Politik
Ruth Klüger emigrierte nach dem Krieg in die USA.
Ruth Klüger emigrierte nach dem Krieg in die USA.(Foto: REUTERS)

Klüger im Bundestag: "Freunderl, wir kennen uns"

Von Hubertus Volmer

Ruth Klüger überlebt Auschwitz und Zwangsarbeit, sie erlebt die Verdrängung im Nachkriegsdeutschland und den Ausländerhass der Bundesrepublik. Davon erzählt sie im Bundestag – und erklärt, was sie "heroisch" am heutigen Deutschland findet.

"Meine verehrten Herren und Damen", sagt Ruth Klüger, "ich werde Ihnen also jetzt ein bisschen über meine Erfahrungen erzählen." Es ist still im Bundestag, wo wie in jedem Jahr am 27. Januar der Holocaust-Gedenktag begangen wird – Soldaten der Roten Armee hatten am 27. Januar 1945 das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau befreit.

Klüger ist 84 Jahre alt, Jüdin, geborene Wienerin, was man hören kann, Feministin, was der ungewohnten Anrede anzumerken ist. Sie überlebte Auschwitz mit einem Trick und war Zwangsarbeiterin im Konzentrationslager Christianstadt in Niederschlesien. Jetzt erzählt sie also "ein bisschen" von sich – zum Beispiel wie es ihr gelang, sich in Auschwitz "in eine Selektion einzuschmuggeln", in der Zwangsarbeiterinnen rekrutiert wurden. Bundeskanzlerin Angela Merkel hört der Rede teilweise mit geschlossenen Augen zu. Eigentlich hätte Klüger ermordet werden sollen: Sie war erst zwölf, drei Jahre zu jung für die Zwangsarbeit.

Vom Winter 1944/45 erzählt Klüger, in dem sie im Steinbruch arbeiten musste, wo es "zum Verrecken kalt" war. Zur Arbeit sollten die Häftlinge im Gleichschritt marschieren. "Es freute mich in meinem kindlichen, vorfeministischen Widerstandstrotz, dass man jüdische Hausfrauen nicht veranlassen konnte, im Schritt zu gehen. Wir waren nicht aufs Marschieren gedrillt worden. Männer konnte man leichter dazu trainieren."

Klügers Bericht ist fesselnd, weil sie die Erlebnisse der zwölf-, dreizehnjährigen Zwangsarbeiterin mit Gedanken und Erfahrungen späterer Jahre verbindet. Und weil sie, die kalifornische Germanistik-Professorin, großartig erzählen kann. Sie erzählt von einem SS-Mann, der ihr voller Wucht ins Gesicht geschlagen hatte. Sie habe geschimpft: "Es wird ihn schon noch erwischen, den Kerl, der mich geschlagen hat, früher oder später erwischt's ihn." Dann erzählt sie, wie sie Jahrzehnte später in Göttingen, wo sie Gastprofessorin war, einen Mann im Rentneralter hört, der sich über "die schmarotzenden Ausländer aus Polen" aufregte. "Die Ausländer, die sollt' man vergasen und die Politiker gleich dazu", habe der gesagt. Sie schätzt sein Alter, denkt: Der ist alt genug, der könnte es gewesen sein. "Wir sehen uns in die Augen, Freunderl, wir kennen uns. Da sagt er mit festem, höhnischem Blick: 'Ja, ja, Sie haben schon richtig gehört.'"

"Von Verwunderung zu Bewunderung"

Ruth Klüger erzählt einige solcher Geschichten, die meisten lässt sie einfach für sich sprechen. Am Ende ihrer Rede sagt sie, sie habe nun "eine ganze Weile über moderne Versklavung als Zwangsarbeit in Nazi-Europa gesprochen und Beispiele aus dem Verdrängungsprozess zitiert, wie er im Nachkriegsdeutschland stattfand". Seither aber seien drei neue Generationen aufgewachsen, "und dieses Land, das vor 80 Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich war, hat heute den Beifall der Welt gewonnen, dank seiner geöffneten Grenzen und der Großzügigkeit, mit der Sie syrische Flüchtlinge aufgenommen haben und noch aufnehmen". Hier applaudiert der Bundestag. Klüger spricht weiter. Sie sei eine der vielen Außenstehenden, die "von Verwunderung zu Bewunderung" übergegangen seien. "Das war der Hauptgrund, warum ich mit Freude Ihre Einladung angenommen und die Gelegenheit wahrgenommen habe, in diesem Rahmen, in Ihrer Hauptstadt, über die früheren Untaten sprechen zu dürfen, hier, wo ein gegensätzliches Vorbild entstanden ist und trotz Hindernissen und Ärgernissen noch weiter entsteht, mit dem schlichten und dabei heroischen: Wir schaffen das."

Bundestagspräsident Norbert Lammert ist vermutlich nicht der Einzige, der schlucken muss. Er dankt Ruth Klüger und sagt: "Im Bewusstsein der Verantwortung unseres Landes, an die Sie uns gerade erinnert haben, bekräftige ich Ihre Zuversicht: Wir schaffen das."

Hier finden Sie Ruth Klügers Rede zum Nachlesen.

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Quelle: n-tv.de

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