Politik
Fahndungsbild von Beate Zschäpe (v.l.), Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos aus dem Jahr 1998.
Fahndungsbild von Beate Zschäpe (v.l.), Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos aus dem Jahr 1998.

Zwickauer Terrorzelle: Freunde wurden Mörder-Bande

von Solveig Bach

Fast 14 Jahre waren Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt untergetaucht. Sie lebten im so gut organisierten Deutschland im Untergrund, nachdem 1998 in Zschäpes Garage vier funktionsfähige Rohrbomben, Sprengstoff und Propagandamaterial gefunden worden waren. Doch wie wurde das Neonazi-Trio zu der Mörderbande, als die es nun erscheint?

Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe sind Kinder der DDR. In den 1970er Jahren geboren, geraten sie als junge Erwachsene in Jena in die Wende. Vor allem für Böhnhardt und Zschäpe, die in den typischen Plattenbausiedlungen in der thüringischen Stadt aufwachsen, sind die beruflichen Perspektiven wenig verheißungsvoll.

Beate Zschäpe wird von ihrer Mutter allein aufgezogen. Als Jugendliche soll sie viel geklaut haben, berichtet die "taz", auch Dinge, die sie nicht gebraucht habe. Nach der Schule absolviert sie eine Gärtnerlehre, findet aber keine Arbeit.

Uwe Böhnhardt im Herbst 1996 in Erfurt im Umfeld eines Prozesses gegen den Holocaust-Leugner Manfred Roeder.
Uwe Böhnhardt im Herbst 1996 in Erfurt im Umfeld eines Prozesses gegen den Holocaust-Leugner Manfred Roeder.(Foto: dapd)

Uwe Böhnhardt stammt aus bescheidenen Verhältnissen, berichtet der Jenaer Jugendpfarrer Lothar König im ZDF. Böhnhardt hat keinen Schulabschluss, manchmal kann er für kurze Zeit als Hilfsarbeiter auf dem Bau aushelfen, doch von Dauer ist die Arbeit nie. Uwe Mundlos ist der Einzige, der aus einem gut situierten Elternhaus stammt. Sein Vater ist Professor, Mundlos strebt lange noch auf dem Ilmenau-Kolleg das Erreichen des Abiturs an, schließlich wird er untertauchen, bevor er die Hochschulreife erlangt hat.

Jugendpfarrer König zufolge hat Mundlos zunächst mit rechtsextremistischen Gedanken nichts am Hut, doch irgendwie gerät er zunehmend in den Dunstkreis der Neonazis und damit auch in Verbindung zu Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt.

Treffen in Altlobeda

Möglicherweise spielt bei seinem Abrutschen in die rechte Szene das sogenannte "Braune Haus" in Altlobeda eine entscheidende Rolle. Es dient in den 1990er Jahren Neonazis als Ort für Schulungen und Vorträge, aber auch für Liederabende und nicht zuletzt als Sitz des NPD-Kreisverbands.

Uwe Böhnhardt (graue Jacke, 4.v.l.) und Uwe Mundlos (r.).
Uwe Böhnhardt (graue Jacke, 4.v.l.) und Uwe Mundlos (r.).(Foto: dapd)

In dem inzwischen baupolizeilich gesperrten Haus gehen wohl auch Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos ein und aus. Nun werden sie auch den Sicherheitsbehörden wegen ihrer Verbindungen zum rechtsextremischen "Thüringer Heimatschutz" bekannt. Böhnhardt und Mundlos tragen die typische Nazikluft jener Jahre, schwarze Bomberjacken und Springerstiefel, die Haare raspelkurz. Beate Zschäpe soll sich dem jedoch widersetzt haben, Die nette Nazi-Frau von nebenan .

Die Aufgabenteilung innerhalb der Gruppe ist nicht ganz klar. Mundlos gilt laut "Stern" als der Intellektuelle, der Redner. Böhnhardt sei der Waffennarr gewesen, ein Mann der Tat, dabei fast unkontrolliert. Doch Studentenpfarrer König sieht in Böhnhardt den klassischen Mitläufer und auch Mittäter. Vielen gilt Böhnhardt als Handlanger von Mundlos. Auch Beate Zschäpes Rolle ist nicht eindeutig. Für die einen ist sie die naive Mitläuferin, die sich politisch kaum engagiert. Pfarrer König ist Zschäpe jedoch noch wegen ihrer heftigen Übergriffe, besonders auf Frauen, in Erinnerung.

Zunächst ist Zschäpe mit Mundlos liiert, später soll sie auch mit Böhnhardt zusammen gewesen sein. Zudem ist von vielen, auch sexuellen Beziehungen die Rede, die sie in der Szene gepflegt habe. Das Trio gilt bald als unzertrennlich. Eifersucht soll dabei nie eine Rolle gespielt haben. Die Männer dulden sich gegenseitig und akzeptieren die Beziehung des anderen zu Zschäpe, beruft sich der "Stern" auf Aussagen aus Mundlos' Familie. Nach der Hausdurchsuchung 1998 und dem damit verbundenen Ermittlungsverfahren wegen der Versendung von Briefbombenattrappen an die "Thüringer Landeszeitung", die Stadtverwaltung und die Polizeidirektion Jena, tauchen die drei gemeinsam unter.

Brutale Überfälle

Überfall in Arnstadt, im September 2011.
Überfall in Arnstadt, im September 2011.(Foto: REUTERS)

Wie das genau gelingen konnte, darüber wird viel spekuliert. Den Ermittlern gilt als sicher, dass das Trio Hilfe gehabt haben muss. Angeblich hatten Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos gute Kontakte zu führenden Neonazis, auf die sie nun zählen können. Sie finanzieren sich aus Banküberfällen, mindestens 14 Raubüberfälle schreibt die Staatsanwaltschaft der Gruppe zu. In der Rückschau ergibt sich ein immer ähnlicher Ablauf, zwei vermummte Täter dringen meist in Sparkassen ein, treten sehr brutal auf, einmal schießen sie einen Bank-Azubi an. Nach den Taten fliehen sie auf Fahrrädern, die sie in einem in der Nähe geparkten Caravan verstauen. Das Wohnmobil ist gleichzeitig das Fluchtfahrzeug.

An dieser Stelle kommt wohl Helfer Holger G. ins Spiel, der zwar in Niedersachsen festgenommen wurde, aber ebenfalls aus Jena stammt. Seit über zehn Jahren ist er wegen seiner rechtsextremen Überzeugungen bereits aktenkundig. Bisher stufte ihn der Verfassungsschutz aber als Randfigur ein.

Holger G. (M) wird dem Haftrichter vorgeführt.
Holger G. (M) wird dem Haftrichter vorgeführt.(Foto: dpa)

G. soll jedoch seit Ende der 1990er Jahre mit dem Jenaer Trio in Kontakt gewesen sein. Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos gründen 1998 den "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU), eine Gruppe mit dem Ziel, "vor allem Mitbürger ausländischer Herkunft zu töten", wie die Bundesanwaltschaft überzeugt ist. Die NSU soll auch G. seit 2007 unterstützt haben. Unter anderem soll er den anderen Gruppenmitgliedern seinen Führerschein und den Reisepass überlassen haben, damit sie verborgen agieren können. Er soll auch mehrfach Wohnmobile angemietet haben, möglicherweise auch das, das bei dem Mord an der Heilbronner Polizistin Michéle K. benutzt wurde.

Warum die Polizistin sterben musste, ist nur eine von vielen offenen Fragen. Eine andere Frage ist die, wo das Trio all die Jahre lebte. Die Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße 26 beziehen sie gemeinsam 2008. Doch Zschäpe lebte wohl schon seit 2001 in der sächsischen Stadt.

Was wussten die Verfassungsschützer?

Zschäpe soll sich mit V-Leuten getroffen haben.
Zschäpe soll sich mit V-Leuten getroffen haben.

Mehr als undurchsichtig erscheint dabei die Rolle des Verfassungsschutzes. Das Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz bestreitet vehement, Kontakte zu Zschäpe gehabt oder ihren Aufenthaltsort gekannt zu haben. Doch ein nicht namentlich genannter Ermittler behauptet in der "Bild am Sonntag", die per Haftbefehl gesuchte Zschäpe habe nach 1998 noch mehrmals Kontakt zu V-Leuten gehabt und sich dann unter falschem Namen nach Zwickau abgesetzt. Bei sechs Morden soll sich zudem ein hessischer Verfassungsschützer in unmittelbarer Nähe zu den Tatorten aufgehalten haben, berichtet die "Bild"-Zeitung unter Berufung auf einen Ermittler. Dazu schweigt sich das zuständige hessische Landesamt aus. Bisher hatte es immer geheißen, der Beamte habe in einem Fall im April 2006 in Kassel das Internetcafè, in dem ein 21-Jähriger erschossen wurde, kurz zuvor verlassen.

Den ersten politischen Mord verübt das Neonazi-Trio wahrscheinlich  im Jahr 2000, am 9. September wird der Blumenhändler Enver S. in Nürnberg erschossen. Am Ende gehen mindestens zehn Morde auf ihr Konto. Mundlos und Böhnhardt töten sich selbst, als sie nach einem misslungenen Banküberfall von der Polizei entdeckt werden, Zschäpe sitzt hinter Gittern und will ihr Wissen aus den Tiefen der Neonazi-Szene offenbar teuer verkaufen. G. bestreitet jede  Kenntnis von den Taten der anderen und bezeichnet sich selbst als Aussteiger. Weiterer Helfer gefunden? . Noch immer ist die Ratlosigkeit mit Händen greifbar.   

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Quelle: n-tv.de

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