Dienstag, 06. Januar 2009
"Amputieren ohne Pause": Immer mehr zivile Opfer
Die Zahl ziviler Opfer im Gazastreifen ist nach Angaben eines norwegischen Arztes stark gestiegen. Mads Gilbert, der in einem Krankenhaus in Gaza-Stadt arbeitet, sagte der "Süddeutschen Zeitung" und dem "Tagesspiegel" in einem Telefongespräch: "Wir amputieren am laufenden Band. Die Korridore sind voll mit Verstümmelten." Der Narkosearzt, der im Schifa-Hospital in Gaza-Stadt hilft, sagte, bisher seien 117 Kinder getötet und 744 verletzt worden.
Zwei westliche Mediziner im Gazastreifen
Gilbert, der als Professor an der Universität von Tromso arbeitet, und sein Landsmann, der Chirurg Erik Fosse, sind laut dem Bericht die einzigen westlichen Mediziner, die derzeit im Gazastreifen sind. Nach Angaben Gilberts treffen israelische Angriffe auch Sanitäter und Krankenhäuser. "Heute sind zwei Ambulanzen getroffen worden. Zwei Pfleger wurden getötet, sie wurden gezielt angegriffen", sagte er. "Einem Kind habe ich heute eine Hand amputiert, das Kind verlor elf Familienmitglieder. Wir haben ein neunmonatiges Baby, dessen ganze Familie von Israelis getötet wurde. Die Zahl der zivilen Opfer steigt rapide an. Am Montagabend waren es 540 Tote und 2550 Verletzte. 30 Prozent der Toten und 45 Prozent der Verletzten sind Frauen und Kinder."
"Wir hören die Bomben und warten auf Verwundete"
Der Arzt stellte die Lage im Schifa-Hospital, mit 590 Betten das größte Krankenhaus im Gazastreifen, als dramatisch und sich rapide verschlechternd dar. Es sei eine Moschee nahe der Klinik bombardiert worden. Alle Scheiben des Krankenhauses seien zerstört worden. "Es sind im Moment sieben Grad Celsius draußen, alle Patienten frieren", sagte er. "In diesem Krankenhaus gibt es derzeit fünfzig Ärzte, Pfleger und freiwillige Helfer", so Gilbert weiter. "Wir hören die Bomben und warten auf neue Wagenladungen voller Verwundeter. Ich habe noch nie gesehen, dass sich Menschen so aufopfern wie diese palästinensischen Ärzte und Helfer."
Gilbert sagte: "Wir Ärzte behandeln hier jeden. Wir würden auch israelische Soldaten versorgen. Aber: Ich habe hunderte Patienten gesehen, darunter waren nur zwei Hamas-Kämpfer." Seit Fosse und er hier seien, "arbeiten wir rund um die Uhr".
"Das Bombardement muss aufhören"
Mads Gilbert konnte am Neujahrstag über den ägyptischen Grenzübergang in Rafah nach Gaza einreisen, nachdem die norwegische Regierung sehr großen diplomatischen Druck auf die ägyptische Führung ausgeübt hatte. Die ägyptische Regierung lässt derzeit weder Helfer noch Journalisten in den Gazastreifen einreisen. Nach den Worten des Arztes ist es "vordringlich, dass das Bombardement aufhört, Israel die Grenzübergänge öffnet und Lebensmittel und Treibstoff nach Gaza lässt".
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