Mardscha "eine Geisterstadt"ISAF erschießt Zivilisten
Allen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz töten Soldaten der Internationalen Schutztruppe ISAF erneut versehentlich mehrere Zivilisten. Die Großoffensive "Muschtarak" macht indes nach offiziellen Angaben Fortschritte, viele Aufständische sind offenbar getötet oder vertrieben.
Nach dem verheerenden Raketenangriff auf Zivilisten bei der Großoffensive in Südafghanistan haben Soldaten erneut Unbeteiligte getötet. Die Internationale Schutztruppe ISAF teilte mit, Soldaten hätten bei der Operation "Muschtarak" ("Gemeinsam") in der Provinz Helmand versehentlich drei Zivilisten erschossen. Außerdem starben in der Provinz Kandahar nach ISAF-Angaben fünf Unbeteiligte bei einem Luftschlag, der nicht Teil der Operation in der Nachbarprovinz Helmand war.
Bei der größten Offensive gegen die radikalislamischen Taliban seit dem Sturz ihres Regimes Ende 2001 waren am Sonntag in Helmand nach ISAF-Angaben zwölf Zivilisten getötet worden, als eine Rakete der Truppen ihr Ziel verfehlte.
Aufständische vertrieben
Die Offensive macht nach offiziellen Angaben unterdessen Fortschritte. Wie der britische Fernsehsender BBC unter Berufung auf afghanisches Militär berichtet, sind die Aufständischen aus den Regionen um Mardscha und Ali Nad vertrieben worden. Der Vormarsch der US-Truppen in Mardscha sei durch Sprengfallen und Heckenschützen gebremst worden.
Ein Korrespondent des Nachrichtensenders CNN, der mit der US-Marine-Infanterie unterwegs ist, sagte, Mardscha sei "praktisch eine Geisterstadt". Die Taliban seien schwer zu finden. Die Soldaten hofften, die Aufständischen würden aus ihren Verstecken auftauchen, damit sie bekämpft werden könnten. Oberstleutnant Mark Dietz von den Marines sagte dem Sender, die Stadt sei die "letzte Bastion" der Taliban im Tal des Helmand Flusses.
Kampfmoral der Taliban sinkt
Der Korrespondent der "New York Times" berichtete unter Berufung auf Offiziere, dass etwa ein Viertel der schätzungsweise 400 Taliban, die sich zu Beginn der Offensive am Samstag in Mardscha aufgehalten haben sollen, getötet worden sei. Eine etwa gleich große Zahl sei geflüchtet, darunter die meisten Anführer. Afghanische und amerikanische Offiziere sagten, die Kampfmoral nehme rapide ab, da sich die übrig gebliebenen Taliban von ihren Anführer verlassen fühlten und die örtliche Bevölkerung ihnen keinen Unterschlupf gewähre.
Oberst Scott Hartsell sagte einer Gruppe hoher Offiziere, unter denen der NATO-Oberkommandierende General Stanley McChrystal und der afghanische Verteidigungsminister Abdul Rahim Wardak waren, bei einer Einsatzbesprechung: "Sie rufen nach Hilfe und sie bekommen keine." Einige amerikanische und afghanische Kommandeure hofften, dass sie die Kampfphase der Operation innerhalb von drei bis vier Tagen abschließen könnten, hieß es in dem Blatt.
Entschädigung für Familien der Opfer
Nach dem Luftschlag vom Sonntag kündigten Regierung und Militärs indes an, Unbeteiligte besser zu schützen. Die ISAF teilte mit, in Kandahar sei eine Patrouille mit afghanischen und ausländischen Soldaten fälschlicherweise davon ausgegangen, dass Verdächtige eine Sprengfalle versteckten. Die ISAF bedauerte den "tragischen Unfall" und bekundete den Familien der Opfer ihr Mitgefühl. Der Vorfall werde untersucht. Die Familien würden entschädigt.
Der afghanische Innenminister Mohammad Hanif Atmar kündigte am Montag in Helmands Provinzhauptstadt Laschkarga an, man werde nach dem Tod der Zivilisten am Vortag auf den Einsatz schwerer Artillerie bei der Offensive verzichten und sich täglich mit Stammesältesten über die Operation "Muschtarak" beraten. Außerdem wolle die Regierung einen Radiosender im Kampfgebiet installieren, um Zivilisten besser zu informieren.
Größte Offensive seit 2001
Die Operation mit 15.000 afghanischen und ausländischen Soldaten ist die größte Offensive gegen die Aufständischen seit dem Sturz des Taliban-Regimes. Mit ihr sollen die Taliban aus den Distrikten Mardscha und Nad Ali vertrieben und eine Wende erzwungen werden. Die größten Kontingente der ausländischen Truppen bei der Operation stellen Amerikaner und Briten. Außerdem nehmen Soldaten aus Kanada, Dänemark, Estland und Frankreich teil. Offiziell führen die Afghanen das Kommando. Anders als bei früheren Offensiven, als die Truppen nach dem Ende der Kämpfe wieder abzogen, soll die Bevölkerung diesmal nach der Operation nicht wieder alleingelassen werden.