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Donnerstag, 14. September 2017

Zehn Tage bis zur Bundestagswahl: "Es gibt gar nicht so viele Unentschlossene"

Noch eineinhalb Wochen bis zur Bundestagswahl: Wer wird drittstärkste Kraft hinter Union und SPD? Können die Grünen aus dem Bundestag fliegen? Und haben Umfragen einen Einfluss auf die Wahlentscheidung? Forsa-Chef Manfred Güllner gibt Antworten.

n-tv.de: Bei welcher Partei erwarten Sie im Vergleich zur aktuellen Forsa-Umfrage am Wahlabend die größte Überraschung?

Manfred Güllner ist Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa. n-tv.de veröffentlicht die neuesten Umfragezahlen jeden Mittwoch im Stern-RTL-Wahltrend.
Manfred Güllner ist Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa. n-tv.de veröffentlicht die neuesten Umfragezahlen jeden Mittwoch im Stern-RTL-Wahltrend.(Foto: picture alliance / dpa)

Manfred Güllner: Wir müssen beobachten, welche Entwicklungen es in den Tagen vor der Wahl noch gibt. Insgesamt sehe ich Bewegungen in Richtung der kleinen Parteien. Ganz große Überraschungen kann ich im Moment aber nicht absehen.

Was erwarten Sie, welche Partei sich im Kampf um die drittstärkste Fraktion im neuen Bundestag durchsetzt?

Im Augenblick stehen die Linken mit zehn Prozent gut da. Sie profitieren von der Schwäche der SPD. Die Linke kann mit dem Thema soziale Gerechtigkeit viel radikaler umgehen und zieht damit einige Wähler von der SPD weg. Es ist auch nicht auszuschließen, dass die FDP drittstärkste Kraft wird, wenn sie aus dem Lager der Union noch Zweitstimmen bekommt. Auch bei der AfD könnte es noch Luft nach oben - aber auch nach unten - geben. Bei ihr gibt es allerdings eine gewisse Dunkelziffer, mit der man rechnen muss.

Die Grünen hinken im Rennen der kleinen Parteien etwas hinterher. In einigen Umfragen steht die Partei - ähnlich wie die FDP vor vier Jahren - nicht besonders gut da. Müssen die Grünen um den Wiedereinzug in den Bundestag zittern?

Die FDP stand in den Umfragen 2013 kurz vor der Wahl wesentlich schwächer da. Sie erreichte fünf Prozent, das war ein Alarmzeichen. Die Grünen sind aktuell zwar schwächer als vor vier Jahren, aber die Partei hat einen harten Kern von Stammwählern. Die Gefahr, dass sie unter die Fünf-Prozent-Hürde sinkt, kann ich daher nicht erkennen.

Die SPD liegt in der Forsa-Umfrage bei 23 Prozent. Wie viel ist noch drin für die Partei?

Die SPD steht noch schlechter da als vor vier Jahren, als sie 25,7 Prozent geholt hat. Sie kann auf das Niveau von 2009 absinken - damals waren es 23 Prozent - oder sogar noch darunter. Damit muss die SPD rechnen. Anders als vor vier Jahren konnte sie nach dem TV-Duell diesmal nicht punkten. Peer Steinbrück hat sich 2013 ganz gut geschlagen und drei Prozentpunkte dazu gewonnen. Martin Schulz ist das nicht gelungen.

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Muss die SPD sogar fürchten, weitere Wähler zu verlieren, weil die Partei keine Machtperspektive hat?

Die meisten Wähler lassen sich von Umfragen nicht beeinflussen. Viele Menschen wählen aus alter Loyalität die SPD. An den Rändern gibt es aber immer gewisse Fluktuationen. Jemand, der eher am linken Rand steht, könnte deshalb vielleicht zur Linkspartei wandern. Das ist aber keine große Masse an Wählern.

Die SPD verweist seit Wochen darauf, dass mehr als 45 Prozent der Wähler noch unentschlossen seien. Stimmt das?

Mir erscheint die Zahl zu hoch. Aber unterstellen wir mal, es wären 45 Prozent. Dann müssten wir die Menschen davon abziehen, die gar nicht zur Wahl gehen. Das werden auch diesmal wieder um die 25 Prozent sein. Dann bleiben also gar nicht mehr so viele übrig, die tatsächlich unentschlossen sind. Der Anteil derer, die mit sich ringen, ist also sehr viel kleiner, als die SPD behauptet.

Die Union hat in den vergangenen Wochen bei Forsa einige Punkte eingebüßt und liegt aktuell nur noch bei 37 Prozent. Könnten CDU und CSU noch tiefer absacken und wenn ja, warum?

Die Union kann noch unter 37 Prozent sinken, wenn noch potenzielle CDU/CSU-Anhänger sich dazu entscheiden, mit der Zweitstimme die FDP zu wählen. Das schwächt zwar das "bürgerliche" Wählerlager nicht, wohl aber die Union.

Es gibt Kritik über die negative Wirkung von Umfragen, den Einfluss auf die Wahlentscheidung und selbst verstärkende Effekte. Wie beurteilen Sie das?

Es gibt keine Belege dafür, dass Umfragen einen Einfluss auf die Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse der Menschen hätten. Der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider hat das zuletzt untersucht. Wir sehen das aber auch in den USA. Die Kalifornier haben sich in ihrem Wahlverhalten nie durch das schon feststehende Ergebnis in Florida beeinflussen lassen. Ähnliches haben wir auch bei Nachwahlen in Deutschland beobachtet.

Mit Manfred Güllner sprach Christian Rothenberg

Quelle: n-tv.de

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