Politik
Nötigt zu Kommentaren: Günter Grass.
Nötigt zu Kommentaren: Günter Grass.(Foto: REUTERS)

"Lyrischer Erstschlag geführt": Grass schlägt hohe Wellen

ein Kommentar von Samira Lazarovic

Lyrisch verbrämt traut sich Günter Grass zu sagen, "was gesagt werden muss": "Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden". Prompt wird diskutiert, ob das noch gesunde Kritik oder bereits antisemitisch ist. Ein 84-Jähriger fühlt sich erhört, mancher Stammtisch bestätigt. Ermüdend. Und wenig zweckdienlich.

Auszüge aus Grass' Gedicht

"Doch warum untersage ich mir, jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten – ein wachsendes nukleares Potential verfügbar aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung zugänglich ist. (…)

Jetzt aber, weil aus meinem Land, das von ureigenen Verbrechen, die ohne Vergleich sind, Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt, wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert, ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden soll, dessen Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin zu lenken, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist. (…)

Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden? Weil gesagt werden muß, was schon morgen zu spät sein könnte; auch weil wir – als Deutsche belastet genug – Zulieferer eines Verbrechens werden könnten, das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden zu tilgen wäre. (…)

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, mehr noch, allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben und letztlich auch uns zu helfen."

(Quelle: Süddeutsche Zeitung)

Es gibt eine Art Spiel in den deutschen Medien: Eine öffentliche Figur, gerne ein Politiker oder Schriftsteller, greift in einer Rede auf einen Hitler- oder Goebbels-Vergleich zurück oder vergleicht Israel mit dem Apartheidregime und kann sich in den folgenden Tagen und Wochen der medialen Aufmerksamkeit gewiss sein. Meistens war der Hitler-Vergleich nur ein "Ausrutscher" - auch wenn er schon im Redetext stand. Und die Israel-Kritik wird mit einem "Das wird man ja noch einmal sagen dürfen", dem Hinweis auf die hinreichende Buße in Sachen Holocaust und der Fußnote, man könne gerade als Freund des Landes nicht schweigen, unterstrichen.

Anschließend kommt die andere Seite zu Wort: Vertreter der jüdischen Gemeinden oder des Zentralrats der Juden in Deutschland sollen das Gesagte auf den Antisemitismus-Gehalt prüfen und müssen noch einmal geduldig auf den Unterschied zwischen Juden und Israelis hinweisen. Auch Diplomaten und Politiker aus Israel kommen zu Wort, gerne mit biblischen Verweisen, besonders um die Oster- und Pessach-Zeit. Nach einer Weile legt sich die Aufregung. Doch weder die Frage nach dem modernen Antisemitismus noch die Diskussionen um den Nahost-Konflikt werden damit geklärt oder auch nur vorangebracht. Stattdessen bleibt der schale Nachgeschmack, dem Geltungsbedürfnis einer öffentlichen Person aufgesessen zu sein. Denn solche Vergleiche oder Überlegungen sind alles andere als zufällig.

Nicht antisemitisch, nur pathetisch

Nun also Günter Grass: Seine Herkunft, "die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist", habe ihm bisher verboten, dem Staat der Juden Tatsachen als "ausgesprochene Wahrheit" zuzumuten, der "Heuchelei des Westens" sei er aber nun überdrüssig. Für Grass ist klar: "Ich schweige nicht mehr". Das schreibe er "gealtert und mit letzter Tinte". Fast wünschte man sich, er hätte den Rest in seinem Tintenfass für etwas anderes genutzt, eine hübsche Zeichnung vielleicht. Stattdessen muss sein Schriftstellerkollege Ralph Giordano ihm einen "Anschlag auf Israels Existenz" vorwerfen, Henryk M. Broder den "Prototypen des gepflegten Antisemiten" ausfindig machen und das Gedicht von allen Seiten auseinandergenommen werden. Wo sind hier die Fakten, hat Grass Ursache und Wirkung verwechselt? Ist es denn nicht so, dass der iranische Präsident Israel mit Vernichtung bedroht und nicht umgekehrt? In Zeiten sozialer Netzwerke wird dann auch bei Facebook, Twitter & Co kräftig über den "lyrischen Erstschlag von deutschem Boden aus" diskutiert.

Wenn es Günter Grass darum gegangen ist, die Schlagzeilen zu beherrschen, dann ist ihm das gelungen. Wenn es ihm um einen konstruktiven Beitrag zur Israel-Iran-Krise gelegen war, dann ist er kläglich gescheitert und wäre besser dran gewesen, etwa einige der zahlreichen Friedensaktivisten, die sich mit diesem Thema befassen, zu unterstützen und ihnen seine prominente Stimme zu verleihen.

"Günter Grass ist kein Antisemit, er ist nicht anti-israelisch", glaubt der israelische Historiker Tom Segev, der noch nie im Verdacht stand, sein Land zu verklären. Dass Grass Iran mit Israel gleichsetze, findet Segev nichtsdestotrotz problematisch. Israel habe schließlich "noch von keinem Land gesagt, dass es aus der Welt geschafft werden muss", wie es der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad "Tag für Tag" über Israel wiederhole. Es gebe in Israel schon lange eine Debatte, ob das Land den Iran angreifen solle oder nicht. Ansonsten empfinde er das Grass-Gedicht als etwas "pathetisch" und "egozentrisch".

Quelle: n-tv.de

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