Politik
Offiziell war das so nicht vorgesehen: Teilnehmer des "Marsches der Entschlossenen" heben auf dem Vorplatz des Bundestages etliche symbolische Gräber aus.
Offiziell war das so nicht vorgesehen: Teilnehmer des "Marsches der Entschlossenen" heben auf dem Vorplatz des Bundestages etliche symbolische Gräber aus.(Foto: picture alliance / dpa)

Kunstaktion im Regierungsviertel: Dieser Leichenzug hat begrenzte Reichweite

Von Issio Ehrich

Der Platz vorm Reichstag verwandelt sich in einen symbolischen Friedhof. Die Kunstaktion "Die Toten kommen" verläuft ungefähr so, wie es sich das Kollektiv Zentrum für politische Schönheit ausgemalt hat. Trotzdem gibt es Zweifel an der Wirkung.

Als die Polizei das Ende der Veranstaltung verkündet, ist der Vorplatz des Bundestages längst in einen symbolischen Friedhof verwandelt. Die Teilnehmer des "Marsches der Entschlossenen", dem dramaturgischen Höhepunkt der Kunstaktion "Die Toten kommen", haben die Zäune, die den Platz abschirmen, niedergestoßen. Sie sind auf die Grünfläche gestürmt und haben angefangen zu buddeln. Aus den frischen Erdhügeln ragen nun kleine Pappkreuze. "Grenzen töten" steht darauf oder "Würde".

Das Zentrum für politische Schönheit ließ eigenen Angaben zufolge zwei Flüchtlinge aus Syrien in Berlin bestatten.
Das Zentrum für politische Schönheit ließ eigenen Angaben zufolge zwei Flüchtlinge aus Syrien in Berlin bestatten.(Foto: picture alliance / dpa)

Eigentlich sollte der Demonstrationszug vor dem Bundeskanzleramt halt machen. Dort sollte ein Friedhof und eine Gedenkstätte entstehen - angeblich mit echten Toten. Doch der Marsch hat sich verselbstständigt. Gewissermaßen zumindest. Man muss den Veranstaltern, der Künstlergruppe Zentrum für politische Schönheit (ZPS), unterstellen, dass diese Verselbstständigung Teil ihres Planes war. Denn dass es die Behörden nicht erlauben würden, echte Leichen vor dem Amtssitz von Kanzlerin Angela Merkel zu bestattet, war von vornherein klar. Nach dem offiziellen Verbot durch die Polizei postete die Künstlergruppe auf ihrer Facebook-Seite zudem "ganz ohne Ironie": "Errichtet niemals in der Nacht zum Sonntag in ganz Europa Gräber in der Öffentlichkeit und erst Recht nicht während des Marsches. Auch nicht auf der Wiese des Bundestags oder sonstwo."

Kurzum: Der Marsch ist wohl ungefähr so verlaufen, wie ihn sich das ZPS vorgestellt hat. Die gesamte Aktion "Die Toten kommen", die Anfang der Woche mit der Beerdigung von syrischen Flüchtlingen auf Berliner Friedhöfen begonnen hat, ist so verlaufen. Kein Wunder also, dass viele der Teilnehmer die Aktion preisen. Trotz des Erfolgs sind die Zweifel, dass sie wirklich die Menschen erreicht, die sie erreichen müsste, aber noch groß.

"Ich bin berührt"

"Es ist ein tolles Zeichen, eine neue Protestform", sagt Daniel Horowitz, ein 58-Jähriger aus der Schweiz, der sich schon seit mehr als 30 Jahren für eine andere Flüchtlingspolitik einsetzt. So viel Kreativität hätte er beim Kampf gegen die "europäische Abschottungspolitik" noch nicht erlebt. Nur ein paar Meter weiter steht Johannes Spatz, ein weiterer Veteran in den Reihen der Demonstranten. "In den 80er Jahren waren wir nur ein kleines Häufchen", sagt er. Dann blickt er sich um und sagt: "Das macht Mut." Nach Angaben der Polizei nahmen mehr als 5000 Menschen an der Demonstration teil, und es waren nicht nur Leute wie Horowitz und Spatz, sondern auch etliche, die sich vorher nicht wirklich für das Leid von Flüchtlingen und das Massensterben im Mittelmeer interessiert haben. "Mir war das Problem schon bewusst", sagt Sarah, eine junge Mutter, die mit Freund und Kind an der Demonstration teilnimmt. "Aber das verläuft sich so im Alltag", sagt sie. Die drastische Idee, den Tot in der Ferne zumindest symbolisch ganz nah heranzuholen, habe sie dann aber endlich aufgerüttelt. "Ich bin berührt."

Aber was sind schon 5000 Menschen? Demonstrationen, die in letzter Konsequenz mehr Abschottung forderten, mobilisierten im vergangenen Jahr ein Vielfaches dieser Teilnehmerzahl - und das im Wochenrhythmus. "Die meisten Menschen in Deutschland unterstützen doch die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung", sagt Denis, ein 23-jähriger Berliner. Er pocht auf mehr Aktionen wie diese. Stefan, 28 Jahre alt, ebenfalls aus Berlin, zweifelt allerdings selbst dann noch daran, dass sich wirklich etwas verändern könnte. "Ich weiß nicht, ob wir die Leute, die es zu überzeugen gilt, erreichen", sagt er. Und seine Zweifel erscheinen berechtigt bei einem Blick auf die öffentliche Debatte, die sich in den vergangenen Tagen entsponnen hat.

"Moral to go"

Das Zentrum für politische Schönheit musste sich einiges vorwerfen lassen - selbst von Leuten, die selbst für eine humanere Flüchtlingspolitik werben. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck bezeichnet die Aktion als "befremdlich und pietätlos". Die "Süddeutsche Zeitung" warf der Künstlergruppe "politische Pornografie" vor, weil sie den Menschen, die die Künstlergruppe auf Berliner Friedhöfen bestattet hat, die letzte Würde nähme.

Weil sich das ZPS als "Sturmtrupp zur Errichtung moralischer Schönheit" bezeichnete und "Aktionskunst nie dagewesener Größenordnung" versprach, handelte sich das Kollektiv auch ein vernichtendes Urteil der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ein: "So geil hat sich in Deutschland schon lange niemand mehr gefunden, nicht mal das Rödelheim Hartreim Projekt." Die "Welt" wiederum warf ihnen vor, den Menschen "Moral to go" vorzusetzen. Da das verlautbarte Ziel des Marsches das Kanzleramt war, unterstellt die Zeitung, dass es dem ZPS nur darum gehe, Angela Merkel die Schuld zuzuschieben. Das ermögliche es allen Unterstützern, sich selbst moralisch aufzuschwingen. "Auch wer sich bislang nie für die furchtbaren Verhältnisse in Eritrea, Somalia, Syrien, dem Sudan oder Mali interessiert hat, kann nun als Rächer der Enterbten auftreten. Wie heuchlerisch."

Pietätlosigkeit, Selbstverliebtheit, Selbstgefälligkeit - die Kritik am Auftreten des ZPS ist heftig - ganz unabhängig davon, ob sie nun gerechtfertigt ist oder nicht. Denn sie führt vor allem zu einem: Die öffentliche Debatte driftet in eine Meta-Diskussion ab. Es geht um das Wie, um die Mechanismen der Aktion, nur im Ausnahmefall um das Leid der Flüchtlinge. Überhaupt nicht geht es um die Frage, wie Deutschland den Menschen, die die Flucht über das Mittelmeer wagen, schützen könnte.

Quelle: n-tv.de

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