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Reisende und Flüchtlinge stehen im Flughafen Tegel am Check-In-Schalter für einen Flug nach Erbil.
Reisende und Flüchtlinge stehen im Flughafen Tegel am Check-In-Schalter für einen Flug nach Erbil.(Foto: dpa)

Wer bleibt, wer geht?: "Hälfte der Flüchtlinge wird zurückkehren"

Der Blick in die Vergangenheit zeigt: Weniger als 50 Prozent aller Einwanderer bleibt länger als zwölf Monate in Deutschland. Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt geht davon aus, dass es bei den Flüchtlingen ähnlich sein wird.

n-tv.de: Wie viele von den Flüchtlingen und Einwanderern, die nach Deutschland kommen, wollen dauerhaft bleiben?

Prof. Dr. Ulrich Reinhardt ist Zukunftswissenschaftler und Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen.
Prof. Dr. Ulrich Reinhardt ist Zukunftswissenschaftler und Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen.(Foto: Stiftung für Zukunftsfragen)

Ulrich Reinhardt: Bleiben wollen grundsätzlich alle. Die Frage ist, ob sie eine Bleibeperspektive haben. Von den Asylbewerbern und Flüchtlingen wird etwa die Hälfte anerkannt. Von denen, die hierbleiben, stellt ein großer Teil fest, dass das Leben in Deutschland nicht ihren Vorstellungen entspricht oder dass die Lage im Heimatland sich verbessert hat – mit der Folge, dass weniger als 50 Prozent aller Einwanderer länger als zwölf Monate in Deutschland bleibt.

Gilt das auch für Länder wie Afghanistan?

Eindeutig ja: Zwischen 1998 und 2014 sind 78 Prozent der Afghanen in ihre Heimat zurückgekehrt.

Bleiben Einwanderer aus europäischen Ländern länger?

Ja. Das liegt zum einen wahrscheinlich daran, dass die Lebenssituation in europäischen Ländern stärker vergleichbar mit der in Deutschland ist, als dies bei Afghanistan, Eritrea, dem Irak oder Syrien der Fall ist. Andererseits ist die Perspektive für Einwanderer aus diesen Ländern wahrscheinlich besser, weil sie europäische Werte eher leben wollen und können und ihnen die Integration damit leichter fällt. Bildung spielt natürlich auch eine Rolle – das Bildungsniveau ist in Ländern wie Polen, Rumänien und Ungarn einfach höher.

Spielt die geografische Nähe dieser Länder auch eine Rolle?

Wer aus Polen kommt, hat jederzeit die Möglichkeit, die Familie und die alte Heimat zu besuchen. Es ist ungleich schwerer, nach Eritrea, Syrien oder in den Irak zu reisen.

Eine Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge kommt zu dem Ergebnis, dass 89,2 Prozent der Afghanen, 88,4 Prozent der Iraker und 76,4 Prozent der Syrer für immer in Deutschland bleiben möchten. Auf den ersten Blick widerspricht das Ihren Zahlen.

Das stimmt, bei mir ist es eher der Blick in die Vergangenheit. Aber man muss ehrlicherweise sagen, dass eine Rückkehr den Syrern oder den Irakern nicht als Alternative erscheint, solange dort Bürgerkrieg herrscht. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass diese Flüchtlinge in Deutschland bleiben wollen. Andererseits glaube ich schon, dass sich das ändert, wenn sich die Lage in den Heimatländern beruhigt.

Würden Sie eine Prognose wagen, wie viele der Flüchtlinge, die in jüngster Zeit nach Deutschland gekommen sind, langfristig bleiben werden?

Ich gehe davon aus, dass 50 Prozent von denen, die eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, länger als 18 Monate bleiben werden.

Die anderen gehen zurück, wenn die Bürgerkriege beendet sind?

Teilweise. Bei den Irakern ist die Zahl der Rückreiseanträge in den vergangenen vier Wochen um den Faktor vier gestiegen. Viele Iraker sagen ganz offensichtlich: Meine Perspektive ist zuhause besser als hier. Viele Menschen kommen mit großen Hoffnungen in unser Land und stellen dann fest, dass sich ihre Hoffnungen nicht so einfach verwirklichen lassen.

Mit Ulrich Reinhardt sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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