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Bei den Mitgliedern der Organisation IS handelt es sich um fundamentalistische Sunniten, die einen weltumspannenden Gottesstaat errichten wollen. Demokratie und Menschenrechte haben darin keinen Platz.
Bei den Mitgliedern der Organisation IS handelt es sich um fundamentalistische Sunniten, die einen weltumspannenden Gottesstaat errichten wollen. Demokratie und Menschenrechte haben darin keinen Platz.(Foto: REUTERS)

Dschihadisten erbeuten Uran: "Hoffentlich sind sie vorsichtig ..."

Die Dschihadisten im Irak sind vermutlich im Besitz größerer Mengen radioaktiven Materials. Der Atomwaffenexperte Jens-Peter Steffen erklärt im Interview mit n-tv.de, was sie damit anstellen könnten. Ihn treibt vor allem eine Sorge um.

n-tv.de: Die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) hat aus einem Krankenhaus in Mossul 40 Kilogramm Uran erbeutet. Was ging Ihnen als erstes durch den Kopf, als Sie diese Meldung hörten?

Jens-Peter Steffen: Die erste Reaktion bei mir war: Hoffentlich sind sie vorsichtig damit, was immer sie damit machen.

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Die Regierung des Irak hat Angst vor dem Einsatz des Urans. Die USA wiederum sagen, das Uran sei nicht gefährlich. Ist das nur Beschwichtigung?

Die Universität Mossul ist nicht in das Atomforschungsprogramm des Iraks zu Zeiten Saddam Husseins involviert gewesen. Sie ist die zweitälteste medizinische Universität des Landes. Daraus lässt sich ableiten, dass es sich um Urangemisch handelt, das in der Diagnostik oder Therapie in der Medizin eingesetzt wird. Das würde bedeuten, dass es niedrig, höchstens mittelstark strahlend ist.

Trotzdem spricht aus Ihnen eine gewisse Besorgnis.

Wenn es sich um angereichertes oder womöglich gar hochangereichertes Uran handeln würde, müssten die Alarmglocken ganz anders schrillen. Aber auch dieses Material kann für den Menschen gefährlich sein. Wenn man solche Urangemischmengen hat, hat man ja nicht nur einen ionisierenden Stoff, dann handelt es sich auch um giftige Schwermetalle. Wenn bei IS halbwegs universitär oder technisch ausgebildete Kräfte sind, könnten sie diese 40 Kilo auch mit klassischem Sprengstoff wie TNT vermischen und über einer Stadt zerstäuben.

Sie sprechen von einer schmutzigen Bombe.

Ja. Sie könnten das Urangemisch aber auch in die Trinkwasserversorgung einführen.

Militärischen Erfolge machen IS attraktiv für potenzielle Dschihadisten.
Militärischen Erfolge machen IS attraktiv für potenzielle Dschihadisten.(Foto: REUTERS)

Wie wirkt sich all das auf den menschlichen Körper aus?

Das Entscheidende sind immer die Aufnahmewege. Das Uran kann oral über die Atemwege oder über Tee, Kaffee oder Wasser in den Körper gelangen. Es würde auch in Pflanzen eindringen. Das heißt: Man würde es später auch in geerntetem Grünzeug mit dem Essen aufnehmen. Ist es erst einmal in den menschlichen Körper eingedrungen, lagern sich Teile davon ab. Der Mensch hat dann Alpha-Strahler in sich. Deren Strahlung reicht zwar nicht besonders weit, ist auf kurzer Strecke aber sehr intensiv. Sie kann bewirken, dass es auf Zellebene zu Veränderungen kommt.

Krebs?

Es sind Veränderungen, die wir klassisch als Wucherung oder Krebsgeschwüre bezeichnen. Eine entscheidende Frage ist dann natürlich immer, ob lebenswichtige Organen betroffen sind. Grundsätzlich ist es aber möglich, Menschen damit langsam umzubringen

Die Menschen im Einflussgebiet von IS müssen sich also ernsthaft Sorgen machen.

Ich glaube, die größte Gefahr steckt darin, dass das Uran in den Händen von Terroristen ein Drohmittel ist. IS kann jetzt behaupten, sie würden es einsetzen. Die Bevölkerung kann das in extreme Panik versetzen. Es handelt sich dabei schließlich um eine Gefahr, die man weder sieht noch hört noch schmeckt.

Das Uran befindet sich vermutlich noch im Irak. Ist es IS möglich, es auch über die Grenzen, zum Beispiel nach Europa zu schaffen?

Es gibt sicherlich Möglichkeiten. Aber es gibt auch Sicherheitsvorkehrungen. Da ist zum einen die Aufklärung der Geheimdienste. Die haben Verdachtsmomente oder wissen, wer solche Transporte organisieren könnte. Darüber hinaus gibt es an den meisten Grenzen auch Kontrolleinrichtungen, die radioaktive Strahlungen erfassen können, wenn sie nicht gerade besonders geschützt verpackt ist.

In Krankenhäusern auf der ganzen Welt lagert radioaktives Material für medizinische Zwecke, das Terroristen aber durchaus als Bestandteil von Waffen dienen könnte. Reichen die Sicherheitsvorkehrungen?

Die Sicherungsvorkehrungen in Deutschland sind für dieses schwach strahlende Material ausreichend, wenn die geltenden Vorschriften der IAEO eingehalten, aber auch europäische und nationale Vorschriften befolgt werden.

Jens-Peter Steffen ist Mitarbeiter der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW). Mit ihm sprach Issio Ehrich.

Quelle: n-tv.de

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