Politik
Gregor Gysi, auch auf der Buchmesse meinungsstark
Gregor Gysi, auch auf der Buchmesse meinungsstark(Foto: Volker Petersen)
Donnerstag, 12. Oktober 2017

Autobiografie des Linke-Stars: Gysi hält multiple Standpauke

Von Volker Petersen, Frankfurt

Gregor Gysi hat einen langen Weg vom Linksaußenseiter zum Everybody's Darling im Bundestag hinter sich. Mit Direktmandat tummelt er sich noch immer im Parlament - und wegen seiner Autobiografie auf der Buchmesse.

Man beginnt schon, ihn zu vermissen, wenn man diesen kleinen, fast 70-jährigen, noch immer quirligen Politikjunkie reden hört. Ein enger, voll besetzter Konferenzsaal auf der Frankfurter Buchmesse, alle Augen richten sich nach vorn auf den größten Star, den die PDS und Die Linke bislang hatten. Gregor Gysi, 69 Jahre alt, sitzt dort hinter einem schlichten weißen Schreibtisch und parliert über die großen Themen: Europa, Wiedervereinigung, Trump. Vor ihm steht der neue 583 Seiten starke Wälzer namens "Ein Leben ist zu wenig", darauf: noch einmal Gysi, ein klein wenig jünger wirkend als in natura.

Eins wird deutlich bei dieser Buchpräsentation: Der Mann ist mit der Politik noch nicht durch. Längst hat er ein neues Amt angenommen, er ist Präsident der Partei der Europäischen Linken geworden. Als solcher kämpft er nicht mehr nur für die Kleinen in Deutschland, sondern will offenbar nun an den ganz großen Rädern drehen. "Wir Alten haben die Verpflichtung, Europa für die Jungen zu retten", sagt er mehrmals. Denn, und dann hält er der EU eine Standpauke, die Europäische Union sei in einem desolaten Zustand. Die Flüchtlingskrise sei zu lange ignoriert, Griechenland zu hart rangenommen, das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP zu heimlich verhandelt worden und überdies sei die EU noch zu bürokratisch. Da müsse man sich nicht wundern, dass etwas ins Wanken geraten sei.

Europa-Kritik und Europa-Schwärmerei: Gregor Gysi
Europa-Kritik und Europa-Schwärmerei: Gregor Gysi(Foto: Volker Petersen)

Doch Gysi wäre nicht Gysi, wenn er nicht auch gleich selbst die Gegenrede halten würde. Sogleich schaltet er auf Europa-Schwärmerei um. Der EU-weit agierenden Wirtschaft müsse ein politisches Gegengewicht gegenüber gestellt werden, Nationalstaaten könnten alleine gegen China und andere Global Player nicht viel ausrichten und Deutschland müsse international möglichst stark eingebunden werden, damit es nicht noch einmal einen deutschen Sonderweg gebe. Und überhaupt: Zwei EU-Staaten hätten noch nie Krieg miteinander geführt. Das ist alles nicht neu, ist in vielen Sonntagsreden zu hören. Aber wenn Gysi es sagt, werden die Augenlider nicht schwerer, sondern leichter.

Noch immer selbstironisch

Dass er die Formulierung "Wir Alten" wählt, ist ein wenig kokett - den Hinweis darauf hat er zuvor selbst gegeben. So erzählt er, wie gern er sich im Parlament der Selbstironie bedient habe. So habe er am Rednerpult im Bundestag immer gern Dinge gesagt wie: "Nur damit ich das jetzt auch mal verstehe …", obwohl es doch klar gewesen sei, dass er die Sache längst verstanden hatte. Diese Selbstbeschau hat einen ernsten Hintergrund: Gysi ist es wichtig, dass die Menschen die Politik verstehen. "Wenn ich dann aber sage, 'nur damit die Leute das verstehen', klingt das gleich wieder arrogant, da sage ich lieber, 'nur damit ich das jetzt auch mal verstehe'". So könne er die Dinge vereinfachen, um den Kern zu erklären. Ihm komme dabei zupass, dass er Generalist sei und von nichts konkret etwas verstehen müsse. Da ist sie wieder, die Selbstironie.

Das führt er bei der jetzigen Gelegenheit gleich vor, indem er die nächste Standpauke startet. Diesmal ist die Jugend dran, die sei nicht rebellisch genug, findet er. Verschult, lieb und artig sei sie auch. Auch wenn das beim G20-Gipfel in Hamburg anders ausgesehen habe. Aber immerhin, ein bisschen Hoffnung hat er offenbar noch. Die jungen Leute seien europäisch, schwärmt er, der könne man nicht mehr mit geschlossenen Grenzen kommen, sie eroberten sich den ganzen Kontinent. Später mahnt er dann zur Abwechslung auch einmal die Alten - die sollten die Jugend nicht für ihren Mode- und Musikgeschmack maßregeln. In diesen Fragen habe sich die alte Generation noch nie durchgesetzt. Dieser Sprechgesang gefalle ihm zum Beispiel nicht, aber man müsse es hinnehmen, wenn die Jugend ihn gut fände.

Europa ist nicht das einzige Thema, zu dem Gysi sich äußert. Er analysiert den Erfolg der AfD, der demnach auf Ängsten, Protest und Sehnsucht nach Überschaubarkeit beruht. Er gibt den Anwalt der Ostdeutschen und fordert rückwirkend, die Bundesrepublik hätte mehr aus der DDR übernehmen sollen - selbst zur Katalonien-Frage gibt er aus dem Stegreif eine Analyse ab. Er spannt einen weiten Bogen von der Abspaltung des Kosovos über Kurdistan und die Krim zurück nach Spanien. Völkerrechtswidrig seien alle Pläne gewesen, nun falle es der EU auf die Füße, dass sie dies beim Kosovo geduldet habe.

Es ist noch immer unterhaltsam, Gysi zuzuhören - auch wenn man nicht mit ihm einer Meinung ist. Das sagte auch der scheidende Bundestagspräsident Norbert Lammert von der CDU. Der sagte auf die Frage, was ihm fehlen werde: die Kabbeleien mit Gregor Gysi. Auch ein Zitat von Günther Jauch passt ganz gut zu Gysi, den dieser selbst zitiert. Jauch habe einmal kurzfristig das Thema einer Sendung geändert und komplett neue Gäste eingeladen. Bis auf ihn. Auf entsprechende Fragen habe der Moderator geantwortet: "Bei Gysi ist ja egal, welches Thema es ist." Lacher auf der Buchmesse, Gysi strahlt. Man ahnt: Ein Leben könnte für diesen Mann tatsächlich zu wenig sein.

Quelle: n-tv.de

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