Politik

"Kein System garantiert Gleichheit": Gauck spricht im "Straßenfeger"

In einem Interview mit einer Obdachlosenzeitung skizziert Bundespräsident Gauck seine Vorstellung von der Gesellschaft: "Es wird immer Unterschiede geben zwischen denen, die mehr, und denen, die weniger haben." Und: "Wer sich nicht mehr selbst helfen kann, dem muss geholfen werden."

(Foto: picture alliance / dpa)

Bundespräsident Joachim Gauck hat in einem Interview mit der Berliner Obdachlosenzeitschrift "Straßenfeger" zu Solidarität und Chancengleichheit aufgerufen. "Der, der unten ist, muss hoch kommen können", sagte Gauck. "Wenn wir es dauerhaft nicht schaffen, Kindern aus unterschiedlichen Elternhäusern wenigstens annähernd gleiche Chancen mit auf den Weg zu geben, dann läuft etwas ganz falsch." Anstrengung müsse sich lohnen, die Verbesserung der eigenen Lage müsse möglich sein. Das Interview erscheint in der kommenden Woche im "Straßenfeger" und anderen Straßenmagazinen.

"Woran ich allerdings nicht glaube, ist eine Gesellschaft, in der es allen Menschen gleich gut geht", fuhr Gauck fort. "Kein System garantiert Gleichheit. Es wird immer Unterschiede geben zwischen denen, die mehr, und denen, die weniger haben." Hinnehmbar sei das aber nur, solange die Bürger gleiche Rechte hätten. Menschen dürften nicht derart wenig Mittel zur Verfügung haben, dass sie vom gesellschaftlichen Leben faktisch ausgeschlossen seien.

Viele Menschen, die nicht Teil der herkömmlichen Arbeitswelt seien, unterschätzten auch ihre Möglichkeiten, sich als aktive Bürger einzubringen, erklärte Gauch. "Arme, arbeitslose Menschen sind nicht nur Transferempfänger. Sie sollten, so weit es irgendwie möglich ist, Verantwortung für sich übernehmen." Dafür müssten Jobcenter und Arbeitsagenturen in der Lage sein, auch Langzeitarbeitslose in Trainingsprogramme zu bringen. "Anders ausgedrückt: Ich bin gegen eine rein paternalistische Fürsorgepolitik und für einen Sozialstaat, der die großen Lebensrisiken absichert und vor allem auch vorsorgt und ermächtigt."

"Ich nenne es Solidarität"

Zu Kritik, wonach das Problem der Obdachlosigkeit in Deutschland verkannt werde, meinte Gauck: "Der Staat und die Wohlfahrtsverbände finden sich mit Obdachlosigkeit nicht ab. Sie bekämpfen sie auf vielfältige Weise." Vor allem müsse denen geholfen werden, die nicht mehr für sich selbst sorgen könnten. "Wer sich nicht mehr selbst helfen kann, dem muss geholfen werden. Wenn wir das nicht tun, berauben wir diese Menschen ihrer Würde. Mag sein, dass manche es Überversorgung nennen. Ich nenne es Solidarität."

Gauck kritisierte auch Fälle, wo Obdachlose von öffentlichen Plätzen vor Supermärkten oder Bahnhöfen vertrieben würden. "Wenn ich das Wort 'Vertreibung' höre, dann werde ich ganz allergisch." Zur Öffentlichkeit gehörten auch Obdachlose. Nicht diejenigen sollten die Maßstäbe setzen, die sich durch den Anblick von Obdachlosen gestört fühlten. "Unsere Maßstäbe setzt das Grundgesetz. Und da steht als erster Satz: 'Die Würde des Menschen ist unantastbar'."

Quelle: n-tv.de

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