Politik
Zum Lachen und Feiern gibt es im Kongo sonst wenig Anlass.
Zum Lachen und Feiern gibt es im Kongo sonst wenig Anlass.
Montag, 13. Februar 2017

Irre Idee: Konzerte im Krieg: Friedensfestival beginnt mit Schüssen

Von Simone Schlindwein, Goma

Im Kriegsgebiet des Ostkongo ein Festival zu organisieren ist eine gewagte Aktion. Noch bevor die ersten Besucher kommen knallen Schüsse: Dennoch wird drei Tage lang gefeiert.

Mit Schüssen, einem Toten und einem Schwerverletzten startete das Friedensfestival im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Ein sturzbetrunkener Polizist hatte in der Nacht vor Konzertbeginn mit seiner Kalaschnikow herumgeballert, während die Bühne aufgebaut wurde. Ein Künstler starb direkt, ein anderer wurde schwerverletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Er schwebt noch immer in Lebensgefahr.

"Amani" bedeutet Frieden auf Kisuaheli.
"Amani" bedeutet Frieden auf Kisuaheli.

Am frühen Morgen ist der Staub neben der Bühne noch blutgetränkt. Ein paar Dutzend Polizisten sitzen bedröppelt auf Stühlen daneben, nippen verstohlen an Plastikflaschen mit selbstgebranntem Schnaps. Nur die wenigsten von ihnen haben eine Polizeiausbildung. Das 2012 mit internationalen Hilfsgeldern errichtete Polizeitrainingslager steht leer. Seit Beginn des Bürgerkrieges in den 1990er Jahren wurden dort nur rund 2000 Polizisten eingewiesen – fast alles ehemalige Rebellen, die in die Sicherheitsorgane integriert wurden. Sie wissen, wie man schießt, aber nicht, wie man für Sicherheit sorgt.

So beginnt die dreitägige Party nicht mit lauten Bässen, sondern mit einer Schweigeminute: "Wir gedenken unserem Freund und Mithelfer Djoo Paluku, der in der vergangenen Nacht von uns gegangen ist", verkündet Festival-Direktor Vienney Bisiwma von der Bühne herab durch das Mikrofon. Ein Raunen und Schluchzen geht durch das Publikum, viele bekreuzigen sich.

Nur wenige tausende Menschen haben sich am Freitagnachmittag auf das Gelände des Mwanga-Collèges im Herzen der ostkongolesischen Provinzhauptstadt Goma getraut. Die nächtliche Schießerei hat viele verunsichert. Es war kein guter Start für das dreitägige Festival unter dem Motto "Spielen für Veränderung – singen für Frieden". Einmal mehr wird deutlich, wie weit der krisengeplagte Ostkongo noch immer vom Frieden entfernt ist.

Selbst Touristen aus Europa kommen

In einem Kriegsgebiet ein dreitägiges Festival zu organisieren, ist ohnehin eine irre Idee. "Wir spielten jahrelang mit dem Gedanken", erinnert sich Direktor Bisimwa. Junge Künstler und Musiker hatten sie 2012 in einem Jugendhaus in Goma ausgeheckt. Damals bekriegten sich in den Bergen nördlich von Goma 50 Milizen, täglich kam es zu Massakern. Schulen waren geschlossen, Jugendliche griffen zur Kalaschnikow. In Goma schlugen Bomben ein, das erste Festival musste verschoben werden, das zweite fiel komplett aus, weil Rebellen die Stadt erobert hatten. "Wir wollten ein Zeichen setzen, dass wir vom Krieg und Unsicherheit genug haben", so Bisimwa.

Letztlich kommen am Samstag und Sonntag aber dann doch abertausende Menschen, selbst Touristen aus Europa. "Ausverkauft" steht am Sonntag auf der Festival-Webseite. 35.000 Menschen hatten online oder vor Ort Tickets gekauft. Sogar Straßenkinder erstehen von ihrem Bettelgeld noch eine Eintrittskarte für einen Dollar.

Zum Lachen und Feiern gibt es im Kongo sonst wenig Anlass. Umso mehr tanzt jetzt die Menge. Musiker, DJs und Tanzgruppen aus allen Ecken des Landes sind angereist, selbst aus den Nachbarländern Ruanda, Burundi, Uganda und Kenia, aus Belgien und Südafrika. Als die burundischen Sänger Alfred und Bernard ihre traditionellen Instrumente anstimmen, tobt die Menge. Die beiden Gewinner des ostafrikanischen Musikawards 2011 präsentieren in Goma ihr neues Album. "Wir sind echt froh, heute mit unseren kongolesischen Brüdern feiern zu können, denn auch in unserem Land brauchen wir dringend Frieden", sagt Bernard später auf einer Pressekonferenz. In Burundi würden schon seit zwei Jahren aufgrund der Dauerkrise keine Konzerte mehr stattfinden.

Rund um die Bühnen präsentieren sich Jungunternehmer und lokale Nichtregierungsorganisationen mit Ständen. Da kann man lokalen Kaffee probieren oder Ingwerwein. Behinderte Frauen verkaufen selbstgemachte Kleider aus bunten Stoffen. Die Jugendorganisation "Don Bosco Ngandi" stellt Schnitzereien aus, die Straßenkinder gefertigt haben. Thierry Masembe, der Chef der Gruppe, feuert die Kinder an, die vor dem Stand akrobatische Kunststücke vollziehen. "Um Frieden herzustellen, brauchen die Jugendlichen etwas zu tun: eine Ausbildung", sagt er. "Nach 20 Jahren Krieg werden sie alle in einer Gewaltkultur groß."

Quelle: n-tv.de

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