Politik
Nordkoreanische Fußballfans bei einer Partie gegen die Philippinen in Pjöngjang: Auch der Jahrestag der Partei dürfte gut durchchoreografiert sein.
Nordkoreanische Fußballfans bei einer Partie gegen die Philippinen in Pjöngjang: Auch der Jahrestag der Partei dürfte gut durchchoreografiert sein.(Foto: REUTERS)

Pjöngjang vor dem Jahrestag: "In Nordkorea ist Pompöses zu erwarten"

Nordkorea wirkt wie ein Relikt, Veränderungen sind kaum in Sicht. Lars-André Richter, Leiter der Friedrich-Naumann-Stiftung in Seoul, sagt im n-tv.de-Interview: "Es gibt Öffnungstendenzen, aber die sind Teil der offiziellen Regierungslinie."

n-tv.de: Die Arbeiterpartei Nordkoreas feiert ihr 70. Jubiläum. Welchen Stellenwert hat dieser Tag in dem Land?

Lars-André Richter: Er ist extrem wichtig. Nordkorea bereitet sich schon seit etwa einem Jahr darauf vor. Mitte August ist der 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs begangen worden. Ich bin in der Woche davor in Nordkorea gewesen. Was aus Anlass dieses Jubiläums auf die Beine gestellt wurde, ließ sich schon sehen. Aber es war längst nicht so pompös wie das, was jetzt zu erwarten ist. Es wird wohl eine Militärparade geben. Und das Regime bemüht sich sehr intensiv um internationales Publikum und internationale politische Prominenz.

Lars-André Richter leitet das Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung in Seoul. Er reist mehrere Male im Jahr nach Nordkorea, die Stiftung berät Pjöngjang in Entwicklungsfragen.
Lars-André Richter leitet das Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung in Seoul. Er reist mehrere Male im Jahr nach Nordkorea, die Stiftung berät Pjöngjang in Entwicklungsfragen.

Wie erfolgreich ist das Regime dabei?

Ein hochrangiger Vertreter Chinas hat zugesagt. Das könnte es schon sein. Ich habe mal nachgeschaut, wer vor zehn Jahren zur 60-Jahr-Feier gekommen ist. Da reiste ein chinesischer Vize-Premierminister, aber auch ein Vertrauter von Wladimir Putin an. Diesmal versucht das Regime intensiv, Touristen zu motivieren, zu kommen und mitzufeiern.

Über die wahren Probleme können die prunkvollen Feiern nur schwer hinwegtäuschen. Sie sind regelmäßig in Nordkorea. Wie ist Ihr Eindruck von der Situation für die Bevölkerung?

Das ist sehr schwer zu sagen. Ich bin zwar etwa drei Mal pro Jahr in Nordkorea. Aber als Ausländer bekommt man natürlich immer nur einen Ausschnitt gezeigt. Mit Menschen auf der Straße ins Gespräch zu kommen oder über Land zu fahren und einfach irgendwo auszusteigen, ist nicht ganz so einfach möglich. Wir sind auch meistens in Pjöngjang und dort auch nur an bestimmten Stellen.

Aber ganz verbergen lassen sich hungernde Menschen oder andere Probleme doch sicher nicht, falls es sie gibt.

Als wir im August da waren, wurde gerade viel über Ernteausfälle und damit verbundene Hungersnöte spekuliert. Gezeigt hat man uns nichts. Bei einem Besuch im März fuhren wir etwa zweieinhalb Stunden mit dem Auto über Land nach Wonsan, eine Hafenstadt im Osten. Die Flüsse waren weitestgehend ausgetrocknet. Das ist nicht folgenlos für die Landwirtschaft. Aber auch für die Energiegewinnung ist das schwierig, da Nordkorea auf Wasserkraft setzt. Während unseres Besuchs fiel wiederholt der Strom aus.

Es hat immer wieder Berichte über leichte Tendenzen des Wandels gegeben. Ist das wirklich erkennbar?

Zumindest in der Hauptstadt, ja. Pjöngjang ändert sich. Im Vergleich zu früher ist es bunter geworden. Es sind mehr Autos auf den Straßen zu sehen und immer mehr Leute haben Mobiltelefone. Da steckt aber natürlich auch eine Strategie dahinter. Denn Pjöngjang ist ein Schaufenster – nach außen wie nach innen. Hier passiert einfach mehr als in den kleinen Städten oder auf dem Land.

Führt das zu einer richtigen Öffnung?

Öffnungstendenzen gibt es, aber sie sind Teil der offiziellen Regierungslinie. Schon seit Anfang der 2000er Jahre, also noch unter Kim Jong Il, sind marktwirtschaftliche Mechanismen zugelassen worden. Kim Jong Un setzt das fort. Landwirte dürfen etwa Teile ihres Ertrags behalten, kleinerer Handel wird geduldet. Das ist auch einer der Gründe, warum wir als Naumann-Stiftung seit 2004 vor Ort aktiv sind. Nordkorea fragt westliches Know-how gezielt nach.

Sie sitzen in Seoul. Wie denken die Südkoreaner über Nordkorea?

Die Menschen hier haben sich daran gewöhnt, dass es zwei Koreas gibt. Und sie sind daran gewöhnt, dass Pjöngjang immer mal wieder, sagen wir mal, auf sich aufmerksam macht. Wir hatten ja vor ein paar Wochen erst so einen Fall [Anm. d. Red.: Die Detonation einer Landmine an der Grenze hatte damals zwei südkoreanische Soldaten schwer verletzt. Nordkorea war dagegen verstimmt wegen der Beschallung der Grenzregion mit überdimensionalen Propagandalautsprechern]. Das war hier natürlich auch ein großes Thema. Aber es ist nicht so, dass dann alle Lebensmittel hamstern und sich einbunkern. Solche Konflikte, Scharmützel, Drohungen – das hat man hier ein, zwei Mal im Jahr.

Und wie gehen die Menschen mit der Teilung ihres Landes um?

Man muss schon fast Mitte 80 sein, um plastische Erinnerungen an ein ungeteiltes Korea zu haben. Bei den älteren Südkoreanern ist der Wunsch nach einer Überwindung der Teilung viel stärker ausgeprägt als bei den Jungen. Auch wenn Sie von Seoul aus mit dem Fahrrad an die Grenze fahren können, sind die USA, Europa oder China den Jüngeren gefühlt näher.

Wie sind die Aussichten auf eine Wiedervereinigung?

Die Wiedervereinigung ist ein Thema, das hier jeder auf der Agenda hat. Und das geht über Sonntagsreden hinaus. Die Wiedervereinigung muss irgendwann kommen und sie wird irgendwann kommen.

Mit Lars-André Richter sprach Johannes Graf

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen