Politik
Eine Spezi gegen den Frust: Klaus hatte schon bessere Tage.
Eine Spezi gegen den Frust: Klaus hatte schon bessere Tage.(Foto: Julian Vetten)
Mittwoch, 30. August 2017

Auf eine Spezi in Langenzenn: "Ich bin wegen einer Tüte am Arsch"

Von Julian Vetten, Langenzenn

Die bayerische Drogenpolitik gilt als besonders hart: Schon kleinste Mengen Cannabis reichen im Freistaat im Zweifel für eine Anzeige wegen Drogenbesitzes aus. Klaus fürchtet wegen eines Joints um seine Zukunft - und wählt jetzt grün.

In Deutschland leben mehr als 82 Millionen Menschen - und doch kommen viel zu oft nur die üblichen Verdächtigen oder die mit den lautesten Parolen zu Wort. Um das zu ändern, reisen wir bis zur Bundestagswahl am 24. September durch das Land und bitten Menschen um ihre Meinung, die sonst damit hinter dem Berg halten würden. Die Artikel erscheinen immer mittwochs. Diese Woche sind wir zu Gast in Langenzenn in Mittelfranken.

Langenzenn ist ein steiniger Ort: Die gedrungenen Häuschen entlang der Hauptstraße sind genauso steinern wie das steinerne Heimatmuseum, das steinerne Kloster und das steinerne Rathaus, die sich auf dem steinigen Marktplatz aneinanderkuscheln. Auf den steinigen Stufen vor dem steinernen Standesamt sitzt Klaus* inmitten ausgerissener Rosenblätter, trinkt mit kleinen Schlucken Spezi aus der Dose und hat ganz andere Dinge im Kopf als das beeindruckende Ensemble seiner Heimatstadt oder die Hochzeitsgesellschaft, die hier vor ein paar Minuten durchgekommen ist.

Die steinernen Stufen vor dem Langenzenner Standesamt: Hier wird nicht nur geheiratet, sondern auch mit der bayrischen Drogenpolitik gehadert.
Die steinernen Stufen vor dem Langenzenner Standesamt: Hier wird nicht nur geheiratet, sondern auch mit der bayrischen Drogenpolitik gehadert.(Foto: Julian Vetten)

"Ich bin am Arsch", sagt der kräftige junge Mann mit dem Undercut und verzieht das Gesicht zu einem bitteren Grinsen, "wegen einer Tüte". Klaus ist Anfang des Sommers auf dem Nachhauseweg von einem Heimspiel seines Fußballvereins Greuther Fürth, als er am Hauptbahnhof von einer Polizeistreife aufgegriffen wird: "Ich war noch mit Freunden ein paar Biere trinken und später dran als sonst", erzählt Klaus. Das allein ist zwar auch in Bayern keine Straftat, "aber die Bullen hier nutzen doch jede Gelegenheit, um dich zu ficken".

Und zwar so richtig: Die Polizisten durchsuchen den Fürth-Fan von oben bis unten, so erzählt er es zumindest. Dabei hätten sie dazu eigentlich gar keine Handhabe, weil Klaus sich ordnungsgemäß ausweisen kann. Dass eine Durchsuchung in dem Fall nur auf freiwilliger Basis stattfinden darf, verschweigen die Beamten Klaus zufolge. Pech für den jungen Mann, der die Prozedur eingeschüchtert über sich ergehen lässt: In einer Seitentasche seiner Hose finden die Polizisten einen fertiggedrehten Joint.

"Es fehlt die Verhältnismäßigkeit"

Wo ist das Gesicht zur Geschichte?

Politik ist für die meisten Menschen eine Privatangelegenheit, abseits vom Stammtisch darüber zu sprechen noch immer ungewöhnlich. Unsere Gesprächspartner in dieser Serie sagen ihre Meinung frei heraus, manche von ihnen befürchten aber, deswegen zum Thema für den Nachbarschaftstratsch zu werden - und bitten uns, auf Fotos zu verzichten. Wir respektieren diesen Wunsch.

Zwischen 0,1 und 0,3 Gramm Marihuana enthält ein Joint, solange man ihn, wie in Deutschland üblich, mit Drehtabak gestreckt raucht. Eine lächerlich kleine Menge, wenn man bedenkt, dass der Besitz von Gras zwar strafbar ist, in den meisten Bundesländern aber erst ab einer Grenze von sechs Gramm grundsätzlich zu einer Anzeige führt. Auch in Bayern gilt diese Höchstmenge, unter der von einer Strafverfolgung abgesehen werden kann, obwohl nur acht Prozent der Verfahren tatsächlich wegen Geringfügigkeit eingestellt werden - in Schleswig-Holstein sind es dagegen rund die Hälfte.

"Was uns in Bayern fehlt, ist jegliche Verhältnismäßigkeit", schimpft Klaus: "Der Hoeneß und die ganzen anderen Großkopferten können so gut wie ungestraft Millionen an Steuern hinterziehen und ich muss mich wegen einer Tüte wie ein Schwerverbrecher fühlen." Es ist zwar nirgendwo genau dokumentiert, was die Anti-Drogen-Arbeit von Polizei, Justiz und Zoll pro Jahr genau kostet. Dass sie aber vor allem in Bayern unverhältnismäßig teuer sein muss, zeigt das Beispiel von Klaus: "Die haben mich nicht nur gefilzt, sondern sind dann auch noch mit großem Aufgebot bei mir zu Hause durchgegangen." Ohne etwas zu finden, es blieb bei dem einen gefundenen Joint - und der Anzeige.

Eine Stimme für die Grünen

"Meine Eltern gehen auf dem Zahnfleisch, die Nachbarn tuscheln und ich hab echt keine Ahnung, wie es weitergehen soll", fasst Klaus die Situation zusammen. Um seinen Ausbildungsplatz muss er sich zwar wohl nicht fürchten - "mein Chef ist cool, der kifft doch selber" - aber vor einer Verhandlung hat Klaus dann doch eine Heidenangst: Zwar ist eine Verurteilung selbst im strengen Bayern unwahrscheinlich, weil Klaus nicht vorbestraft ist - vor Gericht wird sein Fall aber wahrscheinlich trotzdem landen. Schon allein deshalb, weil sich die Behörden einen erzieherischen Effekt davon erhoffen. Experten halten den konventionellen Kampf gegen Drogen dagegen für verloren und fordern seit Jahren eine Liberalisierung der Politik: Die Legalisierung von Marihuana in einigen Bundesstaaten der USA und in dem südamerikanischen Uruguay zeigt, wohin die globale Stoßrichtung im Umgang mit Gras geht. Und auch Bundesländer wie Berlin haben die Zügel der Strafverfolgung bereits gelockert, um mehr Energie für die Aufklärung anderer Verbrechen freimachen zu können.

Das alles hilft Klaus im Moment freilich nicht weiter, auch wenn der junge Mann bereits seine ganz persönlichen Schlüsse gezogen hat: "Grün ist meine Lieblingsfarbe: Mein Verein ist grün, Gras ist grün, und dreimal dürfen Sie raten, wem ich bei meiner ersten Bundestagswahl überhaupt meine Stimme geben werde." Die Grünen dürften sich freuen, das zu hören: Die Partei, die eine Entkriminalisierung von Cannabis in ihrem Wahlprogramm fordert, steht nach aktuellen Umfragen bei miesen 7 Prozent und kann jede Stimme gebrauchen - vor allem, wenn sie einem Erstwähler aus dem steingrauen Langenzenn gehört.

*) Der Name ist eine Erfindung der Redaktion. Wir haben ihn noch einmal geändert, um Missverständnisse zu vermeiden.

Quelle: n-tv.de

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