Politik
"Im Namen des Volkes": Den Namen der von ihr weichgespülten, einst rechtsradikalen Partei sucht man auf diesem Bild vergeblich.
"Im Namen des Volkes": Den Namen der von ihr weichgespülten, einst rechtsradikalen Partei sucht man auf diesem Bild vergeblich.(Foto: AP)

Chaos-Wahlkampf in Frankreich: Für Le Pen läuft es traumhaft

Von Alexander Oetker

Einen besseren Wahlkampf hätte sich Marine Le Pen nicht im Traum ausdenken können: Günstiger als in diesen Chaos-Wochen vor der Präsidentschaftswahl 2017 könnte es für sie nicht laufen.

Nun also auch noch das: In Marseille wurden am Dienstag zwei radikalisierte Männer festgenommen, die womöglich einen Anschlag noch vor der Präsidentschaftswahl verüben wollten. Mit Hochdruck ermitteln die Behörden derzeit, wo die beiden Islamisten zuschlagen wollten. 50.000 Polizisten und Gendarmen sollen die erste Wahlrunde am Sonntag und die zweite Wahlrunde in zweieinhalb Wochen absichern.

Die Festnahmen beweisen, dass derlei Sicherheitsaufgebot notwendig ist. In einem Land, dass sich immer noch im Ausnahmezustand befindet.

Und eine wird nicht müde, genau darauf hinzuweisen. Marine Le Pen, ganz in rot gewandet, unterstreicht auf einer Großkundgebung in Paris noch einmal, dass Europas Grenzenlosigkeit schuld sei an der Massenzuwanderung und damit auch am Terrorismus.

Dass Frankreichs Terroristen der letzten Jahre mehrheitlich französische Staatsbürger waren, Söhne von Algeriern und Tunesiern zwar, aber eben doch Bürger der Republik mit Vorfahren aus französischen Kolonien, das verschweigt sie. Die neuerliche Terrorwarnung und die Festnahmen spielen ihrem Hauptthema, der Sicherheit, bestens in die Karten.

Ähnliche Themen, ähnliche Umfragewerte

Und doch unterscheidet sich ihre Großkundgebung gar nicht so sehr von der ihres schärfsten Konkurrenten. Bei Emmanuel Macron werden noch mehr Frankreich-Fahnen geschwenkt, 20.000 Menschen sollen zu seiner Kundgebung gekommen sein. Und auch Macron spricht über Sicherheit. Will sogar die Wehrpflicht wieder einführen, um Frankreich nach außen und innen zu verteidigen. Und dann ist da noch Franҫois Fillon, Spitzenkandidat der Konservativen. Er sagt immer wieder, Frankreich befinde sich im "Krieg" gegen den Terror.

Auch Macron hat vom Chaos des Wahlkampfes profitiert. Sein Sieg ist jedoch keineswegs sicher.
Auch Macron hat vom Chaos des Wahlkampfes profitiert. Sein Sieg ist jedoch keineswegs sicher.(Foto: imago/PanoramiC)

So weit liegt der Duktus also gar nicht auseinander in diesen Tagen.

Genauso haben sich die Umfragewerte angenähert. Führte Marine Le Pen vor Monaten noch deutlich in der ersten Runde, so liegt das Feld jetzt viel näher beieinander. In den meisten Umfragen liegt Le Pen nun gleichauf mit dem unabhängigen Bewerber Emmanuel Macron, auf ein wenig über 20 Prozent kommen beide. Es folgt mit etwa 20 Prozent Franҫois Fillon von Les Republicains. Nach der Vorwahl der Konservativen war der Mann noch der Favorit für die zweite Runde. Dann schoss er sich mit der möglichen Scheinbeschäftigung seiner Frau selbst ins Abseits, die Justiz ermittelt. Statt zurückzustecken und einem anderen konservativen Kandidaten das Feld zu überlassen, blieb er im Rennen und rückt nun wieder näher an Macron und Le Pen heran.

Gefolgt vom Vierten im Bunde, dem Überraschungsmann: Jean-Luc Mélenchon, 65 Jahre alt und ein echter Linksaußen. Mélenchon hatte genau wie Macron keine Lust auf die Vorwahl bei den Sozialisten, ließ dort den unpopulären Benoit Hâmon gewinnen und trat dann einfach selbst an – um Hâmon inhaltlich und in den Umfragen links zu überholen.

Showdown zwischen Mélenchon und Le Pen ist nicht ausgeschlossen

Kleine Kostprobe: Mélenchon will die Rente mit 60, eine Wochenarbeitszeit von 32 Stunden, eine 100-prozentige Übernahme aller Krankheitskosten durch die Versicherung. Und einen Mindestlohn von 1700 Euro. Das klingt so, als würde nicht nur Gott in Frankreich leben. Sondern als sei das Land bald wirklich das Paradies für jeden.

Nur geben weder die fiskale Wirklichkeit im Land noch die Wachstumsaussichten der französischen Unternehmen einen solchen Wohltatenkatalog her. Daher hat Mélenchon den Schuldigen für die Misere auch gleich ausgemacht und liegt damit auf einer Linie von – na, wem? Genau: Marine Le Pen.

Auch der Ultralinke sieht die Europäische Union als Krisentreiber. Will die europäischen Verträge als Präsident neu verhandeln. Und wenn das nicht gelingt, aus Euro und EU austreten.

Sollte es also zum Showdown kommen, einer Stichwahl zwischen Le Pen und Mélenchon, dann könnte dieser Wahlsonntag der Anfang vom Ende der Europäischen Union werden. Denn da sind sich Europapolitiker aller Couleur einig: Ohne Frankreich kein Euro. Und auch die EU selbst ist ohne das zweitgrößte Mitgliedsland nur schwer vorstellbar.

Zudem wäre bei einer Stichwahl der beiden wohl wirklich nicht klar, ob es nicht doch reichen könnte für Marine Le Pen. Denn die konservativen Franzosen vor allem auf dem Lande würden mit geballter Faust wohl eher Le Pen ihr Kreuz geben als dem Linken Mélenchon.

Aber so weit ist es ja noch nicht: Noch liegen Macron und Le Pen ein Stück weit vorne. In der Stichwahl am 7. Mai würde Macron seine rechte Rivalin dagegen deutlich schlagen. Das sagen die Umfragen derzeit. Doch auch das ist nur eine Momentaufnahme, in einem Land, das den wohl chaotischsten Wahlkampf der Fünften Republik erlebt.

Alexander Oetker war langjähriger n-tv Frankreich-Korrespondent und ist nun politischer Korrespondent im RTL-Hauptstadtstudio. Er ist außerdem Autor der Krimireihe um den französischen Kommissar Luc Verlain. Der erste Band "Retour: Luc Verlains erster Fall" ist gerade erschienen und landete prompt auf der "Spiegel"-Bestsellerliste.

Quelle: n-tv.de

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