Politik
Eine Delta-4-Rakete bringt im August 2013 einen US-Satelliten ins All. Der Auftrag: geheim.
Eine Delta-4-Rakete bringt im August 2013 einen US-Satelliten ins All. Der Auftrag: geheim.(Foto: Reuters)
Donnerstag, 13. August 2015

Kriegsgefahr im Weltraum: Großmächte rüsten im Orbit auf

Von Benjamin Konietzny

In den 1980er-Jahren brennt das Thema: SDI, oder "Star Wars", es geht um Rivalitäten im All. Nach dem Ende des Kalten Krieges wird es ruhiger. Jetzt stellen sich die irdischen Großmächte im Weltraum militärisch neu auf.

Die Aufrüstung vollzieht sich leise. Denn das Schlachtfeld, auf dem sich die USA, Russland und China derzeit massiv positionieren und neu ordnen, findet sich auf keiner Landkarte. Die drei Großmächte bringen derzeit mehr hoch entwickelte Waffentechnik dort hin als je zuvor. Im erdnahen Orbit stellen sich die drei Staaten militärisch neu auf. Und auch auf der Erde werden Vorbereitungen auf einen derartigen Konflikt getroffen.

Ein Krieg im All - wie sähe das aus? Science-Fiction-Enthusiasten wären enttäuscht: Es gäbe weder bemannte Raumschiffe, keine wilden Schlachten, keine alles zerstörenden Todesstrahlen. Ein Krieg im All zielt auf die Zerstörung von Satelliten und Satellitenkonstellationen, die die Basis moderner Kommunikation, Navigation, der Wissenschaften und nicht zuletzt der militärischen Aufklärung bilden.

Die Zerstörung nur eines Teils dieser rund 1300 Satelliten umfassenden Armada, die um die Erde kreist, würde die Menschheit auf eine Zeitreise in die Vergangenheit schicken. "Eine breite Zerstörung im Orbit würde die Zivilisation zurück ins Zeitalter der Industrialisierung versetzen, sagt etwa John Hyten, Luftwaffengeneral der US Air Force dem Sender "CBS". Die unangefochtene Überlegenheit im All halten die USA, doch Russland und China rüsten energisch auf.

Laserstrahlen und Mikrowellen

Weiß mehr, als er sagen darf: James Clapper.
Weiß mehr, als er sagen darf: James Clapper.(Foto: REUTERS)

Den schon lag gehegten Befürchtungen der US-Militärs verlieh der Direktor der nationalen Nachrichtendienste der USA, James Clapper, Ausdruck, als er vor dem US-Kongress sagte, China und Russland arbeiteten beide an Möglichkeiten, um anderen Staaten den satellitengestützen Zugang zu Konflikten zu verwehren  - etwa im Südchinesischen Meer oder im Ukraine-Konflikt. Insbesondere China arbeite an Möglichkeiten, Satelliten anderer Staaten zu stören, zu beschädigen oder sogar zu zerstören.

Möglichkeiten dazu bieten nicht nur Raketen oder Geschosse, die Satelliten beschädigen oder vernichten. Unbemannte Raumschiffe könnten Farbe auf die optischen Sensoren sprühen, manuelle Teile der Kommunikation beschädigen oder den Satelliten in seiner Ausrichtung im Orbit destabilisieren. Laserstrahlen oder Mikrowellen könnten eingesetzt werden, um die sensiblen Sensoren und Kommunikationskomponenten der Trabanten außer Gefecht zu setzen.

Um derartige Gefahren abzuwehren, hat das überragende militärische Schwergewicht im All - die USA - kräftig aufgerüstet: Mindestens fünf Milliarden Dollar hat die Regierung Obama für die nächsten fünf Jahre durchgewunken, um die offensiven und defensiven Kapazitäten im All zu stärken. US-Staatssekretär Frank Rose sagt: "Die Vereinigten Staaten möchten keinen Konflikt im All. Aber lassen Sie es mich klar ausdrücken: Wir werden die US-Anlagen im All mit aller Kraft verteidigen, wenn sie angegriffen werden."

Inspektionssatelliten zu Waffen umfunktionieren

Welche Waffen von den USA bereits im All bereits positioniert wurden, ist schwer abzuschätzen. Zwar antwortete das US-Verteidigungsministerium auf eine entsprechende Anfrage des US-Investigativmagazins "60 Seconds", es besitze keine Waffen im All. Doch es wäre ein leichtes, Inspektionssatelliten, die eigentlich zu Reparaturen und zur Wartung anderer Satelliten ins All geschossen werden, dafür einzusetzen, feindliche Satelliten auszuschalten. Der Großteil der Erdbegleiter, rund 500 der 1300 aktiven Satelliten im Orbit, wird von US-Unternehmen oder der Regierung betrieben. Die Anzahl amerikanischer Inspektionssatelliten hat nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters zuletzt stark zugenommen.

1985: Ein F-15-Jet feuert eine Rakete ab, die kurze Zeit später einen Satelliten im Orbit zerstört.
1985: Ein F-15-Jet feuert eine Rakete ab, die kurze Zeit später einen Satelliten im Orbit zerstört.

Die Furcht vor einem Krieg im All ist nicht neu: Aus Angst vor sowjetischen Atomraketen, die aus dem All abgefeuert werden könnten, begannen die USA in den späten 1950er-Jahren mit der Entwicklung von Satelliten-Abwehrsystemen. Die UdSSR hingegen experimentierten mit Minen im All, die feindliche Flugkörper mit einer Explosion ausschalten sollten. Den Höhepunkt erreichte das Wettrüsten, als US-Präsident Reagan das Projekt SDI, die sogenannte Strategic Defense Initiative - auch bekannt unter dem Namen "Star Wars" -, auf den Weg brachte. Milliarden wurden investiert, um sowjetische Interkontinentalraketen im All abschießen zu können. Erste eindrückliche Ergebnisse waren spätestens 1985 zu sehen, als ein F-15-Kampfjet senkrecht eine Rakete abfeuerte, die einen defekten US-Satelliten zerstörte.

All diese Rüstungsbemühungen führten dazu, dass den Supermächten bewusst wurde, wie verletzlich die Anlagen im All sind, sagte der Experte für Waffenkontrolle, Michael Krepon, dem Magazin "Scientific American". Insbesondere die Überwachungssatelliten, die im geostationären Orbit unbeweglich schweben, sind gefährdet. Krepon sagte auch: Ein bewaffneter Konflikt im All wäre zu Zeiten des Kalten Krieges unmittelbar in einen heißen Konflikt auf der Erdoberfläche umgeschlagen. Daher blieb es zunächst ruhig.

Chinesische Rakete in 30.000 Kilometern Höhe

Heute ist die Situation komplizierter als zu Zeiten der Ost-West-Auseinandersetzung. Satelliten aus 60 Nationen schwirren durchs All. Die allermeisten haben friedliche Missionen. Doch jeder Satellit könne auch zu einem Geschoss umfunktioniert werden, der bei einer Kollision große Mengen zerstörerischen Weltraumschrott produzieren könne, so Krepon. Eine dadurch entstehende Kettenreaktion könne schnell einen Großteil der Satelliten im All zerstören.

China hat bereits mehrfach Raketen getestet, die Satelliten im All hätten zerstören können, die letzte am 23. Juli diesen Jahres. Die Regierung pocht stets darauf, die Tests hätten einen friedlichen Hintergrund. Doch einer der Tests versetzte die US-Behörden in Alarmbereitschaft: Im Mai 2013 stieg eine Rakete in über 30.000 Kilometer Höhe auf und erreichte damit den sicheren Hafen der geostationären Satelliten, die für auf der Erde stationierte Waffen bis dato als unerreichbar galten. Im geostationären Orbit befinden sich zudem eine Vielzahl militärischer Satelliten. Auch die GPS-Satelliten senden ihr Signal von dort aus.

Die USA antworteten: Kurz nach dem Test wurden bisher geheime Dokumente über das sogenannte Geosynchronous Space Situational Awareness Program (GSSAP) veröffentlicht. Die Idee: Vier Satelliten beobachten kontinuierlich in großer Höhe auch den äußeren Orbit der Erde. Sie sind angeblich in der Lage, andere Satelliten anzusteuern, freilich nur "zu Inspektionszwecken", wie es heißt.

"Dieses Programm war eigentlich streng geheim und wurde nur aus dem Grund veröffentlicht, der Welt zu zeigen: 'Wenn ihr da oben irgendetwas im Schilde führt, bekommen wir es mit'", sagte der Sicherheitsanalyst und ehemalige Air-Force-Offizier Brian Weeden gegenüber "Scientific American". Die ersten Komponenten von GSSAP starteten demnach im Juli 2014

Und auch Russland arbeitet möglicherweise wieder an eigenen Möglichkeiten, Satelliten auszuschalten. In den vergangenen zwei Jahren beobachteten US-Radars mysteriöse Fracht, die mit zivilen Satelliten ins All gebracht wurden. Sie wurden bereits vor dem Absetzen der eigentlichen Fracht in den Orbit entlassen und führten unterschiedliche Bewegungsmanöver durch. Die Objekte mit Namen Kosmos-2491, -2499 und -2504 wurden vor dem Start nicht angemeldet. Die BBC berichtete nach den Starts im Jahr 2014 unter Berufung auf Militärexperten, die kleinen Satelliten seien geeignet, andere Satelliten zu rammen und zu zerstören.

Freilich könnte das Engagement der beiden Staaten nur eine Antwort auf die militärische Übermacht der USA im All sein, die mit dem GSSAP-Programm bereits ein System haben, um selbst entlegene Umlaufbahnen zu überwachen. Auch besitzen die USA mit dem X-37-Raumgleiter eine Drohne, die im All frei bewegt und definitiv zur Zerstörung anderer Satelliten eingesetzt werden könnte. China betont stets die friedlichen Absichten seiner Missionen, Russland hüllt sich meist in Schweigen. Doch in der Tat haben beide Nationen jahrelang versucht, die USA zur Unterzeichnung eines Abkommens zu bewegen, dass Weltraumwaffen verbietet. Die USA haben es bislang stets vorgezogen, einen solchen Vertrag abzulehnen.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen