Politik
Helmut Schmidt starb wenige Wochen vor seinem 97. Geburtstag in Hamburg.
Helmut Schmidt starb wenige Wochen vor seinem 97. Geburtstag in Hamburg.(Foto: imago stock&people)

Biograf im Interview: Helmut Schmidt - Ein historischer Kanzler?

Helmut Schmidt ist tot. Was machte den fünften Bundeskanzler der Bundesrepublik gerade am Ende seines Lebens zu einer solch beliebten Vaterfigur für die Deutschen? Martin Rupps hat gerade eine Biografie über den Altkanzler geschrieben: "Der Lotse". Er meint, der späte Ruhm Schmidts kam zu einem Teil von dem, was die Menschen in ihm sehen wollten.

n-tv.de: Was machte Helmut Schmidt gerade in den vergangenen Jahren so beliebt?

Martin Rupps: Er hat ohne Maulkorb sprechen können. Ein parteipolitisches Amt oder auch ein Staatsamt wie das des Bundespräsidenten legt ja gewisse Fesseln auf. Schmidt konnte sprechen mit der Kraft, die auf seiner persönlichen Autorität, auf der Erfahrung aus seinem langen Leben und auf seinem bis zuletzt wachen Verstand beruhte.

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Welche Eigenschaften machten Helmut Schmidt so beliebt und brachten ihm so viel Gehör?

Was die politischen Positionen angeht, hat er sich nie bewegt. Was er heute sagte, hatte er immer gesagt, sein ganzes politisches Leben lang. Das kann man in guten Zeiten als Starrsinn begreifen. In politischen Krisenzeiten aber wird so etwas plötzlich als Beständigkeit und als fester Wille ausgelegt. Durch die Ereignisse der vergangenen Jahre gewann er an Bedeutung, weil die Welt sich so weit weitergedreht hatte, dass er wieder Recht hatte. Das wurde ihm als Weisheit und Weitsicht ausgelegt.

Was verrät diese hohe Anerkennung für den "Elder Statesman" über die heute aktiven Politiker beziehungsweise darüber, wie sie gesehen werden?

Natürlich tut man denen mitunter Unrecht. Wir haben aktuell den Fall Thomas de Maizière, der scheinbar einen Tabubruch begangen hat, und alle prügeln auf ihn ein. Ein aktiver Politiker im Amt kann bei weitem nicht so 'frei Schnauze' reden wie Helmut Schmidt. Der wiederum musste auch nie den Beweis erbringen nach seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt, dass seine Ratschläge auch politisch umsetzbar sind. Ich glaube, es ist ein Bedürfnis der Deutschen, dass Politiker auch Klartext reden. Aber das ist von Amts wegen oft nicht möglich, zumal es auch wieder nur neuen Streit auslöst, was die Deutschen wiederum auch nicht wollen. Deshalb gab es gerade jetzt in dieser neuen Berliner Republik ein Nebeneinander der offiziellen Politik, die bei der normalen Rhetorik bleiben muss, und eben dieses Bundeskanzlerpräsidenten Helmut Schmidt, der da auf den Hamburger Höhen geraunt und Belehrungen erteilt hat.

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Was war die Motivation von Helmut Schmidt, sich in so hohem Alter wieder einzumischen und die Öffentlichkeit zu suchen?

Das lag gar nicht an ihm, dass er zuvor rund zehn Jahre lang abgemeldet war. Die Politik und die Öffentlichkeit wollten nach Ende seiner aktiven Zeit nichts mehr von ihm wissen. Er war politisch gescheitert, denn ein anderer Kanzler einer anderen Partei setzte seine wesentliche Politik um: etwa den Nato-Doppelbeschluss und die Sanierung der Staatsfinanzen. In seiner eigenen Partei war Schmidt genau wegen dieser Entscheidungen in Ungnade gefallen. Seine Popularität begann mit dem wachsenden Bedürfnis der Deutschen nach einer väterlichen Figur und der Wahrnehmung von Schmidts Älterwerden. Eine wesentliche Rolle spielte dabei auch das Buch mit Sandra Maischberger mit dem Titel "Hand aufs Herz". Da ging der Schmidt-Kult los. Endgültig etabliert war er mit dem 11. September. Da waren alle verstört und es brauchte Menschen, die so etwas bisher Unwahrscheinliches einordnen konnten.

Die Zeit, in der er Kanzler war, war allerdings auch nicht gerade eine einfache in der Geschichte der Bundesrepublik ...

Während der Herausforderung durch die Rote Armee Fraktion (RAF) war er vermutlich der einzig richtige Mann, weil er von seinem Amtsverständnis her wie ein preußischer Offizier agiert hat. Mit seinem Lebenshintergrund hatte er anders als Nachgeborene noch die Härte, um Hanns Martin Schleyer zu opfern. Helmut Kohl hätte die vermutlich schon nicht mehr gehabt. Auf der anderen Seite hat Schmidt die bevorstehenden Umwälzungen - etwa durch die aufkommende Umweltbewegung - verschlafen oder ignoriert. In dem Punkt war er einfach starrsinnig. Da hat er gehofft, das mit den Grünen und den Friedensbewegten verginge wieder. Aber es kam anders.

Was würde Helmut Schmidt zur aktuellen Debatte um die Flüchtlingskrise sagen?

Auf dem Berliner Parteitag der SPD hat er 2011 eine wichtige Rede gehalten, die auch seine letzte in einem solchen Rahmen war. Er warb dafür, dass die Kredite für Griechenland bewilligt werden. In der öffentlichen Debatte war sein Beitrag damals unheimlich wichtig, weil er sagte, wir müssen solidarisch sein mit den europäischen Ländern. Ich bin überzeugt, dass Schmidt die Merkel'sche Flüchtlingspolitik unterstützen würde, weil sein großes Thema das Ansehen der Deutschen in der Welt war. Seine Lebensleistung sah er darin, allen anderen Staaten der Welt die Angst vor Deutschland zu nehmen. In dem Sinne würde er auch die Flüchtlingspolitik heute sehen.

Wie würden Sie 15-Jährigen erklären, wer eigentlich dieser Helmut Schmidt war und warum er so wichtig war?

Man müsste zunächst sagen: Helmut Schmidt war der fünfte deutsche Bundeskanzler, der Deutschland durch eine wirtschaftliche und politisch schwierige Phase geführt hat - und das sehr couragiert. Er gibt auch ein persönliches Beispiel für Disziplin und Pflichtbewusstsein, aber er ist kein historischer Kanzler. Nicht, weil er keine Gelegenheit zu historischen Leistungen gehabt hätte, sondern, weil er nicht von dieser Sorte war. Er war selbst kein schöpferischer Mensch. Er war immer am besten, wenn er oder das Land an der Wand standen - sei es wirtschaftliche oder sicherheitspolitisch. Max Weber hat schon gesagt, Charisma kommt zu 50 Prozent von der Person und zu 50 Prozent von denen, die die Person verehren. Damit sind die Deutschen maßgeblich daran beteiligt an der Rolle Schmidts. Hinzu kamen sein ausgesprochenes Redetalent und seine schauspielerische Begabung. Seine Auftritte im Fernsehen waren immer Inszenierungen. Schmidt hat nie verschwiegen, dass er zwischen Schauspielerei und Politik eine enge Verbindung sieht.

Mit Martin Rupps sprach Nora Schareika

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Quelle: n-tv.de

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