Politik
Barack Obama begrüßt beim Congressional Black Caucus den Schauspieler Cuba Gooding.
Barack Obama begrüßt beim Congressional Black Caucus den Schauspieler Cuba Gooding.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Barack Obama und die schwarzen Wähler: Grummeln, schimpfen, wählen gehen

von Sebastian Schöbel

Afro-Amerikaner leiden stärker unter der Wirtschaftskrise als jede andere Bevölkerungsgruppe in den USA. Schwarze Intellektuelle kritisieren, dass Obama zu wenig für sie tut. Manche Beobachter sehen bereits einen Bruch zwischen Obama und seinen Stammwählern voraus - doch die halten zu ihm. Aber sie beschweren sich, und zwar lautstark.

Manchmal klingt Cornel West wie ein liebevoller, aber besorgter Mentor, wenn er über Barack Obama spricht. Dann senkt er seine dröhnende Baptistenprediger-Stimme, schiebt den Kopf mit dem mächtigen Afro nach vorne und nennt Obama "Bruder". "Ich glaube", erklärte der Princeton-Professor kürzlich, "mein Bruder Obama hat eine gewisse Angst vor freien, schwarzen Männern". Obama, der in einer weißen Familie aufwuchs, habe sich "immer davor fürchten müssen, ein weißer Mann mit schwarzer Haut zu sein". Wenn er dann auf einen "unabhängige, schwarzen Bruder" treffe, sei das selbst für den 44. Präsidenten der USA "furchteinflößend".

Was nach Küchenpsychologie klingt, sind die Worte von Amerikas streitbarstem schwarzem Intellektuellen. Aber Cornel West, der sich selbst als Gewissen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung sieht, kann auch anders: "Obama", polterte der überzeugte Marxist kürzlich in einem Interview, sei nur "ein schwarzes Maskottchen der Wall-Street-Oligarchen und eine schwarze Puppe kapitalistischer Plutokraten". Damit trat West frühzeitig eine Debatte los, die im kommenden Wahlkampf ohnehin irgendwann aufgekommen wäre: Hält das schwarze Amerika noch zu Obama?

Schwarze leiden besonders unter der Krise

Ein Blick auf die Arbeitsmarktstatistik lässt Böses erahnen: Afro-Amerikaner leiden mit 16 Prozent Arbeitslosigkeit stärker unter der aktuellen Wirtschaftskrise als jede andere Gruppe in den USA. In manchen Regionen sind es über 50 Prozent. Republikanischer Widerstand im Kongress verhindert die nötigen Reformversuche und Staatsausgaben, während Obama immer empfindlichere Kürzungen im Sozialsystem ankündigt. Das trifft vor allem arme Menschen - und von denen sind viele schwarz. Die Unzufriedenheit mit Amerikas erstem afro-amerikanischen Präsidenten wächst, weniger als die Hälfte der Amerikaner meint, er mache seine Sache gut.

Immer häufiger wird Obama auch von Führern der schwarzen Gemeinde kritisiert, allen voran Leuten wie Talkmaster Tavis Smiley und Jesse Jackson. Zu wenig tue Obama für Bildung und Jobs, viel zu häufig stünden die Sorgen um das Finanzsystem und die schwächelnden Konzerne im Mittelpunkt. Selbst mit seiner lange erwarteten Wahlkampftour durch das Land konnte Obamas schwarze Kritiker nicht beschwichtigen. Im Gegenteil: Die einflussreiche Abgeordnete Maxine Waters aus Kalifornien warf ihm vor, mehr Zeit mit weißen Wählern zu verbringen. Obama nehme die Unterstützung der Afro-Amerikaner bereits als gegeben hin, so die Vermutung.

"Hört auf, rumzuheulen!"

Worauf Obama - für seine Verhältnisse - regelrecht aus der Haut fuhr. Bei einer Rede vor den Vertretern des Congressional Black Caucus, der Vereinigung afro-amerikanischer Abgeordneter in Washington D.C., rief er den versammelten Politikern zu: "Zieht die Pantoffeln aus und schnürt die Stiefel für den Marsch! Hört auf, euch zu beschweren, hört auf, zu grummeln, hört auf, rumzuheulen!"

Es war nicht das erste Mal, dass Obama mit der schwarzen Gemeinde hart ins Gericht ging. Schon bei seinem Wahlkampf 2008 schien er sehr viel unnachgiebiger mit denen zu sein, die ihm am lautesten zujubelten. So forderte Obama zum Beispiel schwarze Männer auf, bessere Väter zu sein, denn die Zahl alleinerziehender Mütter ist in der afro-amerikanischen Gemeinde ungleich höher als in der weißen. Nun also wieder der mahnende Zeigefinger. Maxine Waters geht ihrerseits in die Offensive: Man helfe dem Präsidenten, wo man kann, vor allem bei dessen Reformagenda, trotzdem würde er nie so kritisch mit anderen Gesellschaftsgruppen sprechen, zum Beispiel Latinos, Juden oder Homosexuellen.

Dabei sind afro-amerikanische Wähler Obamas geringstes Problem. Eine aktuelle Umfrage des anerkannten PEW-Instituts eröffnet dem Präsidenten gleich eine ganze Reihe von Wahl-Baustellen: Rückstand gegenüber Romney bei unabhängigen Wählern, noch weniger Unterstützung von weißen Wählern als noch 2008, sogar bei Frauen und Studenten hat er an Zuspruch verloren. Nur eine Gruppe steht nach wie vor zu ihm: Afro-Amerikaner, zu 95 Prozent, unverändert.

Zuspruch verspricht keine Stimmen

Worüber sich Obamas Wahlkampfstrategen jedoch zu Recht Sorgen machen, ist deren Wahlbeteiligung. 2008 gingen so viele schwarze Wähler an die Urnen, dass Obama sogar im republikanischen Süden des Landes Siege einfuhr. Ob er das wiederholen kann, ist jedoch fraglich. Deswegen mobilisiert seine Kampagne bereits jetzt massiv in Bundesstaaten wie North Carolina, Virginia und Georgia, wo Afro-Amerikaner vielerorts die Mehrheit darstellen. Obama muss hier die Stimmen holen, die er anderswo verlieren wird, vor allem im konservativen Mittelwesten.

Unerwartete Hilfe kommt nun vom linken Lager, durch die "Occupy"-Bewegung. Deren Forderungen nach wirtschaftlicher Gerechtigkeit könnte Obama nutzen, um 2012 Stimmen zu holen, vor allem von denen, die unter der Krise am stärksten leiden. Womit sich der Kreis wieder schließt: Denn unter den Demonstranten finden sich auch Menschen wie Cornel West. Er hat diesen linken Protest schon lange herbeigesehnt. Für Obama ist es die Chance, seinen schwarzen Wählern einen Grund zu geben, bei der Wahl in einem Jahr nicht zu Hause zu bleiben.

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Quelle: n-tv.de

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