Politik
Hayir - Nein. Protest in Istanbul am Abend der Wahl. In der Stadt am Bosporus gab es eine Mehrheit gegen die Verfassungsänderung.
Hayir - Nein. Protest in Istanbul am Abend der Wahl. In der Stadt am Bosporus gab es eine Mehrheit gegen die Verfassungsänderung.(Foto: REUTERS)
Montag, 17. April 2017

Was wird aus dem Kurdenkonflikt?: In Gazi gibt es wenig Hoffnung auf Frieden

Von Issio Ehrich, Istanbul

Präsident Erdogan gewinnt sein Referendum. Vielleicht ermöglicht das, die Eskalationsspirale, in der türkischer Staat und gewaltbereite Kurden stecken, zu durchbrechen? Ein Besuch im Istanbuler Armenviertel Gazi dämpft jeden Optimismus.

Die Vorzeichen waren verheerend. Am Freitag fuhren Oğuzhan Erkul und Barış Kerem mit ein paar Freunden durch den Istanbuler Stadtteil Gazi. Es war 22 Uhr, als die Polizei sie zum Anhalten aufforderte. Für einen kurzen Moment müssen sie sich gefragt haben, was sie tun sollen. Niemand im Auto hatte einen Führerschein. Sie fuhren weiter. Die Polizei eröffnete das Feuer. Erkul und Kerem, beide 17 Jahre alt, starben.

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In Gazi, einem ärmlichen Arbeiterviertel eine halbe Stunde von Istanbuls Zentrum entfernt, leben viele Aleviten und Kurden – und viele Menschen mit Verbindungen zur verbotenen Arbeiterpartei PKK und ihren Schwesterorganisationen. Nirgends in Istanbul ist die Stimmung so angespannt wie hier. Die Behörden gehen immer auf Nummer sicher.

Am Tag des Referendums kreist schon lange, bevor ein Ergebnis absehbar ist, ein Polizeihubschrauber über dem Viertel. Gepanzerte Fahrzeuge mit schweren Maschinengewehren auf dem Dach rollen durch die Straßen, oft gefolgt von Wasserwerfern, die die meisten Türken seit den Gezi-Protesten 2013 nur kurz "Tomas" nennen. Zeigt sich hier, was der Ausgang des Referendums für die Zukunft des Kurdenkonflikts bedeutet?

Die befürchtete Eskalation bleibt in dieser Nacht aus. Aber was heißt das schon in einem Viertel wie Gazi, in dem eine ganz andere Normalität herrscht. Wer hier einen "fast normalen" Abend erlebt, verliert schnell die Hoffnung, dass Erdogans Sieg die Eskalationsspirale, in der gewaltbereite Kurden und der Staat stecken, durchbrechen kann.

"Das wird unser Ende sein"

Die Jungs am Kreisverkehr sagen: "Nicht in die Richtung", und zeigen auf die Straße, die zum alevitischen Versammlungshaus führt. "Da läuft gerade eine Razzia." Wie so oft bei Halbwüchsigen weiß man nicht, ob man ihnen glauben soll. Als die ersten Leute mit tränenden Augen die Straße herunterkommen, ist es Gewissheit. Sie berichten, dass die Polizei die Beerdigung der beiden Jungen, die am Freitag ohne Führerschein gefahren sind, mit Tränengas und Wasserwerfern aufgelöst hat. Eine Weile sind noch Sirenen zu hören, ein Krankenwagen fährt vor einer Privatklinik vor. Dann kehrt wieder Ruhe ein.

Es ist kurz vor acht Uhr. In einem "Kiraathane", einem typischen türkischen Männercafé in der Nähe, sitzen Raber und Kenan und starren auf den Fernseher. Zwar lagen die Erdogan-Befürworter bisher in allen Hochrechnungen vorn, doch noch erscheint alles möglich. "Wenn das Nein-Lager gewinnt, tanz ich Halay", sagt Raber und meint einen traditionellen Volkstanz aus dem Osten der Türkei. "Wenn das Ja-Lager gewinnt, wird das unser Ende sein."

Das Misstrauen der Kurden ist mindestens so groß wie das der Polizei

Bis ins Jahr 2015 sah es noch so aus, als könnte es unter Präsident Erdogan gelingen, den alten Konflikt, der schon Zehntausende Leben gekostet hat, beizulegen. Erdogan setzte auf Deeskalation, er machte diverse Zugeständnisse an die kurdische Minderheit im Land. Es kam zu Friedensgesprächen mit dem inhaftierten PKK-Führer Abdullah Öcalan auf der Gefängnisinsel Imrali, sogar zu einem Waffenstillstand. Öcalan kündigte den Abzug seiner Kämpfer aus der Türkei an, er versprach, Konflikte künftig auf demokratischem, parlamentarischem Wege auszutragen. Doch dieser Versuch scheiterte, nachdem es der prokurdischen Partei HDP gelang, in das Parlament einzuziehen und Erdogans Regierungspartei AKP die absolute Mehrheit zu nehmen. Zugleich erschütterten Terroranschläge das Land, für die auch die PKK verantwortlich zeichnete. Die Gewalt eskalierte – vor allem im Osten des Landes. Hunderte verloren das Leben, Hunderttausende wurden aus ihrem Zuhause vertrieben.

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Erdogan wird vorgeworfen, diese Eskalation bewusst in Kauf genommen zu haben, um die parlamentarischen Kurdenvertreter zu diskreditieren, sich als starker Mann in Szene zu setzen und als Führer unersetzlich zu wirken. In dieser Logik könnte er jetzt, da er das Mandat zum übermächtigen Präsidenten hat, wieder abrüsten. Doch Raber glaubt nicht daran. "Er wird das Referendum eher als Auftrag verstehen, noch härter zuzuschlagen", sagt er. Nach zwei Jahren maximaler Konfrontation ist das Misstrauen auf Seiten der Kurden in Gazi mindestens so groß wie das der Polizei.

Er wolle ja Frieden, sagt Raber. Schließlich trügen weder die jungen Männer in Militär und Polizei noch die in den Bergen Schuld. Schuld sei nur die Regierung. "Aber irgendetwas müssen wir doch tun." Das Wahlergebnis wird Raber bis zum Ende des Abends nicht anerkennen. "Da wurde doch überall geschummelt", sagt er.

Was ist Provokation? Was ist Reaktion?

Draußen rollt jemand Autoreifen auf die Straße. Wenig später fahren vorm Fenster wieder Panzerwagen und Tomas vorbei, die mit ihren großen Schaufeln an der Front die Reifen beiseiteschieben. "Ich musste 1994 aus meinem Dorf im Osten des Landes fliehen, weil es niedergebrannt wurde", sagt Kenan. Seither lebt er in Gazi. Er zeigt nach draußen. "Wir müssen seit jeher damit leben. Und die werden den Druck jetzt erhöhen." Das Gespür dafür, was Provokation ist und was Reaktion, verschwimmt in Gazi völlig.

Protest mit Kochtöpfen in Istanbul.
Protest mit Kochtöpfen in Istanbul.(Foto: dpa)

Gegen neun Uhr lässt auch der letzte in dem Männercafé seine Hoffnungen fahren, dass das Nein-Lager doch noch gewinnen könnte. Plötzlich ein Knall. Alle zucken zusammen. Dann lachen alle. Der berauschte Typ hinten in der Ecke, der eben noch mit seinen Kumpels Okey gespielt hat, ist vom Stuhl gefallen. Kenan sagt: "Hier kann immer was passieren. Plötzlich stehen maskierte mit Sturmgewehren auf der Straße - entweder um Stärke zu demonstrieren oder tatsächlich den Staat anzugreifen." Auch heute? "Ich glaube nicht", sagt Kenan. "Da ist einfach zu viel Polizei." Ob er diese Gewalt unterstütze? "Wenn man Menschen so lange so sehr unter Druck setzt, greifen sie natürlich irgendwann zu den Waffen." Auch er halte das für die richtige Reaktion.

Kenan hat sich selbst auch gerade eine Waffe gekauft. "Eigentlich für den Kampf gegen den Islamischen Staat", sagt er. Doch jetzt, da er sie hat, glaubt er, dass er sie eher für das einsetzen wird, was er als "richtige Reaktion" auf staatlichen Druck bezeichnet. "Im Frühling wird ein Bürgerkrieg ausbrechen", prophezeit Kenan. "Und er wird hier in Gazi beginnen." Kenan sagt, die Leute hätten sich während des Wahlkampfes sehr zurückgehalten. Jetzt, nach diesem, wie es Kenan sagt, "gestohlenen Sieg", wäre es einfach genug. Kenan und Raber gehen heim.

Feuer statt kreativer Protest

Auf dem Fernseher erscheint Ministerpräsident Binali Yildirim. Er sagt Sätze wie: "Das Volk hat sein letztes Wort gesprochen. Und dieses Wort ist: Ja." Die "Verräter" sollten nun einsehen, dass "wir Brüder und Schwester sind, eine geeinte Nation". Die Hochrechnungen pendeln sich zu dieser Zeit bei 51 Prozent für das Ja und 49 Prozent für das Nein-Lager ein.

In anderen Stadtteilen Istanbuls hämmern die Leute mit Löffeln auf Töpfe und Pfannen, um ihrem Protest gegen das umstrittene Ergebnis Ausdruck zu verleihen. Die Bilder gehen um die Welt. In Gazi legt nicht weit vom Männercafé entfernt jemand Feuer. Panzerwagen, Tomas, Tränengas. Leute flüchten sich in Hauseingänge, schließen Fenster und Türen.

Das Feuer ist noch nicht gelöscht, doch dafür, dass das Leben auf den Straße Gazis weitergeht, reicht es, wenn die beißende Chemie aus der Luft verzogen ist. Es kann ein gutes Zeichen sein, dass diese Nacht trotz des Referendums eine Nacht wie viele andere in diesem Viertel geworden ist. Doch viel Hoffnung auf ein Ende der Gewalt lässt sich hier nicht schöpfen.

Quelle: n-tv.de

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