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Von türkischem Gebiet aus beschießt die Türkei die kurdischen Kämpfer in Syrien.
Von türkischem Gebiet aus beschießt die Türkei die kurdischen Kämpfer in Syrien.(Foto: AP)

Syrien: die aktuelle Lage: Greift die Türkei in den Krieg ein?

Von Hubertus Volmer

Die Türkei kämpft gegen die Kurden, die Kurden rücken in Syrien im Windschatten der Russen vor, sind aber wie Saudi-Arabien auch mit den USA verbündet. In Rakka könnten sich alle treffen. Ein Überblick.

Welche Folgen hat der Anschlag von Ankara für den Syrien-Krieg?

Das ist noch nicht absehbar. Die türkische Regierung macht die syrisch-kurdischen Volksverteidigungseinheiten von der YPG für den Anschlag vom Mittwoch verantwortlich. Die YPG selbst bestreitet, etwas mit dem Attentat zu tun zu haben. Wer Recht hat? Das ist Spekulation. Sicher ist, dass eine YPG-Verwicklung der Türkei gut ins Konzept passen würde.

Die türkische Armee greift von der Türkei aus YPG-Stellungen in Syrien an. Darüber hinaus hat sich türkische Regierung bereiterklärt, Bodentruppen ins Nachbarland zu schicken. Das wäre eine hochriskante Strategie: Sie würden dort früher oder später auf russische Truppen stoßen. Das Horrorszenario: Über die Türkei wird die Nato in einen Krieg mit Russland gezogen.

Wie ist die Situation in der Region Aleppo?

Hilfskonvoi in der Nähe von Damaskus.
Hilfskonvoi in der Nähe von Damaskus.(Foto: AP)

Anzeichen für eine Feuerpause gibt es nicht. Am Mittwoch erreichten endlich die ersten UN-Hilfskonvois eine Reihe belagerter Städte im Norden Syriens. In Damaskus bereitete der Rote Halbmond mehr als 100 Lastwagen mit Hilfsgütern für den Transport in belagerte Städte vor. Sie sollen zu fünf eingekesselten Orten bei Damaskus und in der Provinz Idlib aufbrechen.

Was passiert, wenn Aleppo fällt?

Hilfsorganisationen warnen vor einem dramatischen Anstieg der Flüchtlingszahlen. "In Aleppo ist die Situation für die Bevölkerung bereits dramatisch", sagte die Präsidentin der Welthungerhilfe, Bärbel Dieckmann. "Wenn die Stadt fällt, ist mit bis zu 250.000 weiteren Flüchtlingen zu rechnen." In den vergangenen Tagen sind bereits Zehntausende Bewohner aus Aleppo an die türkische Grenze geflohen und sitzen dort fest.

Wie ist der militärische Stand im Syrien-Krieg?

Russlands Präsident Wladimir Putin hat sein erstes Ziel bereits erreicht: Das Regime von Präsident Baschar al-Assad, das im Sommer 2015 zu wanken schien, ist militärisch stabilisiert. Seit Ende September fliegt die russische Luftwaffe Angriffe auf Assads Gegner in Syrien – vor allem auf jene, die aus Sicht des Westens moderate Aufständische, aus russischer Sicht Terroristen sind.

Derzeit sind die Truppen des syrischen Regimes auf dem Vormarsch, vor allem in der Region um die Stadt Aleppo, von der aus es 90 Kilometer in Richtung Norden bis zur türkischen Grenze sind. Nördlich von Aleppo rücken im Windschatten der russischen Luftangriffe auch die Kämpfer der YPG vor.

Die syrische Armee bereitet sich zudem auf einen Vormarsch in die Provinz Rakka vor. "Zurzeit ist unsere Priorität, die Grenze zur Türkei zu schließen, um die Versorgung aller Rebellengruppen zu kappen", sagte ein syrischer Kommandeur dem CNN-Reporter Frederik Pleitgen kürzlich. Doch Ende des Jahres, wenn Aleppo eingenommen ist, könne man in der Stadt Rakka sein, der inoffiziellen Hauptstadt des sogenannten Islamischen Staats.

Bombardiert in Rakka nicht auch die US-Luftwaffe?

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Russland wirft den USA zwar vor, für die Luftangriffe auf Krankenhäuser im Norden Syriens verantwortlich zu sein, für die der Westen Russland verantwortlich macht. Diese Angriffe fanden aber in den westlichen Provinzen Aleppo und Idlib statt. Die US-Armee fliegt nach eigenen Angaben nur Angriffe im Osten Syriens. Dass die Amerikaner dort bombardieren, wo die russische Luftwaffe die Eroberung einer Stadt vorbereitet, ist unwahrscheinlich.

Sollten die Regime-Truppen nun mit russischer Unterstützung auf Rakka vorrücken, könnte es zu einem Aufeinandertreffen der beiden Militärbündnisse kommen, die bislang weitgehend unabhängig voneinander in Syrien kämpfen: auf der einen Seite die russisch-syrische Koalition, auf der anderen Seite das von den USA geführte Bündnis.

Eine großangelegte Bodenoffensive in Rakka hat die US-Regierung zwar ausgeschlossen. Der amerikanische Verteidigungsminister Ashton Carter bat Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate aber, Elitetruppen für den Kampf um Rakka zur Verfügung zu stellen. Bereits seit Wochen kämpfen in der Region die von den USA unterstützten kurdisch-arabischen Demokratischen Kräfte Syriens (SDF). Anfang Januar eroberten sie mehrere Dörfer nördlich von Rakka. Den Demokratischen Kräften Syriens gehört auch die YPG an.

Wer kämpft überhaupt in Syrien?

Auf der Seite des syrischen Regimes sind das neben den verbliebenen einheimischen Soldaten vor allem die russische Luftwaffe sowie Berichten zufolge auch russische Spezialeinheiten. Bereits seit Jahren kämpft die libanesisch-schiitische Hisbollah für Assad, außerdem iranische Truppen sowie schiitische Söldner aus Ländern wie Afghanistan und Pakistan, die teils gegen ihren Willen vom Iran nach Syrien geschleust werden.

Gegen das syrische Regime kämpfen sehr unterschiedliche Gruppierungen. Die größten sind die Nusra-Front, die zum Terrornetzwerk Al-Kaida zählt, die Islamische Front, deren Chef im Dezember bei einem Luftangriff nahe Damaskus getötet worden war, und die Freie Syrische Armee. Daneben gibt es zahlreiche lokale Bündnisse. Der Osten Syriens wird nach wie vor vom IS gehalten, dessen Verhältnis zum Regime zwiespältig ist – einerseits ist man verfeindet, andererseits wäre der IS ohne Syriens Mithilfe nie so groß geworden. Im Norden schließlich stehen kurdische Truppen der YPG.

Die US-geführte Koalition umfasst zwar zahlreiche Länder, wird allerdings vor allem von den USA getragen und beschränkt sich derzeit auf Luftangriffe. Die syrische Regierung hat in einem Brief an die Vereinten Nationen behauptet, zwölf mit Waffen und Munition beladene Lastwagen hätten am Wochenende die Grenze zu Syrien überquert. Auch "hundert Bewaffnete, darunter türkische Soldaten und Söldner" seien dabei gewesen. Die Regierung in Ankara hat das bestritten.

Am Mittwoch überquerten nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte mindestens 500 bewaffnete Kämpfer die türkisch-syrische Grenze, um den Fall der Stadt Azaz in der Provinz Aleppo zu verhindern. Bereits am Sonntag hatten laut der Beobachtungsstelle knapp 350 Kämpfer mit schwerem und leichtem Gerät zur Verstärkung die türkisch-syrische Grenze passiert.

Welche Rolle spielen die Kurden?

Die YPG ist der militärische Arm der syrisch-kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD). Die wiederum ist eine Schwesterorganisation der türkisch-kurdischen PKK, die von der Türkei, aber auch von der Europäischen Union und den USA, als Terrorgruppe betrachtet wird. Zugleich ist die YPG in Syrien faktisch mit den USA verbündet (mehr hier).

Die Türkei sieht die YPG dagegen nicht nur als Terrorgruppe, sie kämpft auch gegen sie. Seit Tagen beschießt die türkische Armee von der Türkei aus Gebiete in Syrien, die von der YPG gehalten werden. Ankara sagt, die YPG sei mit dem Assad-Regime verbündet; Ministerpräsident Ahmet Davutoglu sagte, die YPG-Kämpfer seien "russische Legionäre und Söldner". Die PYD erklärte nach dem Anschlag in Ankara, sie betrachte die Türkei nicht als Feind.

Warum fordert Merkel erst jetzt eine Flugverbotszone?

Die Türkei fordert eine Flugverbotszone im Norden Syriens schon seit Monaten, doch erst seit kurzem haben sich westliche Regierungen dieser Forderung angeschlossen. Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht sich seit ein paar Tagen für eine Zone aus, in der Flüchtlinge versorgt werden könnten. Doch jetzt ist es zu spät: Russland lehnt ein Flugverbot ab, weil es über eine solche Sicherheitszone keine Kontrolle hätte. Gegen Russland aber kann die Nato keine Flugverbotszone einrichten – sie müsste ansonsten ja russische Kampfjets abschießen.

Dass der Westen die türkischen Forderungen nach einer Flugverbotszone nicht früher aufgriff, hat Gründe: Der Regierung in Ankara wurde unterstellt, sie wolle damit nur verhindern, dass die kurdischen Milizen in Syrien es schaffen, die von ihnen gehaltenen Gebiete zu einer territorialen Einheit zusammenzuführen. Auch gibt es in den USA keine Bereitschaft, sich über die Luftangriffe hinaus in Syrien zu engagieren.

Aber grundsätzlich hat Merkel natürlich Recht: "Es würde ... viele, viele Menschen beruhigen, wenn in Aleppo und dem Gebiet bis zur Türkei niemand mehr umkommen müsste und sich nicht weitere Menschen auf die Flucht machen müssten."

Quelle: n-tv.de

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