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Bei den Flüchtlingen mischt sich Wut mit Verzweiflung angesichts ihrer ausweglosen Situation.
Bei den Flüchtlingen mischt sich Wut mit Verzweiflung angesichts ihrer ausweglosen Situation.(Foto: dpa)

"Es ist eine Kulturschande": Hunderte Flüchtlinge protestieren in Idomeni

Die Grenze ist dicht, die Menschen sind verzweifelt: Im improvisierten Flüchtlingslager im griechischen Idomeni herrschen unwürdige Zustände. Der europäischen Kultur sei das unwürdig, sagt der deutsche Ex-Minister Norbert Blüm. Und schlägt vor Ort sein Zelt auf.

Hunderte Flüchtlinge haben in der Nähe des griechischen Grenzortes Idomeni protestiert und die Öffnung der Grenze zu Mazedonien verlangt. Vor allem Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak setzten sich mit ihren Kindern auf die Bahngleise und skandierten "Öffnet die Grenze".

Ein syrischer Flüchtling, der 44-jährige Nasim Serhan, trat in den Hungerstreik. Er ist mit drei Kindern unterwegs und will zu seiner krebskranken Frau und dem vierten Kind, die sich nach seinen Angaben in Deutschland aufhalten. "Ich möchte sie sehen, nur für einen Tag", sagte Serhan.

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Die hygienischen Bedingungen in dem improvisierten Flüchtlingslager in Idomeni sind sehr schlecht. Bei einem neun Jahre alten syrischen Flüchtlingskind haben griechische Ärzte die Infektionskrankheit Hepatitis A diagnostiziert. Das teilte der griechische Flüchtlings-Krisenstab mit. Das Kind werde in einem Krankenhaus in der nordgriechischen Hafenstadt Thessaloniki behandelt, sein Zustand sei stabil.

Das Hepatitis-A-Virus kann eine akute Leberentzündung verursachen. Es bestehe keine Gefahr für die griechische Bevölkerung, heißt es in der Mitteilung weiter. Das Virus wird vornehmlich durch verunreinigtes Trinkwasser übertragen.

Norbert Blüm übernachtet in Idomeni

Die miserablen Zustände in Idomeni hat der ehemalige deutsche Arbeitsminister Norbert Blüm scharf als "Anschlag auf die Menschlichkeit" kritisiert. Der 80-Jährige Blüm hält sich derzeit in dem Flüchtlingslager auf. "Diese Art von Brutalität ist unwürdig der europäischen Kultur", sagte er beim Besuch des Lagers. "Es ist eine Kulturschande."

Blüm kritisierte Österreich und andere mittel- und osteuropäische EU-Länder, die sich aktiv dafür eingesetzt hatten, dass die Grenzen entlang der Balkanroute für Flüchtlinge geschlossen wurden. "Was ist das eigentlich für eine Lösung? Die ziehen sich bequem zurück und sagen, Griechenland soll damit zurechtkommen", sagte Blüm. Sein Europa sei das nicht.

In Griechenland sitzen wegen der Grenzsperren weiter nördlich mehr als 40.000 Migranten fest, davon 12.000 allein im improvisierten Lager Idomeni, das unmittelbar an der Grenze zu Mazedonien liegt. Blüm stellte ein eigenes Zelt neben die Behausungen von Flüchtlingen, in dem er die Nacht zum Sonntag verbringen wollte. Bei der Besichtigung eines Großzeltes auf dem Gelände scharten sich Menschen um ihn und riefen: "Thank you, Germany!"

Griechenland verteilt Flyer

Der stellvertretende griechische Verteidigungsminister Dimitris Vitsas sagte, er hoffe, dass sich die Lage in Idomeni binnen einer Woche verbessern werde, ohne dass ein "Einsatz von Gewalt" nötig sei. Die Regierung versuche, die festsitzenden Flüchtlinge davon zu überzeugen, dass sie sich in die über das Land verteilten Aufnahmezentren begeben sollten, sagte Vitsas. Er hatte in den vergangenen Tagen immer wieder klargestellt, dass man gegen Familien und Kinder keine Gewalt anwenden werde, um das Lager zu räumen.

Mit Flyern in den Sprachen Arabisch, Farsi und Paschtu will die griechische Regierung die Menschen dazu bewegen, andere Flüchtlingslager aufzusuchen. "Die griechisch-mazedonische Grenze ist geschlossen. Griechenland bietet Ihnen Unterkunft, Versorgung mit Nahrungsmitteln und ärztliche Hilfe", heißt es auf den Handzetteln. "Wir bitten um Ihre Zusammenarbeit mit den griechischen Behörden. Suchen Sie die entsprechenden Auffanglager auf."

Derzeit verhandelt die Europäische Union mit der Türkei über ein Rücknahmeangebot aus Ankara. Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hatte der EU Anfang der Woche angeboten, Flüchtlinge aus dem Nachbarland zurückzunehmen.

Im Gegenzug verlangt Ankara unter anderem sechs Milliarden Euro von der EU sowie Visa-Freiheit für türkische Bürger und beschleunigte Beitrittsverhandlungen mit Brüssel. Das höchst umstrittene Angebot ist Thema des EU-Gipfels Ende der kommenden Woche.

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Quelle: n-tv.de

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