Politik
Eine der Hochburgen Wilders: Die Stadt Almere.
Eine der Hochburgen Wilders: Die Stadt Almere.(Foto: Benjamin Konietzny)
Montag, 13. März 2017

Stimmen aus Wilders Hochburg: "Hier ist Holland, nicht Marokko"

Von Benjamin Konietzny, Almere

Wer wählt Geert Wilders? In den Umfragen ist der Mann, der den Koran verbieten will, immer noch ganz vorne dabei. Die meisten Unterstützer hat der Rechtspopulist auf dem Land - und in einer Großstadt nahe Amsterdam.

"Alles, einfach alles", antwortet Will auf die Frage, was sich in den Niederlanden ändern muss. Die Menschen müssten immer länger arbeiten, das Renteneintrittsalter werde ständig erhöht. Das Gesundheitswesen sei kaum noch bezahlbar, und für sie als geschiedene Frau sei es fast unmöglich, Wohnraum zu finden. "Wir Holländer haben es zum Teil so schwer und müssen um alles kämpfen", sagt sie. Und geht über zu einem Thema, mit dem nicht nur in Deutschland Wahlkampf gemacht wird: "Für alle, die in die Niederlande kommen, wird gesorgt, da wird alles arrangiert. Wir bleiben auf der Strecke."

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Almere ist die jüngste Stadt der Niederlande. Die ersten Viertel entstanden erst 1975 auf dem Land, das die Niederländer dem Ijsselmeer abgerungen haben. Es ist eine Stadt vom Reißbrett. Nach Amsterdam sind es nur 25 Kilometer. Politisch ist Almere, wo viele hinziehen, die sich das Leben in der historischen Kulisse Amsterdams nicht mehr leisten können, jedoch viel weiter von der liberalen, weltoffenen Metropole entfernt. Almere ist eine der Hochburgen der rechtspopulistischen PVV von Geert Wilders. Im Stadtrat ist die Partei die stärkste Kraft.

Die Grenzen müssten zumindest für eine Zeit geschlossen werden, findet Will. Die Niederländer müssten wieder das Gefühl bekommen, dass für sie gesorgt werde. "Die einfachen Leute haben völlig das Vertrauen in die Politik verloren."

"Es ist einfach zu viel"

Auch Hyls, dem ein kleiner Handwerksbetrieb außerhalb der Stadt gehört, glaubt den regierenden Politikern nicht mehr. "Mark Rutte ist der Inbegriff für Politik für die Reichen und die Eliten", sagt er. Bei Geert Wilders habe er das Gefühl, er sei näher an den Menschen. Und näher an der Realität: "In Den Haag scheint niemand zu verstehen, dass die Einwanderung zu viel geworden ist. Es ist einfach zu viel", sagt er. Dass Wilders den Koran verbieten und Moscheen schließen will, geht auch ihm ein bisschen weit. "Aber vielleicht merken diese Menschen dann mal wieder, dass hier Holland ist und nicht Marokko." Hyls wird am Mittwoch, wenn in den Niederlanden gewählt wird, Geert Wilders seine Stimme geben - auch wenn seine Meinung mit dem Wahlprogramm Wilders nicht in allen Punkten übereinstimmt.

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Enrica Kroon wird Wilders nicht wählen. Die 47-jährige Tagesmutter will am Mittwoch der konservativen Partei  "Forum voor Democratie" die Stimme geben. Wenn Wilders dennoch gewinnt, wäre das für sie "auch okay". Und sie kann verstehen, dass Zuwanderung so ein großes Thema in den Niederlanden geworden ist und dass sich viele Menschen zu Wilders hingezogen fühlen. "Ich finde es toll, wenn Flüchtlingen in Not geholfen wird. Aber Flüchtlinge wollen doch irgendwann zurück in ihre Heimat, oder? 80 Prozent der Flüchtlinge in den Niederlanden wollen nicht zurück", sagt sie.

Enrica ist in Amsterdam aufgewachsen, in einem Viertel, in dem viele Ausländer wohnen. Sie möge eine bunte Gesellschaft, sagt sie. Amsterdam sei immer bunt gewesen. "Aber eines verstehe ich nicht", sagt sie. "Wenn ich zum Beispiel nach Deutschland auswandern wollte, dann würde ich doch irgendwann meinen niederländischen Pass abgeben und den deutschen nehmen. Und dann würde ich auch mein Wahlrecht abgeben." Dass türkische Politiker in die Niederlande kommen und Wahlkampf machen, weil hier Hunderttausende Türken noch einen türkischen Pass und damit das Wahlrecht haben, kann sie nicht nachvollziehen. "Die sind zum Teil in der zweiten Generation hier, sind hier geboren, aufgewachsen - das sind Niederländer. Warum muss es da immer noch diese starken Wurzeln in die Türkei geben?"

Der Mord an Theo van Gogh hat alles geändert

Für Straßenarbeiter Robert ist die Zuwanderung eigentlich nicht das drängendste Thema. Viel wichtiger ist ihm, dass das Renteneintrittsalter nicht ständig weiter erhöht wird. Dennoch kann er, auch wenn er selbst die Sozialdemokraten wählen will, die Menschen verstehen, die Wilders wählen. "Man muss Flüchtlingen helfen, das steht außer Frage. Aber wenn den Niederländern, die hierzulande in Not sind und auf der Straße leben, nicht geholfen wird, dann läuft doch etwas falsch, oder?", sagt er. Dann könne man nicht von gelungener Integration sprechen.

Auch Mike und Wendy halten die Integration in den Niederlanden für gescheitert. "Es sind nicht unbedingt zu viele Menschen, die in die Niederlande kommen", findet der 18-jährige Mike, der gerade sein Studium begonnen hat. "Aber die Integration funktioniert nicht." Das habe sich spätestens seit dem Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh gezeigt. Rund zwei Monate nachdem sein Film "Submission" über die Unterdrückung von Frauen im Namen des Islam im Fernsehen ausgestrahlt worden war, erschoss ihn ein marokkanischer Islamist im November 2004 in Amsterdam auf offener Straße und schnitt ihm anschließend die Kehle durch. "Das hat alles geändert", sagt Mike.

Dass in Deutschland immer noch das Klischee bestehe, die Niederlande seien eine extrem offene und liberale Gesellschaft, wisse er. "Aber spätestens nach diesem Mord hat sich das Land verändert", sagt er. Die politischen Morde an Theo van Gogh und auch an dem Rechtspopulisten Pim Fortuyn 2002 machen auch Will noch heute sprachlos. "Wir dachten alle: 'Wer bist du, dass du hierher kommst und mit Gewalt diktierst, was wir zu denken haben?'" Dass Wilders zu einer solchen politischen Größe werden konnte, sei eine klare Folge dieser Taten, ist sie sich sicher.

Quelle: n-tv.de

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