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Wichtigen Staudamm eingenommen: IS kontrolliert Wasser- und Stromversorgung

Die Kämpfe in Nordirak halten unvermindert an. Die extremistische IS kann jedoch Erfolge verbuchen. Sie erlangen die Kontrolle über einen Staudamm, der große Landesteile mit Energie versorgt. Auch ein erstes Ölfeld muss geschlossen werden.

Kämpfer der Extremistengruppe Islamischer Staat (IS) haben den größten Staudamm des Irak, die "Mossul-Talsperre", erobert und damit die Kontrolle über Wasser- und Stromversorgung weiter Landesteile erlangt. Der Staudamm 40 Kilometer nördlich von Mossul sei seit der Nacht in der Hand der Dschihadisten, sagte ein Sprecher der kurdischen Peschmerga-Truppen, die die wichtige Anlage zuvor bewacht hatten.

Peschmerga-Truppen und IS kämpften nach Angaben lokaler Medien an mehreren Fronten westlich des Sindschar-Gebirges gegeneinander. Die Kurden versuchten demnach, einen Fluchtkorridor für die eingeschlossenen Jesiden zu erkämpfen. Nach Angaben der kurdischen Nachrichtenseite Rudaw sind rund 50.000 Jesiden seit mehreren Tagen in dem Gebirge eingeschlossen. Mindestens 70 Menschen seien bereits an Unterversorgung gestorben. Viele würden sich inzwischen von Blättern ernähren, berichten Augenzeugen auf Rudaw.

Das Archivbild von 2007 zeigt einen irakischen Soldaten an der wichtigen "Mossul-Talsperre", die früher "Saddam Dam" hieß - inzwischen wurde das Gebiet von der IS eingenommen.
Das Archivbild von 2007 zeigt einen irakischen Soldaten an der wichtigen "Mossul-Talsperre", die früher "Saddam Dam" hieß - inzwischen wurde das Gebiet von der IS eingenommen.(Foto: dpa)

Wegen des Vormarsches musste auch ein erstes Ölfeld im Nordirak geschlossen werden. Der Ölkonzern Afren teilte mit, dass er vorsorglich die Arbeit an der Anlage Barda Rasch bis auf weiteres eingestellt habe. Alle nicht zwingend benötigten Mitarbeiter würden abgezogen. Erst am Donnerstag hatten die beiden US-Ölmultis Exxon Mobil und Chevron erklärt, einige Mitarbeiter in dem Gebiet in Sicherheit zu bringen. Die Lieferungen durch die kurdische Pipeline in die Türkei sind Insidern zufolge bislang von den Kämpfen unbeeinträchtigt. Der Konflikt trieb aber den Ölpreis in die Höhe.

Berlin beruft Krisenstab ein

Das Bundesaußenministerium berief derweil einen Krisenstab zur Lage im Nordirak ein und stockte die humanitäre Hilfe für die Flüchtlinge auf. "Die Ermordung, systematische Vertreibung oder Zwangskonversion von Christen, Jesiden und Angehörigen anderer Minderheiten durch die IS-Terroristen im Irak sind eine neue Dimension des Schreckens", erklärte Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Die Entscheidung von US-Präsident Barack Obama, Luftangriffe gegen die Extremisten zu erlauben, wollte das Auswärtige Amt zunächst nicht kommentieren.

Wer sind die Jesiden?

Die Jesiden sind eine religiöse Minderheit unter den Kurden. Weltweit wird geschätzt, dass es noch rund 800.000 Anhänger der Religion gibt - im Irak sollen bis zu 550.000 davon leben. Jeside wird man ausschließlich qua Geburt, eine Konversion ist nicht möglich. Die Religionsgemeinschaft missioniert nicht. Wer eine andersgläubige Person heiratet, lässt damit automatisch das Jesidentum hinter sich.

Die Jesiden verstehen sich als älteste Religion der Welt. Sie glauben an einen einzigen Gott, der sieben Engel geschaffen hat, die in verschiedenen Zeitaltern herrschen. Paradies und Hölle gibt es im Glauben der Jesiden nicht, stattdessen gehen sie von einer Wiedergeburt aus. Im Jesidentum herrscht ein strenges Kastensystem.

In ihrer Geschichte wurden die Jesiden immer wieder verfolgt. Die religiösen Rituale dürfen nicht vor Ungläubigen praktiziert werden - in den Augen vieler macht sie dies verdächtig. Die Terrorgruppe IS verunglimpft sie als "Teufelsanbeter".

US-Präsident Barack Obama hatte in der Nacht grünes Licht für Luftangriffe auf IS-Milizen zum Schutz amerikanischer Militärangehöriger und bedrohter Minderheiten im Nordirak gegeben. Zugleich kündigte er an, die USA hätten mit dem Abwurf von Hilfsgütern wie Lebensmitteln und Wasser begonnen, um die geflüchteten Menschen zu unterstützen.

Luftangriffe habe er insbesondere für den Fall autorisiert, dass IS-Kämpfer gegen die Stadt Erbil vorrücken sollten, in der sich auch US-Militärberater befänden, sagte Obama. Luftangriffe seien auch möglich, wenn die Kämpfer gegen die ins Sindschar-Gebirge geflüchteten Jesiden vorgingen. Es werde sich aber um "gezielte Operationen" handeln.

Steinmeier sagte, mit der Türkei würden derzeit Gespräche über Hilfeleistungen für den Nordirak geführt. Die Bundesregierung habe zunächst 2,9 Millionen Euro als humanitäre Soforthilfe zur Verfügung gestellt.

"Luftschläge allein reichen nicht"

Es gehe um den Schutz religiöser Minderheiten, ein Völkermord müsse verhindert werden, sagte Obama. Das Vorgehen der Kämpfer der Gruppe Islamischer Staat bezeichnete er als "barbarisch". Obama betonte aber auch, es würden keine US-Bodentruppen in den Irak geschickt.

Eine IS-Straßensperre an der Grenze zur kurdischen Autonomieregion.
Eine IS-Straßensperre an der Grenze zur kurdischen Autonomieregion.(Foto: REUTERS)

"Luftschläge allein werden nicht reichen", sagte der Nahostexperte Michael Lüders bei n-tv. "Es braucht eine politische Lösung und die kann nur darin bestehen, die irakische Regierung auszutauschen." Regierungschef al-Maliki vertrete allein schiitische Interessen und habe die Sunniten und auch die Kurden völlig an den Rand gedrängt, fügte Lüders an. Auch die USA geben dem derzeitigen irakischen Ministerpräsidenten eine Mitschuld am Wiedererstarken der Extremisten. Der Vormarsch des Islamischen Staates müsse jedoch aufgehalten werden, sagte Lüders. Die IS sei eine der schlimmsten und übelsten Terrorgruppen weltweit.

Auch Christen auf der Flucht

Mit der Eroberung der Stadt Mossul im Juni hatten sich IS-Milizen in der Region festgesetzt. Zunächst starteten sie den Vormarsch auf Bagdad und bekämpften vor allem Schiiten. Zuletzt rückten die Extremisten aber auch immer weiter in Richtung Norden an die Grenzen der Autonomieregion Kurdistan und damit in christliche sowie jesidische Gebiete vor. Nach der Einnahme der Stadt Sindschar waren Tausende Jesiden in die unwirtliche Bergregion geflüchtet und werden dort von IS-Kämpfern belagert.

Am Wochenende hatten die sunnitischen Extremisten das Hauptsiedlungsgebiet der Jesiden überfallen und laut Augenzeugen viele von ihnen getötet. Im Sindschar-Gebirge sind nach UN-Angaben 200.000 Menschen vor IS auf der Flucht. Die sunnitischen Extremisten betrachten die Jesiden als "Teufelsanbeter".

Nach Angaben des Patriarchen der chaldäisch-katholischen Kirche, Louis Raphael I. Sako, flohen auch Tausende Christen vor den IS-Gruppen. Demnach übernahm die IS die Kontrolle über Karakosch, die größte christliche Stadt des Irak. Die Islamisten hätten Kirchen besetzt, Kreuze abgenommen und Schriften verbrannt, sagte Sako.

Wegen des Irak-Konflikts kam es auch in Deutschland zu Ausschreitungen. Im westfälischen Herford brach zwischen IS-Sympathisanten und kurdischen Jesiden Gewalt aus.

Jesiden im IrakStepMap

Quelle: n-tv.de

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