Politik
(Foto: picture alliance / Kay Nietfeld/)
Mittwoch, 01. November 2017

Mit 67, 63 oder 69?: Die Rente ist eine Chance für Jamaika

Ein Kommentar von Christian Rothenberg

Union, Grüne und FDP sezieren ein Politikfeld nach dem anderen, um mögliche Gemeinsamkeiten auszuloten. Eine gemeinsame Bundesregierung käme um ein besonders heikles Thema nicht herum: die Rente.

Manche Menschen betrifft sie schon bald, andere erst in ferner Zukunft: Die Rente steht in den Koalitionsverhandlungen oben auf der Tagesordnung. Union, FDP und Grüne wollen offenbar die Rente mit 63 zumindest teilweise wieder abschaffen. Wird kassiert, was gerade erst von der Großen Koalition eingeführt wurde? So ein Hin und Her, könnte man meinen. Erst vor zehn Jahren wurde die Rente mit 67 eingeführt, Experten fordern eine weitere Anhebung des Eintrittsalters. Viele Menschen sind verunsichert angesichts der unklaren Perspektive ihres Berufsausstiegs. Die neue Bundesregierung hätte die Chance, es besser zu machen. Sie könnte Neues mit gelungenen Elementen der Rentenpolitik der Großen Koalition mischen.

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Die Rente mit 63 gewährt Arbeitnehmern die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren, zumindest für bestimmte Jahrgänge. Die Regelung ist kompliziert und umstritten, hat jedoch vor allem einen Vorzug: Sie berücksichtigt die Verschiedenheit der Erwerbsbiografien weit stärker als die starre Altersgrenze. Zu Recht, denn viele Berufsanfänger starten nach Abitur, Studium und manchmal sogar noch einer Ausbildung erst mit Ende 20 richtig in den Beruf. Andere haben in diesem Alter schon zehn Jahre gearbeitet. Es ist deshalb nicht gerecht, wenn für beide dasselbe Rentenalter gilt. Vor diesem Hintergrund spräche viel dafür, statt eines festen Renteneintrittsalters eine bestimmte Anzahl von Erwerbsjahren als Maßstab zu nehmen.

Vorbild Dänemark?

Dennoch bietet die Rente mit 63 Angriffsfläche. Mit zwei bis drei Milliarden Euro im Jahr ist diese nicht nur teuer. Sie trägt auch dem demografischem Wandel nur bedingt Rechnung und ist ein fragwürdiges Signal. Eine frühere Verrentung passt nämlich nur bedingt zusammen mit einer Gesellschaft, in der die Menschen älter werden und länger leistungsfähig sind. Einer Gesellschaft, in der geburtenstarke Jahrgänge der 50er- und 60er-Jahre vor der Rente stehen, in der der Anteil der Älteren unverhältnismäßig steigt und Fachkräfte fehlen: laut einer McKinsey-Studie bis zu sechs Millionen im Jahr 2020. Die Zukunft der bisher durch Umlage, also durch die Beiträge der Arbeitnehmer, finanzierten Rente ist deshalb mehr als wacklig.

Umso schwieriger ist es, Arbeitnehmer frühzeitig aus dem (Berufs)-Verkehr zu ziehen. Mehr als 700.000 Personen haben die abschlagsfreie Rente mit 63 bereits in Anspruch genommen. Laut einer Studie des ifo-Instituts haben viele Unternehmen große Probleme bei der Nachbesetzung. In Dänemark gab es vor Jahren ähnlich schwierige demografische Prognosen. Die Regierung steuerte gegen. Das Renteneintrittsalter wurde an die Lebenserwartung gekoppelt. Deshalb werden die jüngeren Dänen voraussichtlich sogar bis 71 oder 74 arbeiten müssen.

Auch Deutschland braucht ein Rentenkonzept, das gesellschaftlichen Entwicklungen stärker gerecht wird und mehr Freiräume zulässt. Menschen müssen vorzeitig aus dem Berufsleben aussteigen können und dabei Einbußen in Kauf nehmen. Wer jedoch länger arbeiten will, als er muss, sollte dies möglichst unbürokratisch und ohne Nachteile tun können - natürlich mit entsprechenden Anreizen. Besser berücksichtigt werden muss auch der Faktor Arbeitsbelastung. Die Beschäftigung in besonders anstrengenden Berufen könnte etwa mit mehr Rentenpunkten honoriert werden. Erwerbsausfälle durch Schwangerschaft oder die Pflege von Angehörigen sollte der Staat stärker anrechnen.

Basis für ein neues und moderneres Rentensystem kann die Flexi-Rente sein, die von Union und SPD beschlossen wurde und erst im Juli in Kraft trat. Das Modell erlaubt älteren Arbeitnehmern einen flexibleren Übergang in die Rente in Form von Teilzeit- und Hinzuverdienst-Regelungen. Es geht also nicht darum, alles Bisherige über den Haufen zu werfen, sondern darum, es weiterzuentwickeln. Ziel ist ein Ansatz, der langfristig trägt und gut genug ist, um nicht in zehn Jahren wieder gekippt zu werden.

Quelle: n-tv.de

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