Politik
Längst nicht alle Studenten schaffen ihren Abschluss in der Regelstudienzeit.
Längst nicht alle Studenten schaffen ihren Abschluss in der Regelstudienzeit.(Foto: dpa)

Volksküche und Break-Even-Analysen: Die Uni als Realexperiment

von Gudula Hörr

Module, Leistungspunkte, Zwangsberatungen - Studieren ist kompliziert geworden und gleicht oft mehr einem "Bulimielernen", wie manche beklagen. Wer heute eine Universität besucht, sollte zumindest gut organisiert sein. Und sich nicht wundern über Knigge-Kurse, Volksküchen und brennende Mülleimer.

Die Exzellenzinitiative

Seit dem 15. Juni tragen elf Hochschulen den Titel einer Exzellenzuniversität. In den Kreis steigen die Humboldt-Universität Berlin, Bremen, Dresden, Köln und Tübingen auf. Ihren Titel behalten die beiden Münchener Universitäten, die FU Berlin, Konstanz, Heidelberg und die RWTH Aachen.

Der Titel sichert nicht nur internationales Prestige, sondern auch nationale Fördergelder. Insgesamt fließen 2,7 Milliarden Euro in die Exzellenzinitiative.

Eine milde Junisonne scheint über Berlin, und doch beginnt die Woche nicht gut. Als der Ethnologiestudent Philip um kurz nach zehn durch das Gängelabyrinth der Freien Universität zu seiner Übung hastet, bleibt er abrupt stehen. Ein rot-weißes Flatterband versperrt ihm den Weg über einen Innenhof, vor dem Eingang zu seinem Seminarraum ruckelt ein Laster über eine Sandpiste. Nein, das wäre das erste Mal, murmelt Philip entschuldigend. Dann fragt er sich durch nach einem anderen Weg, hinab in die Eingeweide des 70er-Jahre-Baus.

Philip studiert im sechsten Semester Ethnologie, Politologie und Hebräische Sprache. In Kürze endet seine Regelstudienzeit, nicht allerdings sein Studium. Schließlich muss er noch mehrere Klausuren ablegen, Hausarbeiten vollenden, eine  Bachelor-Arbeit schreiben. Im Sommer plant er einen Sprachkurs in Israel, danach beginnt ein dreimonatiges Praktikum. Philip hat viel vor und muss viel vorweisen.

Nun muss der 23-Jährige allerdings erst einmal in die Feinheiten der arabischen Sprache vordringen. In einem Kellerraum mit Betonsäulen, braunfurnierten Tischen und selbstgebastelten Plakaten an der Wand erwarten ihn schon die kehligen Laute des Arabisch-Dozenten und von 19 Kommilitonen, meist junge Frauen. Akkusativ, Konjunktiv, Steigerungsformen – es ist klassischer Sprachunterricht, die Studenten üben sich im Übersetzen: "Ich wollte eigentlich für die Uni lernen, aber ich habe geschlafen." Eine junge Frau mit tiefroten Fingernägeln tippt verstohlen unter der Bank auf ihr iPhone ein, eine andere, das Haar von einem rosa Band gehalten, fragt unvermittelt: "Wann ist eigentlich die Klausur?" Gelegentlich klatscht der Dozent leise in die Hände, dann versiegt das Gemurmel und nur noch das monotone Scheppern eines Baggers dringt in den Raum.

Philip in der Philologischen Bibiliothek.
Philip in der Philologischen Bibiliothek.(Foto: n-tv.de)

Nach Arabisch hastet Philip weiter. Zurück durch endlose Gänge, hinaus in die beschauliche Welt Dahlems. Inmitten alter Villen und großer Gärten steht hier der Bau der Wirtschaftswissenschaftler, wo Philip eine Marketing-Übung, einen sogenannten berufsvorbereitender Kurs, besucht. Wie alle Bachelor-Studenten muss er mehrere solcher Kurse besuchen. Er hätte sich auch für weitere Sprach- und Informatikkurse oder für einen Intensivkurs "Business-Knigge" entscheiden können. Da lernt man an zwei Tagen, wie man Windsorknoten bindet und formvollendet mit Besteck umgeht. Als Berufsvorbereitung gilt auch ein Praktikum, das inzwischen verpflichtend ist.

Der größere Praxisbezug war einer der Gründe, warum in Deutschland das Magisterstudium in den vergangenen Jahren nach und nach durch das drei- bis vierjährige Bachelorstudium ersetzt wurde. Auch sollten so europaweit die Studiengänge vergleichbarer und das Drama der Langzeitstudenten beendet werden. Wer nun noch länger studieren will, kann nach einem Bachelor einen zweijährigen Masterstudiengang anschließen, entweder im selben Studienfach oder in einem verwandten Bereich.

Brainstorming und Break-Even-Analysen

Einer von Philips Praxisbezügen ist nun also der Marketingkurs, den er mit neun versprengten Studenten besucht. Auf dem Katheder des großen Hörsaals prangt das Wappen der FU mit dem Motto "Veritas, Justitia, Libertas", vor den großen Fenstern rumpelt ein Bauwagen. Die eigentliche Dozentin ist krank, ein junger Mitarbeiter mit blonder Haarpracht ist eingesprungen und reißt eine Power-Point-Präsentation herunter. Er ist schnell, was normalerweise eineinhalb Stunden dauert, spuckt er in einer Stunde aus: Produktideen, Brainstorming, Absatzprognosen, Break-Even-Analysen. Zum Schluss folgt ein "Check-Up", fünf Multiple-Choice-Fragen, die in ähnlicher Form in der Klausur vorkommen werden. Dann bedankt sich der Dozent freundlich für die Diskussion, die mehr ein Monolog war, verteilt die Teilnehmerliste und einen Bewertungsbogen mit 21 Fragen. War die Atmosphäre der Lehrveranstaltung begeisternd oder abstoßend? Sollte der Kurs in die Auswahl für einen Lehrpreis einbezogen werden?

Gerade in den ersten Semestern ist der Andrang bei Vorlesungen und Übungen groß.
Gerade in den ersten Semestern ist der Andrang bei Vorlesungen und Übungen groß.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Philips Begeisterung für Marketing hält sich in Grenzen. Später, bei einem Salat im Garten der Mensa, spricht er von "Bulimielernen", von Studenten, die nur auf ihre Prüfungen hinlernen und danach alles vergessen. Oft bleibe bei vollen Stundenplänen nur wenig freie Auswahl an Kursen, so dass man sich dann auch schon einmal in einem Seminar über Pfingstler-Gemeinden in Westafrika wiederfinde, auch wenn einen das nicht interessiert. Weil Philip nichts Passendes an der FU fand, belegte er einen Kurs an der Humboldt-Uni, doch nicht alle Studenten sind so flexibel oder wissen überhaupt um diese Möglichkeit. Vielleicht sind auch nicht alle so interessiert an ihrem Fach wie Philip, der sich 2009 eigens an der FU einklagte, als der Numerus Clausus wegen des starken Andrangs bei einem Abidurchschnitt von 1,5 lag.

Vielen Studenten fehlt auch schlicht die Zeit, um sich intensiv mit Themen, die sie interessieren, zu beschäftigen. Schließlich gilt es, die Lehreinheiten, die sogenannten Module, abzuhaken. Dabei erhält man Leistungspunkte, 180 muss Philip für seinen Bachelor sammeln. Es ist ein kompliziertes System, und wer wie Philip nebenbei arbeitet, muss gut planen können und diszipliniert sein. "Wenn man das ganze Programm in drei Jahren schaffen will, kommt es schon knüppeldick", meint Philip, der gemeinhin nicht zum Jammern neigt. Kaum einer seiner Kommilitonen hat das Studium in der Regelzeit abgeschlossen. Kommt hinzu, dass es besonders in den ersten Semestern die Studenten die Bedingungen alles andere als optimal sind. Dicht an dicht drängen sich da die Studenten in manchen Seminaren und Vorlesungen, 70 Studenten in einer Übung sind keine Seltenheit. Erst mit den höheren Semestern, so Philip, lasse das nach.

Empörter als Philip äußern sich mehrere Studenten, die vor der Mensa einen Stand mit blassgrünen und gelben Flyern aufgebaut haben, "Rahmenprüfungsordnung verhindern", steht auf einem Banner. Sie wenden sich gegen eine geplante Verschärfung der Studienbedingungen. Danach kann man eine Prüfung nur noch drei Mal wiederholen, die Anwesenheitspflicht soll wieder verstärkt durchgesetzt werden und Zwangsberatungen von Studenten sollen früher möglich sein. "All dies erzeugt letzten Endes einen starken Druck", sagt ein Student, der im vierten Semester Germanistik und Latein auf Bachelor studiert und seinen Namen nicht nennen will.

Die Klage, die er und andere Studenten hervorbringen, läuft vor allem auf eins hinaus: "Es kommt nicht mehr drauf an, dass Studenten etwas verstanden haben, sondern dass sie ihre Prüfungen bestehen." Das Ergebnis seien Schmalspurstudenten, die nicht kritisch denken würden.  Die "autoritären Disziplinierungsmöglichkeiten" gefährdeten die Vielfalt, wer arbeite, Familie habe oder sich sozial engagiere, könne kaum mehr studieren. Der Bachelorstudiengang erschwere außerdem einen Auslandsaufenthalt erheblich. "Es ist Fünf vor Zwölf", so der Spruch auf einem ihrer Flugblätter. Hier hat sich nicht viel geändert an der FU.

Liebe, Betrug und Enttäuschungen

Früher war die FU ein Zentrum der 68er-Bewegung.
Früher war die FU ein Zentrum der 68er-Bewegung.(Foto: picture-alliance/ dpa)

An diesem trägen Junitag verhallt die Proteststimmung allerdings in den Weiten des Universitätsgeländes. Einige Studenten dösen im Gras in der Sonne, die mit blauen und roten Teppichen ausgelegten Gänge wirken am Nachmittag wie leergefegt. Im Sportlercafé erörtern ein junger Mann und eine Frau hinter dem Tresen mit Gummimäusen und Biobrot lieber die unvergänglichen Fragen des Lebens: Liebe, Betrug und der Kreislauf der Enttäuschungen. Erst ein Mülleimer, der auf der Terrasse Feuer gefangen hat, reißt die beiden in die Wirklichkeit zurück. Hastig schüttet eine Studentin den Tee ihrer Thermoskanne über die Flammen.

Auch in der Villa des Ethnologischen Instituts herrschen bei den Studenten die ewigen Themen vor, das Leid des Menschen, der Zirkel des Lebens und die Freuden einer Kunstgeschichtsvorlesung. Es ist Volksküchentag, eine Studentin hat Nudeln gekocht, in dem mit Wolken bemalten Studentencafe scheint die Zeit still zu stehen. Richtig gestresst wirkt hier keiner. Madlen, eine Studentin im sechsten Semester, fasst es zusammen: Ethnologen wollen nicht unbedingt in der Regelstudienzeit fertig werden, und dann sei das Studium ganz leicht. Auf jeden Fall nimmt man es hier wohl leichter. Um18.20 Uhr brechen Philip und die ersten Studenten zum Bourdieu-Kurs auf. Nach und nach tröpfeln sie, einige noch ihre Nudelteller balancierend, in den Übungsraum. Anderthalb Stunden geht es nun um Schichten und Klassen, um die verschiedenen Arten von Kapital. An der Tür hängt ein Plakat zur "Welt der Schatten", eine Anwesenheitsliste gibt es nicht.

Der Bourdieu-Dozent, Martin Voss, äußert sich nach dem Kurs ein wenig ratlos zu den Bachelor- und Masterstudiengängen. Seit 10 Jahren lehrt er schon an Hochschulen, die derzeitigen Veränderungen betrachtet er mit einer gewissen wissenschaftlichen Neugier und Skepsis. "Für alle ist es ein Realexperiment", meint der Professor, dessen Schwerpunkt auf Katastrophenforschung  liegt. "Man schaut, wie die Studenten damit klarkommen und hofft, dass sie es einigermaßen schaffen und gemäß den Pisa-Evalutationen gute Ergebnisse erzielen. Wenn nicht, wird nachjustiert." Dabei drehe man aber immer an mehreren Schrauben gleichzeitig, so dass man nachher gar nicht mehr sagen könne, welcher Schaden auf welche Ursache zurückzuführen sei.

Voss' Bourdieu-Studenten sind noch voller Eifer. Nach der Übung hocken sie bei den Mülltonnen vor dem Institut und diskutieren weiter, eine Studentin mit blondgefärbten kurzen Haaren stellt fest: Ökonomisches Kapital lässt sich doch leichter erwerben als kulturelles. Der Juniabend ist lau und verlockend.

Quelle: n-tv.de

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