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Horst Seehofer und Reiner Haseloff lassen das O-Wort dieses Mal nicht fallen.
Horst Seehofer und Reiner Haseloff lassen das O-Wort dieses Mal nicht fallen.(Foto: dpa)

Herrscht Frieden in der Union?: Die "Wild Boys" geben sich ganz zahm

Von Johannes Graf, Halle

Horst Seehofer und Reiner Haseloff sind zwei mehr oder weniger offene Kritiker von Merkels Flüchtlingskurs. Doch nach einem Unions-Spitzengespräch im Kanzleramt halten sich beide an einen offenbar vereinbarten Waffenstillstand.

Ein prunkvoller Saal im sonst so trostlosen Bahnhofsviertel von Halle an der Saale bietet die Bühne für den neuen Horst Seehofer. Die Reihen sind nicht ganz voll besetzt mit silbernen Köpfen etwas betagterer Union-Wähler und ein paar bestellten Gästen von der Jungen Union. Und aus den Boxen dröhnen im Vorprogramm Tina Turners ewiges "Simply the Best" und Duran Durans "Wild Boys". Gar so wild sind die Boys heute Nachmittag aber nicht - im Gegenteil.

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Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer ist nach Sachsen-Anhalt gekommen, um einen Gesinnungsbruder im Wahlkampf zu unterstützen. Beide fallen, vor allem Seehofer, aber auch Haseloff, dadurch auf, in der Flüchtlingsfrage eine andere Meinung zu vertreten als Kanzlerin Merkel. Beide haben eine feste Obergrenze gefordert – das O-Wort, das die CDU-Chefin so ungern hört: 200.000 Migranten pro Jahr, mehr geht nicht, findet Seehofer. Auf maximal 400.000 legte sich Haseloff einmal fest. Doch das sagen die beiden an diesem Nachmittag nicht.

Es herrscht ein neuer Frieden in der Union. Zum Mittagessen war Seehofer zu Gast im Kanzleramt, hat mit Merkel über die Streitpunkte gesprochen – Flüchtlinge, Leiharbeit, Erbschaftssteuer. Doch zum Ergebnis hält er sich vornehm zurück: "Es war unfallfrei – keine Verletzungen", sagt er und nippt an seiner fast schon demonstrativ harmlosen Apfelschorle. Keine Details, keine Spitzen: "Seien Sie doch einmal froh, wenn Politiker das Wasser halten können." Übersetzt heißt das wohl: Keiner hat sich bewegt, aber es gibt eine Art Nichtangriffspakt.

Auch sonst scheint Seehofer beseelt zu sein vom neuen Schmusekurs mit der Kanzlerin. "Angela Merkel regiert uns hervorragend und vertritt uns international klasse", ruft er in den Saal. Eine Begrenzung der Zuwanderung müsse sein, ja. Doch von Obergrenzen hört man an diesem Abend nicht einen Ton. Seehofer und Haseloff lassen eine Chance nach der anderen liegen, der Kanzlerin, die parallel im rheinland-pfälzischen Wahlkampf auftritt, eins auszuwischen.

Seehofer fordert eine Chance für die Kanzlerin

Merkel rede immer davon, einen Plan zu haben, fragt eine Zuschauerin. Sie könne ihn nicht erkennen, ob die Herren behilflich sein können, ihn zu erklären? Seehofer setzt an: "Mit den internationalen Bemühungen, da haben wir schon einiges erreicht", sagt er. Seehofer findet natürlich, dass das nichts bringt. Doch anstatt Merkel dafür zu kritisieren, nur auf einen Plan zu setzen, beginnt er Allgemeines über sichere Herkunftsländer zu referieren.

Wie es sein könne, das Merkel seit Monaten die Dublin-Verordnung breche, fragt eine andere aufgebrachte Frau. Jetzt aber, denkt man sich, muss Seehofer doch zubeißen. Doch er sagt: "Ja, es stimmt, das derzeit viele Rechtsgrundlagen außer Kraft sind. Aber lassen wir der Kanzlerin jetzt doch die Chance, dafür zu sorgen, dass wieder Recht und Ordnung herrschen."

Ein kleines bisschen Attacke muss natürlich sein, um die besorgten Fragen der Bürger im Saal zu parieren. Aber weder Seehofer noch Haseloff gehen über das hinaus, was auch Merkel unterschreiben würde. Folgender Satz ist dann schon das Härteste, was sich Seehofer an diesem Nachmittag traut: "Wir unterstützen nach wie vor die internationalen Bemühungen der Kanzlerin. Aber wenn solche Maßnahmen nicht rechtzeitig kommen, werden wir um nationale Maßnahmen nicht herumkommen."

Das klingt nach Revolution, heißt aber in der momentanen Situation nur: Die Kanzlerin bekommt Zeit. Und das ist bemerkenswert angesichts der Vorgeschichte. Schon zu Beginn der Flüchtlingskrise machte Seehofer Merkel deutlich, was er von ihrem Kurs hält. Hier nur ein paar der Höhepunkte, die in den vergangenen Monaten folgten: Seehofers schullehrerhafter Empfang der Kanzlerin beim CSU-Parteitag, das Interview, in dem er eine "Herrschaft des Unrechts" beklagte und zuletzt seine Weigerung, sich auf Merkel als Spitzenkandidatin für die Bundestagwahl 2017 festzulegen. Und dann ist da ja noch die mögliche Verfassungsklage, mit der Seehofer immer wieder in Richtung Berlin wedelt, wenn er die Interessen Bayerns mit Füßen getreten sieht.

"Feuerpause" kommt allen gelegen

Nichts dergleichen an diesem späten Nachmittag in Halle. Und vermutlich folgt das sowohl für Seehofer als auch für Merkel ihrem jeweiligen Kalkül: Schließlich ist wieder ein Tag Zeit gewonnen. Die Kanzlerin hofft noch immer, dass über das Wochenende eine spürbare Reduktion der Flüchtlingszahlen in der Ägäis einsetzt. Und: Wenn die Hotspots auf griechischem Boden erst einmal funktionieren, würden sich womöglich mehr und mehr europäische Partner auf einen Verteilungsschlüssel von Flüchtlingen aus türkischen Lagern einigen. Kommt der große Durchbruch beim EU-Türkei-Gipfel am Montag, verhallen alle Rufe nach Obergrenzen und Grenzschließungen, so ihre mutmaßliche Vorstellung.

Seehofer dagegen hält sich vermutlich damit aufrecht, dass er genau das bezweifelt. Wenn Merkel ihre unfreiwillig selbstgesteckte Deadline am 7. März reißen sollte, könne sie sich seinem Werben um eine nationale Lösung des Problems kaum mehr erwehren, so sein Kalkül. Wenn die Landtagswahlen am 13. März für die Union schlecht ausfallen, will er wegen Attacken im Wahlkampfendspurt nicht dafür verantwortlich gemacht werden. Und selbst wenn es schief geht: Auch Seehofer weiß, dass ihm das in der Flüchtlingsfrage nur nutzen könnte. Selbst wenn Merkel zuletzt bei Anne Will beteuerte, auch bei Misserfolgen weitermachen zu wollen wie bisher: Sie wird um eine Kursanpassung vermutlich nicht herumkommen, wenn die CDU in den Ländern zu viele Stimmen liegen lässt.

Gegen Ende der Veranstaltung erhebt sich ein fülliger Herr aus dem Publikum. Das graue Haar fällt ihm auf die Schultern, es ist lediglich geordnet von einem roten Stirnband. Dieser Mann fällt hier aus dem Rahmen. Er gibt an, Liedermacher zu sein. Er lässt keinen Zweifel daran: Die Flüchtlingsfrage bewegt ihn sehr. Er schließt seinen Beitrag mit der Frage: "Wann kann die weiße Taube endlich wieder fliegen?" Weder Haseloff noch Seehofer gehen darauf ein. So viel Frieden muss für die "Wild Boys" dann auch wieder nicht sein.

Quelle: n-tv.de

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