Politik
Nach zehn Jahren relativer Ruhe wird die Mauer jetzt abgebaut ...
Nach zehn Jahren relativer Ruhe wird die Mauer jetzt abgebaut ...(Foto: Sahm)

"Das Schandmal ist weg": Jerusalem reißt Mauer ein

Ulrich W. Sahm, Jerusalem

Vor zehn Jahren errichtet Israel eine Mauer, um die Siedlung Gilo in Jerusalem während der Zweiten Intifada vor Angriffen der Palästinenser zu schützen. Jetzt rückt die Armee an und baut die Mauer wieder ab.

Die "Mauer" aus grauen Betonsegmenten verschandelt seit Ende 2000 die Landschaft in Jerusalem und anderswo entlang der Grenze zwischen Israel und den besetzten Gebieten. Im Jerusalemer Viertel Gilo, von der UN auch als "Siedlung" definiert, wird jetzt ein erstes 800 Meter langes Teilstück der Mauer von Pionieren der israelischen Armee zurückgebaut und durchnummeriert "für alle Fälle" eingelagert.

... und durchnummeriert eingelagert.
... und durchnummeriert eingelagert.(Foto: Sahm)

Die ersten Mauern wurden kurz nach Ausbruch der Zweiten Intifada im Süden Jerusalems errichtet. Es handelt sich um etwa 3 Meter hohe Betonsegmente, vorgefertigte Mauern mit einem breiten Sockel, der "Berliner Mauer" nachempfunden.

Palästinenserpräsident Jassir Arafat hatte einst die Taktik ersonnen, das Jerusalemer Viertels Gilo von der friedlichen, wohlhabenden und überwiegend christlichen Ortschaft Beth Dschallah aus beschießen zu lassen. Pünktlich zu Beginn der Fernsehnachrichten um 20 Uhr, als auf der israelischen Seite die TV-Übertragungswagen bereit standen, positionierten sich dann schwerbewaffnete Beduinen zwischen christlichen Villen und wohltätigen, von der EU finanzierten Einrichtungen. Die Beduinen beschossen mit schweren Maschinengewehren das israelische Wohnviertel auf dem Hügel gegenüber.

Sichtblenden aus Beton beenden Kämpfe

Nachdem die ersten israelischen Bürger in ihren Wohnungen oder auf der Straße getroffen worden waren, behalfen sie sich mit Sandsäcken und Stahlplatten vor ihren Fenstern. Bereitstehende israelische Panzer orteten die Quelle des palästinensischen Feuers und schossen zurück. Doch die Beduinen waren auf ihren Motorrädern längst verschwunden, sodass die israelischen Granaten christliche Villen und kirchliche Einrichtungen trafen. Der Vatikan und der amerikanische Präsident protestierten. Arafat erfreute sich des internationalen Drucks auf Israel.

Villen palästinensischer Christen in Beth Dschala dienten Beduinen-Kämpfern als Stellungen und wurden von israelischen Panzergranaten zerstört.
Villen palästinensischer Christen in Beth Dschala dienten Beduinen-Kämpfern als Stellungen und wurden von israelischen Panzergranaten zerstört.(Foto: Sahm)

Es hätte wohl kaum einen solchen diplomatischen Druck und ein solches Interesse der Presse gegeben, wenn der palästinensische Beschuss von einem unbekannten muslimischen Dorf ausgegangen wäre. Der Spuk endete erst, als die Israelis die Sichtblenden aus Beton errichteten, Schulhöfe einmauerten und keine Zivilisten mehr getroffen werden konnten.

Im Laufe der Zeit wurde diese Mauer, ähnlich der Berliner Mauer, von Künstlern und Kindern bunt gestaltet. Einige malten die nun versteckte Landschaft hinter der Mauer auf den grauen Beton.

"Und wenn wieder geschossen wird?"

Nach mehreren Jahren Ruhe hat das Militär jetzt beschlossen, die Mauer abzubauen und einzumotten. Innerhalb von Minuten hebt ein Kranwagen zwei Segmente auf einmal mit einer Kette auf einen Sattelschlepper. Innerhalb von drei Tagen sind schon 500 Meter Mauer spurlos verschwunden. "Endlich ist das Schandmal wieder weg", sagt ein Mann. "Jerusalem wird um eine Touristenattraktion ärmer", meint ein Schweizer Reiseleiter, der seine Gruppen dorthin führte, um den Konflikt zu erklären. "Ich war so froh um die Mauer. Sie ersparte mir den Anblick dieser schrecklichen Araber", geifert eine ältere Frau ohne Scham, ihre rassistische Einstellung zur Schau zu stellen. "Und was machen wir, wenn wieder geschossen wird?" fragt eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm. Ein Soldat beruhigt sie: "Dann können wir die Mauer jederzeit ganz schnell wieder herbringen."

Künstler haben die Mauer mit verschiedenen Motiven bemalt.
Künstler haben die Mauer mit verschiedenen Motiven bemalt.(Foto: Sahm)

Während Israel zunächst Schutzmauern am Rand jüdischer Viertel errichtete, um seine Bürger zu schützen, ging die Regierung unter Ariel Scharon ab 2003 dazu über, fast 10 Meter hohe Mauern als Sicht- und Schussblenden den Palästinensern vor die Nase zu setzen. Erst dann setzten palästinensische und internationale Empörung über die Höhe, die Hässlichkeit und den Verlauf der Mauer ein, die gegen die Menschenrechte der Palästinenser verstoße.

Auch Straßensperren verschwinden

Jedes Mauersegment, dessen Zement Fabriken des ehemaligen palästinensischen Ministerpräsidenten Ahmad Qureia anlieferte, ist mit Ösen aus Stahl versehen. Eines Tages könnte auch die berühmtere große "Mauer" genauso schnell wieder abgebaut werden, wie jetzt die Schutzmauer im Viertel Gilo.

Dank einer spürbaren Beruhigung im Westjordanland sind in den vergangenen Monaten schon unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die meisten Straßensperren innerhalb der besetzten Gebiete verschwunden.

Der Nahe Osten ist sein Metier. Ulrich W. Sahm berichtet seit Mitte der 1970er Jahre aus der Region. Er ist immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der Nachricht.

Quelle: n-tv.de

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