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Polizisten bewachen die Basilika Sacre Coeur in Paris.
Polizisten bewachen die Basilika Sacre Coeur in Paris.(Foto: AP)
Sonntag, 15. November 2015

Terrornacht von Paris: Ermittler befürchteten großen Anschlag

Es ist kaum möglich Terror-Anschläge vorherzusagen - das hat die Nacht von Paris gezeigt. Doch welche Hinweise hatten die Behörden? Klar ist, dass Ermittler "Kalaschnikow-Attacken" befürchteten.

Ein Albtraum ist in Paris blutige Wirklichkeit geworden. Ganz Frankreich erstarrt nach dem schwersten Anschlag seiner Geschichte in Grauen, ist fassungslos angesichts des Massakers mit mindestens 129 Toten. Die Geheimdienste des Landes aber sind kaum überrascht über die Attacke. Denn Frankreich ist schon seit Langem im Visier radikaler Islamisten - und seit dem Anschlag auf die Satirezeitung "Charlie Hebdo" im Januar fürchteten Experten ein neues Blutbad.

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"Das Thermometer steigt an", sagte ein Anti-Terror-Verantwortlicher erst kürzlich. Nach "Charlie Hebdo" waren in Frankreich mehrere Anschläge verhindert worden oder vergleichsweise glimpflich abgelaufen, etwa der Angriff auf einen Thalys-Schnellzug im August. "Das waren Schulhof-Attentate", sagte der Ermittler - und warnte vor "Kalaschnikow-Attacken" von gut trainierten und entschlossenen Angreifern, die sich stundenlang verschanzen und viele Menschen töten könnten.

Die düstersten Prognosen wurden am Freitagabend bestätigt: Schwerbewaffnete Männer attackierten bei koordinierten Angriffen den Konzertsaal Bataclan in der Pariser Innenstadt, eine Reihe von Bars und Restaurants und das nördlich von Paris gelegene Stade de France, in dem gerade 80.000 Zuschauer das Freundschaftsspiel Frankreich gegen Deutschland verfolgten. Sie töteten mindestens 129 Menschen und verletzten mehr als 350 weitere. Schnell bekannte sich die Dschihadisten-Miliz Islamischer Staat (IS) zu der Anschlagsserie, Frankreichs Staatschef François Hollande sprach von einem "Kriegsakt" einer "terroristischen Armee".

Frankreich großer Feind des IS

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Gewertet wurden die Anschläge als eine Antwort auf das französische Vorgehen gegen den IS in Syrien und im Irak. Denn seit mehr als einem Jahr bekämpft Frankreich die IS-Dschihadisten mit Luftangriffen im Irak, im September wurden die Angriffe auch auf Syrien ausgedehnt. Frankreich ist damit zu einem der großen Feinde des IS geworden - und zur Zielscheibe für Anschläge.

Doch schon vorher hatte es Aufrufe zu Anschlägen gegen Frankreich gegeben, unter anderem wegen des militärischen Vorgehens gegen islamistische Rebellen in Mali und der restlichen Sahel-Zone. Islamisten werfen Frankreich zudem etwa wegen des Burkaverbots immer wieder eine Diskriminierung der muslimischen Bevölkerung vor.

Frankreich ist zugleich besonders verwundbar, weil sich in dem Land mit der größten muslimischen Gemeinde Europas viele junge Männer radikalisiert haben. Sie lassen sich von Predigern und über das Internet für den Dschihad begeistern und wollen zur Tat schreiten. Hunderte Islamisten sind nach Syrien und in den Irak gezogen, viele sind inzwischen wieder nach Frankreich zurückgekehrt - an Waffen ausgebildet, kriegserfahren, eine kaum zu bändigende Gefahr. Dass es Frankreich erstmals mit Selbstmordattentätern zu tun bekam, zeugt von einer neuen Dimension.

Überwachung von 8000 unmöglich

Zwar hat Frankreich nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" seine Geheimdienste aufgerüstet und ihnen mit einem neuen Gesetz umfangreiche Befugnisse eingeräumt. Doch die Behörden haben schon allein mit der schieren Masse an Menschen zu kämpfen, die als gefährliche Islamisten eingestuft werden oder wegen ihrer Nähe zur islamistischen Szene auffallen - auf einer Behördenliste möglicher Gefährder stehen zwischen 5000 und 8000 Namen, alle zu überwachen ist unmöglich.

Mindestens einer der Attentäter vom Freitag, der Franzose Omar Ismail Mostefai, war den Geheimdiensten wegen seiner Radikalisierung bekannt. Wie es ihm und seinen mindestens sechs Komplizen gelingen konnte, in aller Heimlichkeit Kalaschnikows und Sprengstoffgürtel zu besorgen, wird eine der zentralen Fragen der Ermittlungen sein - und ob die Geheimdienste die Anschläge hätten verhindern können.

"Sie werden nie acht entschlossene, im Ausland ausgebildete und hierhergeschickte - oder von Syrien aus motivierte - Kerle daran hindern können, zur Tat zu schreiten", sagt aber ein früherer Geheimdienst-Verantwortlicher. Und auch ein Ermittler zeigt sich pessimistisch: "Natürlich müssen wir alle Mittel mobilisieren, aber eines muss klar sein: Es wird weitere Anschläge geben."

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Quelle: n-tv.de

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