Politik
Die Kroaten kennen das Problem der Landminen. Ausländer sollten sich informieren.
Die Kroaten kennen das Problem der Landminen. Ausländer sollten sich informieren.(Foto: imago/Pixsell)
Mittwoch, 16. September 2015

Flüchtlinge kommen über Kroatien: "Die Gefahr hängt von der Regierung ab"

Die Balkan-Fluchtroute verlagert sich nach Kroatien, ein Land, in dem es noch zehntausende Landminen gibt. Doch die Regierung wird die Gefahren für die Flüchtlinge kleinhalten, sagt Balkan-Experte Florian Bieber im Interview.

n-tv.de: Welche Bedingungen herrschen in Kroatien für Flüchtlinge?

Florian Bieber: Die Kroaten haben mit dem Thema wenig Erfahrung, darum ist das Land eher unvorbereitet. Die aktuelle Entwicklung hat sich in den letzten Tagen aber abgezeichnet und Kroatien hat einige Unterkünfte geschaffen.

Das Land war schon einmal während des Bosnienkriegs Fluchtort für Zehntausende.

Das ist nicht vergleichbar. Die meisten Flüchtlinge waren damals bosnische Kroaten, und auch die bosnischen Muslime sprechen ja die gleiche Sprache. Auch in Zeiten des sozialistischen Jugoslawiens gab es Flüchtlinge, doch diese Erinnerung ist schon ziemlich verblasst.

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Wie die Stimmung nun sein wird, können Sie also nicht abschätzen?

Ob es Passivität, Feindseligkeit oder Unterstützung gibt? Wahrscheinlich von allem ein Bisschen. Was man sagen kann, ist, dass von Seiten der Mitte-Links-Regierung keine Feindseligkeiten zu erwarten sind wie von der ungarischen Regierung. Es gibt auch bislang keine Anzeichen, Grenzzäune zu errichten. Ein Problem könnte sein, dass sich Kroatien im Vorwahlkampf befindet und die konservative Opposition in nationalistischer Weise Druck ausübt. Die Frage ist, wie lange die Flüchtlinge in Kroatien bleiben werden. Eigentlich wollen sie ja weiter nach Westen.

Formal ist Kroatien als EU-Staat allerdings dazu verpflichtet, die Flüchtlinge zu registrieren und später bei sich aufzunehmen, wenn sie Asyl bekommen.

Formal stimmt das. Zu bedenken ist auch, dass Kroatien noch nicht zum Schengen-Raum gehört. Es bestehen also dauerhafte Grenzkontrollen zwischen Kroatien und Slowenien.

In Slowenien könnte es die nächsten Probleme geben.

Absolut. Ich gehe davon aus, dass Slowenien die größere Hürde darstellt, weil die Schengen-Zone ja das Ziel ist. Slowenien wird unter Druck stehen, seine Grenze zu kontrollieren, allerdings ist die Frage, ob Slowenien dazu in der Lage ist.

Eine Tortur wie in Ungarn erwartet die Flüchtlinge dort aber nicht?

Das würde mich sehr überraschen. Slowenien wird die Grenze kontrollieren, aber keine Schikanen gegen Flüchtlinge wie Ungarn aufstellen.

Slowenien ist das Vorzeige-Balkanland und wirtschaftlich viel stärker als Kroatien.

Es gibt dort auch keine national-konservative politische Partei, die so stark ideologisch ausgeprägt wäre wie die ungarische Regierungspartei. Sowohl die kroatische wie auch die slowenische Opposition sind weniger radikal in ihren Äußerungen als die ungarische Regierung.

Nun wird darauf hingewiesen, dass es in Kroatien noch immer Landminen gibt. Wie gefährlich ist es, dort über grüne Grenzen zu gehen?

Die Minen liegen weniger an der serbischen Grenze selbst, wohl aber im Grenzgebiet. Die Region befand sich bis 1997 unter der Kontrolle von serbischen Freischärlern und wurde dann friedlich an Kroatien angegliedert. Aber der Bereich wurde nie völlig entmint und ist nicht gut markiert. Teilweise können sich Minen durch das Wetter verschoben haben. Das Gebiet besteht zu Teilen aus Sumpf. Wenn man versuchen würde, nachts durch den Wald zu kommen, wäre das ein Risiko. Wie groß die Gefahr ist, hängt davon ab, ob die Flüchtlinge gezwungen sind, die Straßen zu verlassen. Straßen und Wege sind alle geräumt. An der Grenze zu Slowenien gibt es kein Problem mit Minen.

Florian Bieber ist Direktor des Centre for Southeast European Studies in Graz.
Florian Bieber ist Direktor des Centre for Southeast European Studies in Graz.

Derzeit sieht es glücklicherweise nicht danach aus, dass die Flüchtlinge in Kroatien Sicherheitskräften ausweichen müssten.

Genau. Ein Grund dafür könnte sein, dass die kroatische Regierung nicht das Risiko eingehen möchte, dass Flüchtlinge auf Minen treten. Da herrscht ein entsprechendes Bewusstsein.

Können Sie erklären, wie es sein kann, dass in einem EU-Land noch immer Minenfelder nicht markiert sind?

Die Minen sind im Bürgerkrieg von 1991 bis 1995 teilweise von paramilitärischen, serbischen Kämpfern gelegt worden, die das nicht dokumentiert haben. Auch in Bosnien liegen übrigens noch hunderttausende Minen. Es ist nicht so, als hätte man gar keine Ahnung davon, wo die Minen liegen, aber sie können sich über die Jahrzehnte hinweg bewegen.

Wie lange wird es dauern, bis die Minen unschädlich sind?

Das wird wahrscheinlich noch lange dauern. Manche werden gefunden werden, andere verrotten. In vielen Fällen ist das auch kein großes Problem. In Verdun in Frankreich liegen auch Bomben, dort kann man halt nicht durch die Natur wandern oder Landwirtschaft betreiben. Es kommen nur sehr wenige Menschen zu Schaden, weil sie das Problem kennen. Aber wenn tausende Menschen, die sich nicht auskennen, durch das Gebiet laufen, wäre das eine ganz andere Situation.

Mit Florian Bieber sprach Christoph Herwartz

Quelle: n-tv.de

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