Politik
(Foto: AP)

Folge des Wiener Alleingangs: Die Flüchtlinge in Idomeni sind verzweifelt

Von Marianna Karakoulaki, Idomeni

Die Entscheidung der Balkanstaaten und Österreichs, ihre Grenzen teilweise zu schließen, löst Chaos in Griechenland aus. Flüchtlinge aus Afghanistan haben keine Hoffnung mehr, Syrer und Iraker haben Angst.

Mehr als 4000 vorwiegend syrische und irakische Flüchtlinge stecken im griechischen Grenzort Idomeni fest, einige bereits seit mehreren Tagen. Keiner weiß, warum die Grenze nach Mazedonien für sie geschlossen ist. Auch die freiwilligen Helfer haben keine Ahnung. Die Behörden sind vollauf damit beschäftigt, die Situation unter Kontrolle zu halten.

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"Ich bin vor ein paar Tagen hier angekommen", erzählt Reema, eine Rechtsanwältin aus Damaskus. Verzweifelt versucht sie herauszufinden, wann sie endlich die Grenze überqueren kann. "Ich habe meine Arbeit verloren, ich habe mein Büro verloren, ich habe acht Verwandte in Syrien verloren. Warum machen sie das mit uns? Wir flüchten vor einem Krieg! Wenn der Krieg zu Ende ist, dann gehen wir in unser Land zurück", sagt sie mit Tränen in den Augen.

Reema ist nicht die einzige. Mehr als 12.000 Menschen, die über die gefährliche Ägäis kamen, sind in Städten überall in Griechenland gestrandet und wissen nicht, wie sie Idomeni erreichen sollen, den einzigen offiziellen Grenzübergang für Flüchtlinge. In der zentralgriechischen Kleinstadt Tembi haben Syrer und Iraker einen Sitzstreik veranstaltet, weil sie nicht weiterkamen. Am Ende mussten sie 17 Kilometer weit laufen, weil ihre Busse nicht an den Straßenblockaden der Bauern vorbeifahren konnten - längst sind Griechenlands zwei Krisen miteinander verbunden: die Flüchtlings- und die Eurokrise mit ihren landesweiten Protesten gegen weitere Steuererhöhungen und Rentenkürzungen. Infolge der Streiks scheint außerdem eine neue politische Krise auf das Land zuzukommen.

"Syriza? Seht euch an, was uns mit Syriza passiert ist! Wie sollen wir dieses Chaos bewältigen?", schimpft ein örtlicher Beamter. "Mir ist egal, wenn die mich rauswerfen. Sollen sie mich doch rauswerfen!" Mit einer weiteren Schließung der Grenze hatten die lokalen Behörden nicht gerechnet. "Das erste Mal im August und das zweite Mal im Dezember waren wir auch nicht vorbereitet. Jetzt gibt es keine Entschuldigung. Die selben Fehler passieren immer wieder, und wir haben keinerlei Informationen von der Regierung in Athen. Wir werden völlig im Dunkeln gelassen", sagt der Bürgermeister der Gemeinde Peonia, zu der Idomeni gehört.

Die Entscheidung der Balkanstaaten und Österreichs, ihre Grenzen strenger zu überwachen, haben einen Domino-Effekt ausgelöst. Legis, eine der aktivsten Hilfsorganisationen im Transitlager im mazedonischen Gevgelija auf der anderen Seite der Grenze, erklärt, Serbien habe eine große Gruppe Syrer und Iraker nach Mazedonien zurück geschoben. Demnach verlangt Serbien jetzt neue Registrierungsunterlagen, die von den Behörden auf den griechischen Inseln hätten ausgestellt werden müssen. "Wir können nicht länger ruhig bleiben, wir sind voller Wut und Trauer", sagt die Legis-Sprecherin Mersiha Smajlovic.

Für Afghanen ist die Balkan-Route dicht

Noch schlechter als den Syrern und Irakern geht es den Afghanen: Für die afghanischen Flüchtlinge in Griechenland ist der europäische Traum zu Ende: Ihnen ist die Balkan-Route versperrt. Jene, die noch in Idomeni waren, wurden zurück nach Athen gebracht. Zwei Afghanen, die im Freien auf dem Victoria-Platz übernachten mussten, haben am Donnerstag versucht, sich das Leben zu nehmen. Und noch immer kommen Afghanen nach Idomeni - nur um wieder weggebracht zu werden, wenn die Behörden feststellen, dass sie keine Syrer oder Iraker sind.

Die österreichische Entscheidung, Griechenland nicht zum Balkan-Treffen am Mittwoch nach Wien einzuladen, hat die Regierung in Athen so sehr verärgert, dass sie ihre Botschafterin aus Österreich zurückbeordert hat. Immerhin steht Griechenland an der vordersten Front des Zustroms von Flüchtlingen nach Europa - dieses Land auszuschließen war ein grotesker Beschluss, der enorme Auswirkungen auf die europäische Politik haben wird. Zugleich war das Vorgehen der österreichischen Regierung symptomatisch für den Umgang der EU mit der Flüchtlingskrise: Ein gemeinsames Vorgehen gibt es nicht, nur nationale Entscheidungen.

"Der einzige Weg, um das Sterben in der Ägäis und den Zustrom der Flüchtlinge zu begrenzen, ist zusammen mit der Türkei", sagt ein hochrangiger Offizier der griechischen Armee, der lieber anonym bleiben möchte. In diesem Punkt ist er mit Bundeskanzlerin Angela Merkel einig. Er fügt hinzu: "Die Hotspots hätten nicht in Griechenland eingerichtet werden sollen. Wenn sie in der Türkei wären, könnte man die Flüchtlinge besser registrieren und für eine sichere Überfahrt nach Nordeuropa sorgen, ohne dass diese Menschen sich in der Ägäis in Lebensgefahr bringen. Das ist die einzige Möglichkeit, Ausbeutung (durch Schlepper) und unnötiges Leid zu vermeiden."

In Idomeni herrscht schon seit Tagen große Unsicherheit. Am Donnerstag konnten weniger als 150 Menschen die Grenze überqueren, bevor der Übergang geschlossen wurde. "Ich habe die Nummer 96, und der letzte, der hinüberkam, war Nummer 63. Aber das war gestern Abend. Wie lange muss ich noch warten?", fragt Fatima, eine 16-Jährige aus dem Irak, die mit ihrer Familie unterwegs ist.

Die plötzlichen Grenzschließungen und die seltsamen europäischen Heimlichkeiten setzen nicht nur die griechische Regierung noch stärker unter Druck, sie sorgen auch für Chaos im Land. Die Flüchtlinge haben Angst, in Kriegsgebiete zurückgebracht zu werden.

(Aus dem Englischen übersetzt: Hubertus Volmer)

Quelle: n-tv.de

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