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Patriarch aus Bagdad im Interview: "Es wird so schnell keine Versöhnung geben"

Die Fronten zwischen Religionen und Konfessionen sind im Irak vollends verhärtet. Das macht das Oberhaupt der chaldäisch-katholischen Kirche aus Bagdad deutlich. Dem Westen gibt er eine Mitschuld daran.

n-tv.de: Was halten Sie vom Signal der offenen Grenzen, das im vergangenen Sommer von Europa ausging?

Louis Raphael I. Sako: Wir erleben einen echten Exodus aus Syrien. Die Staaten in Europa sollten sich genau angucken, wer bei ihnen einreist. Denken Sie an Frankreich, an Paris. Es können auch Terroristen unter den Flüchtlingen sein. Aber das ist nur ein Grund, warum ich skeptisch bin, wenn es um die Politik der offenen Grenzen geht. Warum setzt der Westen auf eine Strategie, die Menschen entwurzelt von der Herkunft ihrer Tradition, von ihrer Kultur, ihrer Religion? Warum sorgt Europa nicht dafür, dass die Menschen zuhause bleiben können? Warum bemüht sich niemand ernsthaft um eine politische Lösung?

Was genau meinen Sie?

Louis Raphael I. Sako, das Oberhaupt der chaldäisch-katholischen Kirche mit Sitz in Bagdad
Louis Raphael I. Sako, das Oberhaupt der chaldäisch-katholischen Kirche mit Sitz in Bagdad(Foto: REUTERS)

Wer steckt dahinter, was im Irak und jetzt auch Syrien passiert ist? In Jemen und Libyen? Warum unterstützt der Westen immer wieder Regimewechsel, die zu noch mehr Problemen führen? Wenn der Westen wirklich Demokratie und Freiheit bringen wollte, wie er es damals im Irak behauptete, würde er das so machen? Wer Demokratie will, muss die Menschen dazu erziehen. Das ist ein Projekt für Jahre. Es reicht nicht, Saddam Hussein durch einen anderen auszutauschen. Der Westen hat seine eigenen Interessen. Vielleicht will er, dass der Nahe Osten zerfällt.

Welches Interesse sollte dahinter stecken?

Dem Westen geht es auf jeden Fall nicht um Humanität. Die Welt ist mittlerweile wie ein kleines Dorf. Wir alle brauchen einander. Wir müssen in Frieden miteinander leben.

Lassen Sie uns über den Irak sprechen: Im Land gibt es mittlerweile rund drei Millionen Binnenvertriebene...

Es ist eine Tragödie. Es gab so schöne Städte, Ramadi zum Beispiel. Jetzt leben die Menschen in Zelten. Die Leute haben alles verloren. Und sicher sind sie immer noch nicht.

Wie viele Christen sind noch im Irak?

Noch ungefähr 400.000. Aber sie sind in großer Sorge und haben keine Hoffnung auf ein besseres Leben. Wenn sie die Möglichkeit hätten, würden sie den Irak verlassen. Nur die Armen und Machtlosen sind noch hier.

Was kann man tun, um den Menschen zu helfen?

Ich würde Deutschland gern dazu bewegen, den Irak dabei zu unterstützen, den Islamischen Staat (IS) zu vernichten – als militärische Gruppe und auch als Ideologie.

Fällt es Ihnen als Christ nicht schwer, so offen für einen Kampfeinsatz zu werben?

Meine Leute zu verteidigen ist etwas Natürliches, ein Naturrecht.

Die irakischen Kräfte wollen demnächst Mossul vom IS zurück erobern...

Die irakische Armee ist schwach. Sie sind nicht gut trainiert, sie haben keine Waffen.

Lassen Sie uns optimistisch sein und davon ausgehen, dass es gelingt, den IS aus dem Irak zu verdrängen. Vielleicht mit der Hilfe westlicher Kräfte. Was dann?

Die Leute sollten in ihre Dörfer zurückkehren. Die sind zerstört. Sie müssen die Infrastruktur also wiederaufbauen.

Es geht sicher nicht nur um die Infrastruktur. Vor allem sunnitische Muslime haben sich mit dem IS arrangiert. Es muss auch um Versöhnung zwischen jenen, die geblieben sind, und jenen die vertrieben wurden, gehen, oder?

Da wird es so schnell keine Versöhnung, keine Vergebung geben. Es herrscht eine Mentalität der Rache. Die Menschen, die vertrieben wurden, die Christen zum Beispiel, haben das Vertrauen verloren und werden sich deswegen oft überhaupt nicht zurücktrauen. Sie wurden von ihren Nachbarn ausgeraubt. Zu Beginn wird es also irgendeine Form internationalen Schutzes für diese Menschen geben müssen. Und es wird vielleicht Umerziehungsprogramme geben müssen.

Meinen Sie mit internationalem Schutz Truppen? Und wer soll umerzogen werden?

Ja, zumindest für eine Zeit wird es Kräfte benötigen, die Sicherheit garantieren. Umerzogen werden müssten vor allem die Muslime. Sie müssen lernen, das Leben und den Besitz anderer zu respektieren. Das wird Jahre dauern.

Die Fronten zwischen den ethnischen und religiösen Gruppen im Irak sind vollkommen verhärtet. Ist die Vorstellung eines Nachkriegsiraks überhaupt realistisch? Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass das Land zerfällt?

Es gibt viele Autonomiebestrebungen, nicht nur bei den Kurden, auch bei den Sunniten. Ich denke, eine Konföderation ist durchaus eine gute Lösung. Bagdad könnte die Hauptstadt bleiben, Sunniten, Kurden und Schiiten könnten ihre eigenen Gebiete bekommen.

Und wo bleiben die Christen?

Die Christen werden sich schon mit den anderen arrangieren. Wir Christen sind mittlerweile ja auch eine sehr kleine Minderheit im Irak. Solange Frieden garantiert ist, werden wir da sein und beim Wiederaufbau helfen.

Mit Louis Raphael I. Sako sprach Issio Ehrich

Quelle: n-tv.de

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