Politik
Donnerstag, 19. Mai 2011

Grünen-Energieexpertin Ingrid Nestle: "Die Großkonzerne werden gehätschelt"

Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist so erfolgreich, "dass die ewig Gestrigen ihn nicht mehr werden stoppen können", sagt die Grüne-Energieexpertin Ingrid Nestle. Zugleich kritisiert sie, dass die Bundesregierung "immer noch in fast allen Bereichen die Interessen der Großkonzerne" vertrete.

n-tv.de: Welche Rolle bleibt für die großen Stromkonzerne, wenn die Energieversorgung auf ein vorwiegend dezentrales System umgestellt wird?

Ingrid Nestle ist Sprecherin für Energiewirtschaft der Grünen im Bundestag.
Ingrid Nestle ist Sprecherin für Energiewirtschaft der Grünen im Bundestag.(Foto: ingrid-nestle.de)

Ingrid Nestle: Ich denke, es wird in vielen Bereichen ein Spielraum bleiben, wo sich die großen Konzerne einbringen können. Die haben ja auch Know-how, sie haben vor allem Kapital, das in Bereichen wie Offshore-Windenergie sehr nützlich ist, auch bei Solarthermischen Kraftwerken. Wir haben künftig sehr viel höheren Bedarf an Regelenergie - Gaskraftwerke werden in der Übergangszeit sehr wichtig sein, um dann, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, Energie bereitzustellen. Auch die intelligente Vernetzung sehe ich als Bereich, in dem sich die großen Energieversorger engagieren können. Und ich glaube, dass sie im Bereich der Energieeffizienz viel mehr machen können, wenn sie Energiedienstleister werden und nicht nur auf Produktion setzen. Wenn sie sich umorientieren, wird Platz für sie da sein.

Was Sie beschreiben wäre aus Sicht der Energieversorger ein radikaler Bruch, von einem zentralen zu einem dezentralen System.

Rein dezentral wird es ja nicht sein. Offshore halte ich für richtig und wichtig, und das ist sicherlich keine dezentrale Technologie. Wichtig ist auch, dass die bestehenden Technologien vernetzt werden und wir Anbindung finden an die großen Wasserkraft-Speicherkapazitäten in Norwegen - nach Österreich, in die Alpen ist die Verbindung ja schon ganz gut. Es wird also kein rein dezentrales System sein in dem Sinne, dass alles vor Ort erzeugt wird, aber natürlich viel dezentraler als heute.

Wie groß, glauben Sie, ist die Bereitschaft der Konzerne, sich auf ein stärker dezentrales System einzulassen?

Im Moment sträuben sie sich, definitiv. Aber sie agieren in einem demokratischen Rahmen, und wenn wir die Rahmenbedingungen so setzen, dass wir in diese Richtung wollen, dann werden sie sich entscheiden müssen. Entweder sie gehen ernsthaft in diese Richtung. Oder es ist kein Platz mehr für sie.

Ist dieses Ziel - ein eher dezentrales Energiesystem - Konsens in der Politik?

Es gibt einzelne Leute hier in Berlin, die versuchen, betonköpfig beim Alten zu bleiben, aber spätestens seit Fukushima ist klar, das das Energiesystem dezentraler werden wird.

Warum ist das klar?

Der Ausbau der Erneuerbaren ist so erfolgreich, dass die ewig Gestrigen ihn nicht mehr werden stoppen können. Natürlich streiten wir uns in Berlin heftig über die Geschwindigkeit des weiteren Ausbaus. Die Zahlen der Regierung sehen vor, zum Beispiel den Ausbau von Wind an Land auf ein Drittel des Wertes der letzten zehn Jahre zurückzuschrauben. Aber stoppen kann die Erneuerbaren niemand mehr. Auch der Regierungswechsel in Baden-Württemberg gibt neuen Schwung, weil Wind an Land bislang vor allem von schwarz-gelben Landesregierungen blockiert worden ist.

Wie schätzen Sie die Bereitschaft der Bundesregierung ein, sich mit den großen Energieversorgern zu streiten?

Noch schätze ich die gering ein. Ich finde, dass sie immer noch in fast allen Bereichen die Interessen der Großkonzerne vertreten. Nur drei Beispiele: Offshore hätscheln sie immer noch über das hinaus, was gemacht werden muss. Die Schlichtungsstelle für Verbraucherfragen soll bei den Energieversorgern angesiedelt sein, so dass die größten Unternehmen wieder den größten Einfluss bekommen. Die Netzplanung überlassen sie den Netzbetreibern, was ich für falsch halte. Mit all dem machen sie sich bei einer für Deutschland wirklich fundamentalen Frage von den Unternehmen abhängig.

Glauben Sie, dass das Interesse der großen Energieversorger an Offshore zumindest zum Teil daher kommt, dass diese Anlagen gut in ihr zentralistisches System passen?

Die Großen vier sind sehr, sehr hohe Renditen gewohnt, und im Moment können sie mit ihren Zentralkraftwerken höhere Renditen fahren als mit Offshore. Solange das so ist, versuchen sie einfach zu verhindern, dass Erneuerbare gebaut werden, inklusive der Verzögerung von Offshore, weil jede erneuerbare Kilowattstunde ihnen Marktanteile abnimmt. Gleichzeitig intervenieren sie hier in Berlin sehr aktiv, um die Vergütung für Offshore immer weiter hochzutreiben. Wenn die Vergütung irgendwann so gut ist, dass sie sich auch dabei eine goldene Nase verdienen können, dann werden sie da beschleunigen. Ich glaube aber nicht, dass sie damit die alten Strukturen zementieren können. Auch Offshore ist ein Beitrag zur erneuerbaren Energieversorgung, und er wird immer nur ein Beitrag sein, nicht die dominierende Technologie.

Sie halten also nichts davon, dass Umweltminister Röttgen Offshore stärker fördern will.

Nein, das finde ich falsch. Das ist ganz klar die Linie der Regierung, immer die Großkonzerne zu bevorzugen. Ich glaube, man braucht im Moment für Offshore eine gewisse Abfederung des Risikos, denn da bestehen tatsächlich noch einige technische Unsicherheiten. Das heißt aber nicht, dass man einfach die gesamte Vergütung hochsetzt, um die vier großen Stromkonzerne zu ködern, die seit Jahren zugucken, wie andere die Risiken austesten - zum Beispiel jetzt bei BARD, dem ersten kommerziellen deutschen Offshore-Windpark, denn Alpha Ventus ist ja nur ein Testfeld, das massiv vom Bundesumweltministerium subventioniert wurde.

Welche Folgen hat die Energiewende für den Ausbau des Stromnetzes?

Gerade die dezentralen Energien brauchen natürlich Stromleitungen. Wenn wir auf 100 Prozent regenerative Energien hinsteuern, dann müssen wir den Anteil der Erneuerbaren verfünffachen. Da wird ein Brocken Offshore sein, aber ein ganz großer Anteil wird Onshore-Wind und Sonne sein. Das sind einfach Technologien, die nicht immer Strom liefern. Um da den Ausgleich zu schaffen, müssen die Erneuerbaren sich gegenseitig aushelfen, und sie brauchen Anbindung an große Speicherkapazitäten. Das geht nur mit großen Leitungen. Gerade ein dezentrales System ist ein System mit vielen Stromleitungen, denn die vielen kleinen Anlagen sind nur gemeinsam stark.

Es gibt eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums, der zufolge das Stromnetz deutlich weniger stark ausgebaut werden muss als von Ex-Wirtschaftsminister Brüderle angenommen.

Die Macher der Studie haben mittlerweile allerdings einen Dreiseiter veröffentlicht, in dem sie betonen, dass sie von einem "erheblichen Netzausbaubedarf" ausgehen. Der Streit um die genaue Zahl der Kilometer geht aber am Kern des Problems vorbei. Selbst die Zahlen der Energieagentur Dena, die oft als zu hoch kritisiert werden, bedeuten nur einen Zubau von fünf bis zehn Prozent im Vergleich zum heute existierenden Höchstspannungsnetz. Wichtig ist: 1. Wir brauchen endlich eine öffentlich nachvollziehbare Bedarfsplanung. 2. Wir müssen die Planung neuer Trassen beschleunigen, vor allem aber den Bürgern vor Ort Gestaltungsspielraum einräumen und ihnen wirklichen Einfluss in den Verfahren geben. 3. Dann können wir die Netze ausbauen. Hierfür haben wir Grünen ein umfassendes Konzept vorgelegt. Wer allerdings behauptet, dass schon heute der Ausbau der Erneuerbaren gebremst werden müsste, weil die Leitungen fehlen, macht Lobbyarbeit für die Atomkonzerne. Wir können die Erneuerbaren mit voller Kraft weiter ausbauen, kümmern uns aber jetzt schon mal um die Netze, die wir in ein paar Jahren brauchen.

Mit Ingrid Nestle sprach Hubertus Volmer

 

Quelle: n-tv.de

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