Politik
Linke Demonstration vor dem Kölner Hauptbahnhof. Kein Fußbreit den Faschisten steht auf dem Plakat. Die Fronten sind verhärtet wie nie.
Linke Demonstration vor dem Kölner Hauptbahnhof. Kein Fußbreit den Faschisten steht auf dem Plakat. Die Fronten sind verhärtet wie nie.(Foto: imago/Future Image)

Warum macht Köln uns so betroffen?: "Die Polarisierung wird zunehmen"

Brutale Übergriffe gegen Frauen in solcher Konzentration wie in Köln hat es bisher nicht gegeben. Das ist aber nur eine Erklärung für die Erregung, die nun herrscht. Die könnte nach Ansicht des Sozialpsychologen Ulrich Wagner den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden.

n-tv.de: Warum erschüttert uns die sexuelle Gewalt gegen Frauen in Köln so?

Ulrich Wagner: Es ist neu, dass so etwas in dieser massiven Form an einem Ort zu einem Zeitpunkt passiert ist. Wenn Menschen in ihrer Freiheit und körperlichen und sexuellen Unversehrtheit beeinträchtigt werden, berührt uns das immer. Aber wegen der Massivität und der scheinbaren Hilflosigkeit der Ordnungsorgane sind wir umso betroffener.

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Nun ist das passiert am Ende eines Jahres, das geprägt war von heftigsten gesellschaftlichen Debatten rund um das Thema Flüchtlinge. Ist Köln jetzt so etwas wie ein Ventil für all den Ärger, den diese hitzigen Diskussionen hinterlassen haben?

Das Ausmaß unserer Empörung oder Berührtheit hat natürlich mit den gegenwärtigen Diskussionen um Einwanderung zu tun. Jetzt polarisiert sich die Debatte noch mehr: Diejenigen, die immer schon unruhig waren, fühlen sich in ihren Ängsten bestätigt. Andere sagen, "jetzt habt ihr euren Salat". Aber es hat auch Menschen berührt, die sich für Flüchtlinge eingesetzt haben und hinter der gegenwärtigen Politik der Bundesregierung stehen. Die sind entsetzt darüber, welche Debatte diese Ereignisse auslösen.

Welche Reflexe lassen sich beobachten?

Die einen sind betroffen, weil sie befürchten, dass die Debatte um Geflüchtete jetzt in einem noch stärkeren Maße in eine Lagerdebatte einkehrt – und argumentieren entsprechend. Die extreme Rechte instrumentalisiert die Situation jetzt natürlich auch in ihrem Sinne. Das geschieht übrigens auch in unseren Nachbarländern. Die Ereignisse in Köln werden von den Regierungen, die Einwanderung ablehnen, benutzt, um ihre eigene ablehnende Position zu rechtfertigen.

Ulrich Wagner ist Professor für Sozialpsychologie an der Universität Marburg.
Ulrich Wagner ist Professor für Sozialpsychologie an der Universität Marburg.(Foto: Laackman Fotostudios Marburg)

Wie könnte man diese aus dem Ruder laufende Debatte beruhigen?

Ich befürchte, dass diese Polarisierung immer weiter zunimmt. Die Polizei muss so schnell wie möglich Detailinformationen liefern. Das ist auch wichtig, um den Bedürfnissen der vermutlich schwer traumatisierten Opfer gerecht zu werden. Und es ist notwendig, die Situation aufzuklären, um in Zukunft so etwas vermeiden zu können.

Sie gehen also davon aus, dass die deutsche Gesellschaft sich weiter spalten wird. Welche Konsequenzen hat das?

Wenn der Vorfall in einer Art und Weise für die Einwanderungsfrage allgemein instrumentalisiert wird, geht das letztlich auf Kosten der deutschen Gesellschaft insgesamt. Das sieht man an einer Bewegung wie Pegida. Es gibt Menschen, die gar nicht mehr erreichbar sind und die sich ihre eigene Welt bauen. Die Polarisierung geht aber auch auf Kosten jener Geflüchteten, die nicht kriminell oder auffällig sind. Wir müssen jetzt bei einer Diskussion bleiben, die sachorientiert ist. Solche Misshandlungen von Frauen sind bisher auch schon passiert, nur eben nicht in dieser Massivität.

Genau dieser Punkt sorgt gerade für neuen Streit: Die einen kritisieren, nun zeige sich, dass sexuelle Gewalt gegen Frauen in der Vergangenheit nicht ausreichend thematisiert wurde. Andere regen sich darüber auf, dass man sich jetzt zwar wenigstens mal aufregt, aber nur aus einem antimuslimischen Rassismus heraus.

Das würde ich nicht so sehen. Die Diskussion, wer die Täter waren und warum sie so gehandelt haben, muss offen geführt werden. Die Feststellung, dass eine bestimmte Person dabei war, ist aber noch keine Erklärung. Die Frage ist doch: Warum machen Menschen mit oder ohne Migrationshintergrund so etwas? Wir müssen wissen, was die Täter antreibt. Das ist wichtiger, als ihren genauen Status zu kennen. Es zeigt sich nun als Defizit, dass wir bislang die Frage von sexuellen Übergriffen bei Großereignissen zu wenig diskutiert und sie als Kavaliersdelikt behandelt haben.

Haben Sie denn eine Erklärung dafür, warum Männer sich Frauen gegenüber so übel verhalten?

Wenn Männer sich so verhalten wie an Silvester, hat das sehr viel mit Gruppendynamik zu tun. Solche ausgelassenen Massensituationen schätzen wir ja alle in gewissem Maße als attraktiv ein. Da gehen Männer und Frauen in einer Art und Weise aufeinander zu, wie sie es sonst nicht tun würden. Es gibt ein Bussi hier und ein Drücken da. Wenn Frauen in so einer Stimmung Grenzen setzen, wird das von manchen Männern nicht mehr akzeptiert oder verstanden. Hier kommen häufig mythische Vorstellungen darüber ins Spiel, wie Frauen sind, dass sie eigentlich ja meinen, wenn sie nein sagen. Das kann eine Erklärung sein, aber keine Entschuldigung.

Spielt es eine Rolle, wenn eine Gruppe unter sich ist?

In solchen Massensituationen fallen Kontrollmechanismen weg, äußere und innere. Von außen hatte die Polizei keine Möglichkeit mehr, Kontrolle auszuüben. Intern in der Gruppe wirkt es so, dass irgendjemand in dieser abgefüllten Masse irgendeinen Mist macht. Dann eifern andere dem nach und das verstärkt sich, wenn es nicht sanktioniert wird. Wenn dieser Mist in solch asozialem Verhalten besteht, kann es schließlich zu solchen Übergriffen wie in Köln kommen. Die Täter sind manchmal am nächsten Tag über ihr eigenes Verhalten entsetzt. Es geht mir nicht um Bagatellisierung, aber das kann einen Teil des Phänomens erklären.

Das heißt aber auch: Die Zivilisationsdecke ist sehr dünn...

Manchmal ist die sehr dünn, das ist nichts Kulturspezifisches. Das ist nichts, wovor die mitteleuropäische Kultur geschützt wäre.

Mit Ulrich Wagner sprach Nora Schareika

Quelle: n-tv.de

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