermittlungen bekam die Staatsanwältin Ilda Boccassini die Bande zu fassen. Der Bandenchef wurde ausgerechnet Opfer seiner roten Fan-Sneakers, die ihn als echten Anhänger von Berlusconis Verein AC Milan auswiesen: Spinelli erinnerte sich sehr gut an diese Schuhe, und auf einem Überwachungsvideo konnte man ihn daran identifizieren.

Worum ging es nun bei den hochbrisanten Dokumenten der Bande, die Berlusconi 560 Millionen Euro einbringen sollte? Der Bandenchef hielt dem Entführten eine Akte mit dem Titel "Betrifft Schiedsurteil Mondadori" unter die Nase und darauf musste Berlusconi anspringen.

Die Geschichte reicht weit in die Vergangenheit zurück, bis in die Zeit, als sich Berlusconi den Mondadori-Verlag unrechtmäßig angeeignet hatte: Berlusconis Vertrauensanwalt Cesare Previti kaufte sich damals einfach das Schiedsgericht von Mailand, welches am 24. Januar 1991 das endgültige Urteil im Streit zwischen Berlusconi und seinem Erzfeind Carlo De Benedetti fällte und den größten Verlag Italiens Berlusconi zusprach. 2007 werden dann die drei Anwälte Berlusconis und der Richter Vittorio Metta rechtskräftig wegen Justizkorruption verurteilt und Berlusconi, als Nutznießer der Korruption, musste De Benedetti für den Verlust entschädigen. Am 9. Juli 2011 verurteilte schließlich der Appellationsgerichtshof von Mailand Berlusconi zur Zahlung von 560 Millionen Euro an De Benedetti. Eine hübsche Summe, die Berlusconi schon überweisen musste, die er jedoch gerne wieder haben möchte, verständlicherweise. Noch steht auch die Entscheidung der höchsten Instanz Italiens, des Kassationsgerichtes, über die endgültige Höhe der Entschädigung aus.

Und hier kommen nun die vermeintlichen Dokumente der Bande ins Spiel: Sie sollen angeblich belegen, dass die Richter, die Berlusconi zu der hohen Strafzahlung verurteilten, ihrerseits korrupt waren. Sollte sich dies bewahrheiten, würde das Berlusconi eine Menge Geld ersparen.

Alles nur eine Riesen-Fiktion?

Der Verdacht, dass es sich bei der Entführung um eine Riesen-Fiktion handeln könnte, nährt sich aber auch genau aus diesem Umstand: Die Staatsanwaltschaft Mailand, geführt von der "roten Hilde" Boccassini - weiß Gott keine Freundin Berlusconis - muss in jedem Falle ermitteln, ob es solche entlastenden Dokumente wirklich gibt, die eine eventuelle Beeinflussung der Richter in Mailand nachweisen könnten. Diese Ermittlungen dürften die endgültige Entscheidung des Kassationsgerichtes über die Höhe der Entschädigung an De Benedetti zugunsten Berlusconis deutlich beeinflussen.

Da stellt sich vielen Beobachtern in Italien die Frage: War alles nur eine Mega-Inszenierung, um das endgültige Urteil in Sachen Entschädigung zu verhindern? Damit alles wieder neu aufgerollt wird? Oder war es der Fluch der schlüpfrigen Kontakte Berlusconis in die kriminelle Halbwelt Apuliens, aus der viele der Damen aus seinem Harem stammten?

Für Letzteres spricht die Person des Bandenbosses, Francesco Leone, der in Bari zur Mafia-Familie Parisi gehörte. Ein wichtiger Link, denn der Sohn des Bandenbosses mit Namen Radames Parisi hat eine Freundin, deren Name auf der Payroll Berlusconis stand: Barbara Montereale, eine der Damen aus dem Harem. Wo viel Geld zirkuliert, ist noch mehr zu holen, können sich die Entführer gedacht haben. In abgehörten Gesprächen sprechen sie von acht Millionen Euro, die schnell in die Schweiz zu bringen sind. Das Löse- oder Schweigegeld?

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Quelle: n-tv.de

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