Politik

Flexible ÖkostromeinspeisungHalten Reaktoren Risiken stand?

27.10.2010, 16:40 Uhr
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Das von dem Stromkonzern RWE betriebene Atomkraftwerk Biblis in Südhessen muss in Zukunft mehr leisten. (Foto: picture alliance / dpa)

Die je nach Wind- und Sonnenverhältnissen schwankende Ökostromeinspeisung erfordert künftig flexiblere Atommeiler. Aber es gibt Zweifel, ob das häufige Rauf- und Runterregeln ohne Risiko ist.

Der Chef der RWE-Kernenergiesparte versucht, Bedenken der Atomkraftgegner zu zerstreuen. "Nein, überhaupt kein Problem", sagt Gerd Jäger. Die Kernkraftwerke in Deutschland - auch die ältesten Reaktoren im hessischen Biblis - ließen sich auf einen flexibleren Betrieb umstellen. Bei dem zunehmenden Wind- und Solarstrom sollen die Atomkraftwerke in Zukunft je nach Bedarf stärker rauf- und runtergeregelt werden. Denn mal windet es stark, mal gar nicht.

Doch angesichts großer Temperaturunterschiede und einer stärkeren Beanspruchung des Materials gibt es Zweifel, ob gerade ältere Anlagen so nicht zu einem Sicherheitsrisiko werden. So verweisen Kritiker auf Risiken wie das Spaltprodukt Xenon 135 - es ist auch eine der Ursachen für die Katastrophe in Tschernobyl 1986 gewesen.

"Kein akutes Sicherheitsproblem", aber …

Xenon 135 kann bei der Kernreaktion entstehen und arbeitet als Neutronenfänger, wenn die Anlage heruntergefahren wird. Es verringert die Reaktivität und kann dazu führen, dass der Reaktor längere Zeit nicht hoch gefahren werden kann. Durch ungleiche Temperaturen wird bei Xenonvergiftungen das Material extrem beansprucht.

"Es gibt bei den deutschen Reaktoren dadurch aber kein akutes Sicherheitsproblem", sagt der frühere Leiter der Abteilung für Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium (1998-2009), Wolfgang Renneberg. "Aber die Regelbarkeit wird schlechter."

Der Essener Energiekonzern RWE weist das zurück und betont, es gebe dadurch keine Probleme: "Das Entstehen von Xenon hat keinen Einfluss auf die Regelbarkeit von Kraftwerken, sie können natürlich immer abgeschaltet werden."

Erneuerbare Energien geben künftig Takt vor

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Wenn es wenig windet, müssen die AKWs aushelfen. (Foto: picture alliance / dpa)

Bisher laufen die 17 deutschen Atomkraftwerke überwiegend im Grundlastbetrieb, sie produzieren rund um die Uhr meist eine ähnliche Menge Strom und geben damit praktisch den Takt vor. Mit dem von der Regierung im Energiekonzept ausdrücklich bestätigten Einspeisevorrang für erneuerbare Energien werden diese aber immer mehr zum Taktgeber. Der Geschäftsführer eines Stadtwerkeverbundes berichtet, dass sich Atomexperten aus dem Ausland die Augen reiben würden, dass künftig die deutschen Kernkraftwerke sehr flexibel gehandhabt werden sollen.

Einspeisevorrang belastet Material

Das größte Problem sieht der frühere Abteilungschef Renneberg in der Materialermüdung. "Die Sicherheitsreserve der Anlagen nimmt durch diese Belastungen dramatisch ab". Es gebe zu diesem flexiblen Betrieb bisher keine Simulationen. Deshalb sei ihm schleierhaft, wie Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) sagen könne, das Rauf- und Runterregeln stelle kein Sicherheitsproblem dar.

Zudem bestehe die Gefahr, dass die Konzerne den häufigeren Materialaustausch künftig als Nachrüstungen verbuchen können. Dadurch würde der Bund das Nachsehen haben. Denn die Regierung hatte mit den Energiekonzernen in dem umstrittenen Atom-Vertrag vereinbart, dass die Nachrüstkosten pro Atomkraftwerk bei 500 Millionen Euro gedeckelt werden. Alles was drüber geht, wird von den Zahlungen für den Fonds der Regierung zum Ausbau der erneuerbaren Energien abgezogen.

Runterfahren im Endeffekt zu teuer

Wie schwer sich Akw-Betreiber bisher mit einer flexiblen Anpassung tun, zeigte sich am 4. Oktober 2009, als Kraftwerksbetreiber zum Teil 500 Euro pro Megawattstunde bezahlen mussten, damit ihnen der Strom abgenommen wurde. Der Grund: Der Wind wehte sehr stark und ließ die Windstromproduktion explodieren. Die Atomkraftwerke wurden aber nicht runtergefahren - auch weil dies im Endeffekt teurer gewesen wäre.

Die Anlagenbetreiber warnen wie auch der Branchenverband BDEW vor Panikmache. Die deutschen Kernkraftwerke seien die sichersten der Welt, sagt BDEW-Hauptgeschäftsführerin Hildegard Müller. Von Haus aus seien Kernkraftwerke so konzipiert, dass sie mit unterschiedlicher Leistung arbeiten können, betont auch RWE.

Doch letztlich könnte sich die Frage, ob es ein zusätzliches Risiko gibt, auch von selbst erledigen: Werden nicht rasch neue Netze gebaut, kann schon physikalisch nicht viel mehr Ökostrom produziert werden.

Quelle: Georg Ismar, dpa